Ein wahrlich grandioser Abschluß der Crissa-Stone-Reihe

WEIMAR. (fgw) Es heißt Abschied nehmen von einer liebgewonnenen literarischen Heldin der besonderen Art. Abschied nehmen von Crissa Stone, der Profi-Diebin mit Ehre im Leib. Abschied nehmen heißt es, weil Autor Wallace Stroby ihr nur eine Tetralogie gewidmet hat. Und heuer liegt nun mit „Der Teufel will mehr“ der vierte Band dieser Reihe vor. Aber, und das darf wohl doch schon vorab verraten werden, Crissa Stone geht lebend aus der „story“ heraus...


Crissa bekommt eines Tages einen Anruf von Sladden, ihrem Kontaktmann, besser: ihrem „Jobvermittler". Er hätte ein lukratives Angebot für sie, so die Botschaft. Und trotz spärlichster Informationen konnte Sladden Crissas Interesse wecken. Denn „es war jetzt ein Jahr her, daß sie zuletzt gearbeitet hatte, und sie war gelangweilt und ruhelos." (S. 10) Aber nicht nur das. Die Beute vom letzten Coup konnte zwar richtig gut investiert werden, aber ihre flüssigen Mittel - also das verfügbare Bargeld - drohen auszugehen.

 

Und so läßt sie sich von Emile Cota, einem neureichen Kunstsammler, anheuern. Cotas Interessen werden insbesondere von Randell Hicks, seinem Faktotum, vertreten. Hicks, früher Marine-Infanterist mit Einsatz im Irak-Krieg, soll beim anstehenden „Job" darüberhinaus mit von der Partie sein. Das schmeckt Crissa zwar nicht, denn sie organisiert lieber alles alleine.

 

Worum geht es? Cota hatte einst auf dunklen Wegen mehrere sehr wertvolle und mehr als 2000 Jahre alte Antiquitäten „erworben". Antiquitäten, die die US-amerikanischen Zivvilisations- und Menschenrechtsbringer (vulgo kriminelle Kunsträuber großen Stils, wie auch Räuber anderer Ressourcen) im Irak gestohlen und an meistbietende Leute aus der „high society" verhökert hatten. Nun aber fordert die neue irakische Regierung diese Kunstschätze zurück. Und das auch noch auf Kosten des jeweiligen unrechtmäßigen Besitzers. Doch das ist absolut nicht nach dem Geschmack eines US-Multimillionärs.

 

Ergo haben er und Hicks einen Plan ausgeknobelt. Die Antiquitäten sollen auf dem Wege vom Depot zur Verschiffung bei einem Überfall gestohlen werden. Cota könnte dadurch eine unanständig hohe Versicherungssumme kassieren. Und... die gestohlenen Kunstschätze sollen nicht etwa zu ihm zurückgebracht werden. Nein, sie sollen direkt an einen anderen ehrbaren „Kunstsammler" verkauft werden. Cota kann und will also doppelt kassieren. Und nebenbei noch als Ehrenmann und Opfer dastehen...

 

Nach einigem Überlegen sagt Crissa auch zu. Die Sache an sich birgt kein Risiko, soll doch der Überfall auf leerer Straße in der Wüste stattfinden und vor allem soll die Sache lautlos vonstatten gehen, also ohne unnötige Gewalt und Tote.

 

Während aller Vorbereitungen auf den neuen „Job" überkommen Crissa immer wieder Erinnerungen an ihre vorhergehenden Aufträge/Raubzüge und was da so alles schief gelaufen ist. Immer wieder gab es unehrliche Partner, unehrliche Auftraggeber. Und stets kamen dabei wirklich loyale Mit-Ganoven ums Leben und auch sie immer wieder in höchste Lebensgefahr.

 

Crissa hat ales ersten ihren alten Mit-Ganoven Bobby Chance angeheuert. Über Sladden und Chance stoßen noch zwei Iren zu ihrem Team. Cota überweist derweil eine erhebliche Summe als Vorschuß, die Hälfte der insgesamt versprochenen halben Million Dollar. Das Co-Team besteht dagegen nur aus Hicks und einem seiner alten Kriegskameraden. Die Planung des Coups dauert etwa vier Wochen. Crissa bedenkt alle Details und so klappt auch alles. Zunächst. Der eigentliche Raubüberfall gelingt; alles dauert nur wenige Minuten. Doch dann erschießt Hicks' Mann alle fünf Leute des Kunstransports. Dabei ergeht er sich mehrmals selbstgefällig darin, wie er seinerzeit haufenweise „Hadschis" über den Haufen geschossen habe. Auch dies typisch für US-Kriegshelden: nicht etwa Kampf gegen die Soldaten des „Feindes", sondern Killen von unbewaffneten Frauen, Kindern und Greisen. Es ist da tatsächlich die Rede von den sogenannten Kollateralschäden...

