Ein Thriller mit deutlichen Bezügen zur deutschen Gegenwart

WEIMAR. (fgw) Der Münchner Bookspot-Verlag hat jetzt mit Jürgen Siegmann einen Autor gewonnen, dessen Debüt in diesem Verlag aufhorchen läßt: Hierbei handelt es sich um den Polit-Thriller„Schattenmensch“.


Liest man den Klappentext, könnte man vorschnell meinen, daß Siegmann sensationsheischend nur ein Modethema aufgegriffen hat, denn zu unwahrscheinlich klingt dort ein Satz wie dieser: „Rechtsradikale in hohen Positionen planen nichts Geringeres als den Sturz der Regierung." Doch schon nach wenigen Seiten weiß ein halbwegs gebildeter Leser, daß diese Formulierung gar nicht so abwegig sein könnte.

 

Die Geschichte, im Hochsommer des Jahres 2016 in Köln (!) spielend, hat einen Prolog mit dem realen Münchner Oktoberfest-Attentat am 26. September 1980. Rechtsradikale Kreise wollten seinerzeit mit diesem Anschlag Stimmung gegen Links machen, das Attentat sollte ihnen untergeschoben werden. Nur durch Zufälle wurde aber offenbar, daß dieses eindeutig von einem Ultrarechten verübt worden war. Nach den Hintermännern wollte „man" aber nicht suchen. Dazu schreibt Siegmann in aller Deutlichkeit: „Zuerst versuchte die Regierung, es als Anschlag der Linken darzustellen, aber dummerweise kam einer der Attentäter durch seine eigene Bombe ums Leben. Damit war er das perfekte Bauernopfer und wurde als Einzeltäter hingestellt. Somit wurde vertuscht, daß es sich um einen rechtsradikalen Anschlag handelte." (S. 104)

 

Doch zurück nach Köln im August 2016: Maundu Odara aus Kenia ist „Migrant" und lebt als solcher illegal in Deutschland. Nur mit diversen Jobs kann er sich einigermaßen „über Wasser halten". Unter anderem pflegt er den Garten des Rechtsanwaltes Dr. Probst. Eines Tages stürmt dieser auf Maundu zu und bezichtigt ihn des Diebstahls eines Geldkoffers. Der Afrikaner kann fliehen, doch kurz darauf wird der Anwalt in seinem Haus erstochen aufgefunden. Die Jagd auf den Ausländer beginnt, nicht nur die Polizei sucht nach ihm. Maundu jobbt u.a. noch in einem Hotel. Dort ist auch Tarek, Siegmanns Protagonist, beschäftigt. Ebenfalls ein Illegaler. Wie der Leser später erfährt, war Tarek in seinem früheren Leben Geheimdienstoffizier in Libyen. Maundu bittet Tarek um Hilfe. Nach einigem Zögern begibt der sich, um dem Kenianer zu helfen, zu Probstens Villa. Dort läuft ihm eine blonde Frau über den Weg, die er für Frau Probst hält. Doch noch während Tarek sich umschaut, trifft die Polizei ein und findet die Rechtsanwaltsgattin tot im Swimmingpool auf. Und nun wird Tarek zum Gejagten. Als dann aber Maundu ebenfalls ermordet aufgefunden wird, ist es für Tarek eine Verpflichtung, diesen Fall selbst aufzuklären. Aber nichts will einen Sinn ergeben...

 

Tarek begibt sich nochmals in die Anwaltsvilla und entdeckt dort ein Versteck, in dem sich zwei codierte Listen befinden. Es gelingt ihm sogar, etwas davon zu dechiffrieren... Es handelt sich u.a. um Telefonnummern von Prostituierten, von denen zwei kurz darauf „Autounfällen" zum Opfer fallen. Doch damit nicht genug: Der Italiener Marco, der Tarek auf der Flucht behilflich ist, wird lebensgefährlich zusammengeschlagen und und schließlich wird Simone, Tareks frühere Freundin, entführt.

 

Im Falle Tarek/Probst ermitteln die Kriminalisten Brigitte Faber und Ulrich Bayer. Mit der Faber kommt es zu Vier-Augen-Begegnungen und sie läßt Tarek sogar mehrfach entkommen. Und dieser vertraut ihr, teilt ihr sogar seine Erkenntnisse mit. Bayer, so erfährt man schließlich, war der Freund eines der Münchner Attentatsopfer. Er lebt seither nur für die Aufklärung des damaligen „Falles" und erkennt im Laufe der Kölner Geschehnisse, daß zwischen München und Köln Zusammenhänge bestehen müssen. Also ermittelt er nun heimlich und auf eigene Faust...

 

Es wird auch angedeutet, wer diese Hintermänner sind, die damals wie heute die „Strippen zogen/ziehen": Angesehene Perönlichkeiten aus dem Großbürgertum.

