Ein deutscher Thriller vom Feinsten. Vom Allerfeinsten sogar.

WEIMAR. (fgw) Mit Martina Heibs Roman „Die Stille vor dem Sturm“ hat der Bielefelder Pendragon-Verlag heuer einen Thriller der Spitzenklasse auf den deutschen Buchmarkt gebracht.


Es beginnt mit einem knappen Prolog, in welchem ein „er" aufwachend feststellen muß, daß er sich in einer gruseligen Umgebung befindet. Nach und nach wird ihm klar, daß ein altes Schiffswrack sein Gefängnis ist. Noch grausiger aber ist die Feststellung, daß ihm sein linker Ringfinger amputiert worden ist. Als er dann eine Kiste mit Bundeswehr-Überlebensnahrung vorfindet, reift die Ahnung, daß man ihn entführt hat und Lösegeld erpressen wolle. In zwei oder drei Tagen werde man ihn deshalb wieder befreien.

 

Mit dem nächsten Kapitel setzt dann die eigentliche Handlung ein. Es war verabredet worden, daß die drei Söhne eines Werftbesitzers, Sören, Henning und Tim, die neuerworbene Luxusyacht ihres Vaters Armin in die Karibik überführen sollen. Damit soll zugleich ein runder Geburtstag des Alten gefeiert werden. Selbstverständlich dürfen die Söhne auch ihre Freundinnen mit an Bord bringen. Mit dabei sein wird auch Mike, leitender Ingenieur auf der Werft, dem der Unternehmer seemännisch mehr zutraut als seinen eigenen Söhnen.

 

Der Törn soll von den Kanaren aus starten. Anwesend sind Sören, Henning mit Freundin Marie, Mike mit Freundin Julia sowie Maries Freundin Nadine, die auf Sören scharf ist. Nur Tim fehlt. Von ihm traf aber eine SMS ein, daß er stattdessen berufliche Verpflichtungen habe und lieber mit einer angesagten Band auf Tournee gehen wolle. Allerdings ist seine Freundin Britt, eine Berliner Kindergärtnerin, angereist, obwohl auch sie von Tim eine SMS erhalten hatte. Man entscheidet sich, sie mitzunehmen. Ungeachtet der Tatsache, daß niemand der anderen Tims Freundin jemals kennengelernt hatte. Dieses biedere Mädchen paßt auch eigentlich gar nicht zu ihnen. Denn nicht nur die Söhne des Werftbesitzers gehören zu den „oberen Zehntausend". Ebenso Marie als Enkelin eines Stahl-Magnaten und Nadine aus einer Juweliers-Familie. Sogar Mikes Freundin Julia zählt sich dazu oder möchte dazugehören. Allerdings steht Marie als ernsthafte Studentin der Veterinärmedizin mit beiden Beinen im realen Leben. Neben ihr ist das nur Mike. Denn Sören und Henning sind eigentlich doch nur die verwöhnten und anspruchsvollen Söhne eines reichen und einflußreichen Vaters.

 

So beginnt die Seereise bei schönstem Wetter und trotz Tims Abwesenheit in guter Laune. Alle genießen die Annehmlichkeiten der Luxusyacht. Die Autorin hat ab hier ihren Roman in Tage gegliedert.

 

An Tag 3 nähert sich die Yacht einem einfachen Segelboot in Seenot. In letzter Minute kann der Alleinsegler Sven gerettet werden. An Bord wird nun gerätselt, wie weiter verfahren werden soll. Man entscheidet sich zur Weiterfahrt zum ursprünglichen Ziel, denn an Bord sind ja ausreichend Kabinen und Vorräte vorhanden.

 

Doch schon am nächsten Tag ist es mit dem feuchtfröhlichen Törn vorbei. Frühmorgens entdeckt Marie Schreckliches: Julia liegt mit durchschnittener Halsschlagader tot im Bad. Was tun? Diese Frage stellt sich noch deutlicher, als man feststellen muß, daß die Bordelektronik, ja die gesamte Bordelektrik zerstört worden ist. Jedwede Kommunikation mit der Außenwelt ist nun unmöglich geworden. Wer hat das, wer kann das in so kurzer Zeit so perfekt sabotiert haben? Darauf gibt es keine Antworten. Wegen der Toten an Bord will man nun jedoch die nahegelegenen Kapverden ansteuern. Für die Navigation gibt es zum Glück an Bord auch noch die alten seemännischen Instrumente.

 

Natürlich stellt sich sofort die Frage, wer denn Julia ermordet haben könnte. Für alle kommt dafür nur der Neuling Sven in Frage. Er kann überwältigt werden und wird gefesselt in eine Kajüte eingesperrt.