 

Das hat aber alles verändert. Als es um die Auszahlung der zweiten Hälfte des zugesagten „Honorars" gehen soll, sind sich Cota und Hicks einig: Gezahlt wird nicht! Und Mitwisser darf es auch nicht mehr geben. Auch dies ganz US-typisch: Was scheren mich geschlossene Verträge, wenn ich habe, was ich haben will?! Der Teufel, die Teufel, in Menschengestalt wollen mehr, mehr, mehr... Und so wird bei der Geldübergabe ein Sprengstoffanschlag auf Crissa und die beiden Iren verübt. Crissa kann nur durch Zufall überleben und entkommen.

 

Was nun auch offenbar wird: Nicht nur Cota ist ein Teufel, der mehr will, der alles will. Auch sein Faktokum Hicks ist von gleichem Kaliber, und verfolgt absolut eigene Interessen, wenn es um Geld, sehr viel Geld geht.

 

Aber da von Crissa am Tatort keine Spuren zu finden waren - es nicht sicher ist, ob sie wirklich tot ist, macht sich Hicks in Cotas Auftrag auf die Suche nach ihr. Und nach Chance. Denn die beiden wären ja die einzigen noch lebenden Mitwisser dieses Raubes mit Massenmord.

 

Für die Jagd heuert Hicks weitere alte Kriegskameraden an. Wie aber Crissa und Chance finden? Die beiden haben sich ja in Bezug auf Identitäten, Wohnorte und Adressen stets gut abgesichert. Daher beginnt die Jagd beim „Jobvermittler" Sladden. Unter schlimmsten Foltern können Cotas Söldner ihm wichtige Hinweise entlocken. Dann wird auch er getötet. Relativ schnell kann Chance aufgespürt werden, bei dem sich da zufällig auch Crissa aufhält. Es kommt zu einem blutigen Gemetzel. Doch damit ist immer noch kein Ende in Sicht. Hicks selbst gelingt es schließlich sogar, Crissa nachts in deren geheimer Wohnung zu überwältigen. Ihr letztes Stündlein droht zu schlagen. Kann die junge Frau nun die für sie heikelste Situation ihrer kriminellen Laufbahn meistern? So meistern, daß ihr auch dieses Mal die Polizei nicht „auf die Pelle rücken" kann?

 

Alles in allem hat Stroby wiederum eine gut konstruierte Handlung gesponnen, die durch nachvollziehbare Charaktere und Situationen glaubhaft 'rüberkommt. Auch diese Geschichte überzeugt nicht nur durch Spannung und „Action", sondern nicht minder durch klare gesellschaftliche Hintergründe/Gesellschaftskritik. Ja, Crissa Stone (und Kollegen wie Bobby Chance) sind zwar ganz normale Kriminelle, aber sie sind alles andere als niederträchtig und/oder mordgierig. Für sie gilt die bittere Realität: Wenn einem die Verhältnisse kein menschenwürdiges Leben gewähren, dann muß man eben sich selbst ein kleines Teil vom Kuchen schneiden. Frei nach Brecht gilt so auch für Crissa & Co.: Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

 

Ja, es ist gut und richtig, daß Stroby vom Üblichen im Krimi-Geschäft abweicht und mit Crissa Stone eine Protagonistin geschaffen hat, mit der der Leser vor Sympathie mitfiebert - wenngleich der Leser die kriminellen Taten keinesfalls gutheißt.

 

Aber ist es nun wirklich ein Abschied von Crissa Stone? Man kann nur hoffen, daß Leser und Verlage sowohl in den USA als auch in Deutschland den Autor Wallace Stroby überzeugen können, vielleicht doch noch Fortsetzung(en) in Bedacht zu ziehen. Denn was er mit dieser Reihe vorgelegt hat, ist eben Krimiliteratur vom Allerfeinsten!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Wallace Stroby: Der Teufel will mehr. Kriminalroman. A.d.Amerikan.v. Alf Mayer. 320 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86532-646-1

 

 



 
12.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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