 

Heuer soll das Steuer der Politik aber noch weiter nach Rechts gedreht werden. Dazu braucht man ein öffentlichkeitswirksames Attentat, das man jetzt aber nicht den Linken, sondern den Ausländern, Arabern, Muslimen in die Schuhe schieben will. Aber eben genau der Geldkoffer, mit denen die Herrschaften ihre exekutierenden Auftragnehmer bezahlen wollen, war ja dem Mittelsmann Dr. Probst gestohlen worden...

 

Den Herrschaften geht es darum, der Partei „Die Wahren Deutschen" zu einem überragenden Wahlsieg zu verhelfen. In dieser fiktiven Gruppierung darf der gebildete Leser diverse Parteien und Bewegungen wiedererkennen, die von den Mainstreammedien verharmlosend als „rechtspopulistisch" bezeichnet werden.

 

Das Geschehen spitzt sich rasant zu. Unmittelbar vor einer Wahlkundgebung und am Rande jener treffen Tarek, eine „Strippenzieherin" und deren Helfershelfer mit der entführten Simone aufeinander. Mitten in deren Disput, in dem Tarek erfährt, worum es eigentlich geht, stoßen Faber und Bayer hinzu... Es wird jetzt lebensgefährlich nicht nur für Tarek. Und es stellt sich heraus, daß das Attentat auf den ultrarechten Spitzenkandidaten nicht nur für Sympathiestimmen sorgen soll. Es gibt einen viel wichtigeren Grund... Daß sich Tarek zur falschen Zeit am falschen Ort befunden hatte, auch das ist nur ein Nebeneffekt: Mit ihm konnte man unverhofft einen Schuldigen präsentieren, der aber „leider" nur noch tot gefaßt werden konnte... Doch Tarek gelingt es, zusammen mit Simone, zu entkommen. Und zu guter letzt klärt sich auch noch auf, wer den Geldkoffer gestohlen hatte und wer warum die Probstens getötet hatte...

 

Auf gekonnte Weise hat Siegmann in diesem höchst brisanten und überaus spannend erzählten Thriller verschiedene anfangs voneinander unabhängige Ereignisse verknüpft. Viele scheinbar isolierte Geschehnisse und Personen fügen sich allmählich zu einem Mosaikbild. Der Leser muß nur aufmerksam das Geschriebene durchdenken können (puzzeln können), also kombinieren und stets fragen: „Cui bono - wem nützt es?"

 

Das Ergebnis ist ein Buch, in dem es nicht um den bloßen Thrill an sich geht. Der ist nur Mittel zum Zweck, darüber nachzudenken, was sich derzeit in Deutschland politisch abspielt. Nicht zuletzt mit der unausgesprochenen Aufforderung, die Auslassungen von gewissen „Politikern" und tendenziöse Sensationsmeldungen in den Medien kritisch zu hinterfragen. Trotz des „Aufhängers" im Klappentext (Sturz der Regierung, vulgo Putsch) hat Siegmann durchaus die bundesdeutsche Realität erfaßt und mit literarischen Mitteln gut auf den Punkt gebracht.

 

So heißt es zur gesellschaftlichen Realität hierzulande bei Siegmann u.a.: „Er [ein illegaler Einwanderer; SRK] teilte sich das Zimmer mit vier weiteren Männern, die sich steif von den Pappkartons erhoben, die ihnen als Matratze dienten. (...) Vermietet wurde ihnen diese Absteige in einem abbruchreifen Haus am Standrand (...) [dessen Vermieter; SRK] pünktlich an jedem Ersten in seinem glänzenden Mercedes zum Abkassieren vorfuhr. Zu einem Preis, der eher vermuten ließ, daß sie im Hotel residierten. Aber wenn man schwarz und illegal war, mußte man nehmen, was man kriegen konnte, ohne aufzubegehren." (S. 147)

 

Jeder illegale Einwanderer war „auf der Suche nach Arbeit. Und sie alle wußten, daß es davon nicht genug für jeden von ihnen gab. Daß sie Konkurrenten waren und für Solidarität kein Platz blieb. Solidarität war etwas für die Reichen, die sich damit ein ruhiges Gewissen kaufen konnten." (S. 149) - Wobei gerade diese Feststellung auf alle lohnabhängigen Menschen in Deutschland zutrifft, auch auf die „ethnischen Deutschen", die sich von Politikern wie denen der fiktiven Partei im Roman ködern lassen. Auf entsprechende Zitate kann hier wohl verzichtet werden, wie auch auf Auslassungen der Maundu und Tarek jagenden Polizisten.

 

Als kurzes Fazit mag dieser Satz genügen: Man darf auf weitere Bücher von Jürgen Siegmann neugierig-gespannt bleiben!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Siegmann: Schattenmensch. Thriller. 272 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2017. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-086-0

 



 
04.09.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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