 

In der Nacht kommt ein schlimmer Sturm auf, dem Henning als Steuermann nicht gewachsen ist. Aber alles geht dank des Einsatzes von Mike und Marie noch halbwegs gut aus. Naja, nicht ganz. Denn es wird nun Nadine vermißt. Ist sie von Bord gefallen? Man findet sie schließlich verfangen in der Schiffschraube. Ein Unglück also. Doch beim genaueren Hinschauen wird offenbar, daß sie zuvor erstochen wurde. Wieder fällt der Verdacht auf Sven Verdacht. Wer war es also dann?

 

Nun kippt die Stimmung an Bord. Marina Heib beschreibt die Situation, die zwischenmenschlichen Beziehungen so:

 

„Alle schwiegen betroffen und gingen die Konsequenzen aus den neuesten Erkenntnissen durch. Plötzlich war ihnen klar, daß es keinerlei Sicherheit an Bord mehr gab. Sie waren ausgeliefert, jeder für sich ganz allein. Das Mißtrauen zog Wände zwischen ihnen hoch. Jedes Gespräch, das noch geführt werden würde, war vergiftet. Jedes Wort konnte gelogen sein." (S. 240)

 

Kein Wunder, wenn jetzt jeder jeden verdächtigt, belauert. Keiner kommt mehr so richtig zum schlafen: „...man ging betont beiläufig auf Sicherheitsabstand, Mißtrauen und Paranoia vergifteten die Luft, die Hände zitterten, die Nerven lagen blank..." (S. 252)

 

Am Tag darauf eskaliert die Lage noch weiter: Sören schießt mit einer Harpune auf Sven. Dem gelingt es aber zeitgleich, Henning mit einem Wurfmesser zu treffen. Während Sven sofort tot ist, verblutet Henning erst am siebenten Tag. An diesem gibt es noch einen weiteren Mord... Und der Tag ist immer noch nicht der letzte an Bord der Yacht.

 

Marina Heib hat in diesem Roman drei Handlungsstränge verwoben. Der erste ist oben recht ausführlich skizziert. Da geht es zum anderen um Tim. Recht früh erfährt der Leser, daß es sich bei dem „er" im Schiffswrack um Tim handelt. Sein Schicksal wird parallel zum Geschehen auf der Yacht erzählt. Und gerade in diesen Passagen zeigt sich das erzählerische Talent der Autorin am deutlichsten. Wie sie minutiös Ereignisse in dieser abgeschlossenen Einsamkeit, Tims Hoffen und Bangen, seine Verzweiflung, seinen Überlebenskampf - bei beginnender und fortschreitender Blutvergiftung - beschreibt, das grenzt an naturgetreuer Dokumentation.

 

Der dritte Strang führt nach Kiel zu Armin, dem Werftbesitzer. Irgendwann schwant ihm doch, daß Tims Abtauchen, seine Tournee-Teilnahme, nicht ganz koscher sein kann. Mehr noch aber zweifelt er an seinem Jüngsten, dem „Künstler" selbst. Dennoch beauftragt er einen Privatdetektiv, nach Tim zu suchen. Die Polizei will er aber absolut nicht einschalten. Verwunderlich ist auch, daß bis zuletzt auch keine Lösegeldforderung eingegangen ist. Erst der Privatdetektiv ist es, der Armin auf das seltsame Zusammentreffen von Tims Verschwinden und dem totalen Kommunikationsausfall mit der Yacht hinweist. Wie hängt das alles zusammen? Der Detektiv kann es sich nicht erklären. Und auch dem Leser bleibt das fast zuletzt gut verborgen. Doch an Bord finden die wenigen Überlebenden es schließlich selbst heraus...

 

Warum aber bloß wurde Tim entführt? Warum waren auf der Yacht nur die begleitenden Freundinnen die Mordopfer? Denn die toten Männer kamen ja erst danach in offenen Zweikämpfen ums Leben. Was ist das Motiv bzw. was sind die Motive und vor welchem Hintergrund geschieht all das?

 

Und vor allem: Wer ist eigentlich wer? Wenn es nur das allein wäre, schon dann verdient dieser Thriller höchstes Lob.

 

Aber mehr noch ist das Lob für die Zeichnung der Figuren auszusprechen. Jeder wird differenziert beschrieben als lebensechter Charakter. Da gibt es keine holzschnittartige Schwarz-Weiß-Malerei. Erscheinen z.B. Julia und Nadine anfangs nur als hohle verwöhnte Luxus-Tussen, die nur eine gute Partie machen wollen, so kommt beim Nachdenken über den Tod sehr gut heraus, warum diese jungen Frauen so geworden sind.

 

Selbst die Lösung kann überzeugen! Man ist überrascht, ist verblüfft und...nickt dann zustimmend.

 

Daß die komplexe Geschichte überaus spannend und gut „komponiert" erzählt ist, das muß wohl nicht extra gesagt werden. Der Rezensent kann diesen Roman ohne Einschränkung nur wärmstens empfehlen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Marina Heib: Die Stille vor dem Sturm. Thriller. 400 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 18,00 Euro. ISBN 978-3-86532-657-7

 



 
11.11.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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