Eine außergewöhnliche Liebe in den Zeiten des Nazismus

WEIMAR. (fgw) Anke Gebert hat ihren verdienstvollen, lobenswerten Roman „Wo du nicht bist“ untertitelt mit „Nach einer wahren Begebenheit“. Diese wahre Begebenheit ist aber ein äußerst seltenes Beispiel einer zutiefst menschlichen Partnerschaft und Liebe im faschistischen Deutschland und dazu noch über den Tod eines Partners hinaus. Dafür ist nicht nur der Autorin, sondern gleichermaßen Günther Butkus und seinem Pendragon-Verlag großer Dank zu sagen.


Anke Gebert erzählt in diesem Roman anhand nachgelassener Dokumente die Geschichte der Irmgard Weckmüller, geb. 1911. Irmgard wächst in einem Hinterhaus im Berliner Wedding auf. Ihr Vater wurde Opfer des I. Weltkriegs, die Mutter nimmt sich in den 1920er Jahren das Leben. Irmgard und ihrer jüngeren Schwester bleibt zwar das Waisenhaus erspart, dafür aber kommen sie in die Obhut einer hartherzigen Nachbarin. Während Irmgard sich als Verkäuferin im Kaufhaus der „oberen Zehntausend", dem KaDeWe, eine Existenz aufbauen kann (und sich als Heimschneiderin noch einen Zusatzverdienst verschafft), verdingt sich die Schwester als Dienstmädchen in einem großbürgerlichen Haus. Und sie ereilt da das Schicksal vieler anderer Mädchen - der Dienstherr bedrängt und schwängert sie. Sie soll abtreiben lassen. Sie bekommt auch die Adresse eines dazu bereiten Frauenarztes. Dies ist Erich Bragenheim, geb. 1895 und Sohn eines Fabrikanten, mit Wohnung und Praxis am Kurfürstendamm. Als sich die beiden Schwestern endlich zur Abtreibung trauen, ist es aber zu spät dafür. Für Irmgard eröffnet sich mit diesem Besuch aber eine neue, völlig andere Welt.

 

Inzwischen müssen die Schwestern vor den Nachbarn die Schwangerschaft geheimhalten. Als dann der Geburtstermin ansteht, ist die „helfende Frau" überfordert und in höchster Not ruft Irmgard nun den Dr. Bragenheim herbei...

 

Das erfährt der Leser in Rückblicken.

 

Der Roman setzt im Herbst 1945 ein. Berlin ist zwar befreit, liegt aber größtenteils in Trümmern. Irmgard hat glücklicherweise die Kriegsjahre überleben können, haust aber in einem Keller. Tag für Tag macht sie sich auf die Suche nach ihrem Erich. Dabei schweifen ihre Gedanken immer wieder zurück in die Vergangenheit.

 

Wie sie und Erich sich trotz aller sozialen Unterschiede immer näher gekommen sind, wie sich die Gefühle entwickelten, wie ihre Zweifel an seiner Liebe ausgeräumt wurden. Wie Erich sie in die sogenannte „gute Gesellschaft" einführte.

 

1932 wird die junge Frau erstmalig mit dem Begriff „Jud" konfrontiert, doch noch neidet man ihr die Beziehung zu dem gut aussehenden und gutsituierten Herrn nicht. Was sich aber bald ändern sollte. Trotz aller Widrigkeiten - Irmgard ist politisch naiv und Erich ob seiner Offiziersvergangenheit im I. Weltkrieg eher unbesorgt - verloben sich beide. Und gehen sogar auf Reise nach Venedig. Doch zurückgekehrt, haben sich die Verhältnisse in Deutschland geändert. Stück für Stück erobert die faschistische, antisemitische Ideologie Macht über Menschen und Gesellschaft. Da Irmgard sich nicht von Erich trennen will, wird ihr im Kaufhaus gekündigt. Zugleich lichtet sich die Teilnehmerzahl in seinem Salon, „man" meidet den Juden. Auch die Zahl seiner Patienten reduziert sich deutlich. Dennoch beschließen beide zu heiraten, machen auch einen Termin vor dem Standesamt. Doch einen Tag zuvor wurden die sogenannten „Nürnberger Gesetze" beschlossen. Und man wirft beide wegen „Rassenschande" aus dem Standesamt hinaus.

 

Nach außen trennen sich beide, treffen sich aber nach wie vor heimlich. Irgendwie kann Irmgard sich durch Näharbeiten durchschlagen. Erich dagegen erlebt eine Schikane, eine Demütigung nach der anderen. Erst wird ihm die Approbation entzogen, dann wird er enteignet und in ein Judenhaus eingewiesen, schließlich nach Theresienstadt deportiert und zum grausamen Ende ins Gas nach Auschwitz geschickt.

 

Irmgard bewies in dieser Zeit sogar seltene Zivilcourage, indem sie nach Theresienstadt fuhr. Da konnte sie sogar Erich aus der Distanz sehen...

 

Erst 1945 erfährt sie, die Erich immer noch in Theresienstadt oder auf dem Wege nach Berlin wähnt, von einem das KZ überlebenden Bekannten von Erichs Ermordung in Auschwitz.

 

1946 reift ein Gedanke in ihr: Daß sie Erich posthum heiraten will. Sie wendet sich diesbezüglich an Rechtsanwälte. Doch hier muß sie erkennen, daß diese nach wie vor von nazistischem Ungeist beseelt sind. Antisemitismus paart sich hier noch mit dem hämischen Vorwurf, sie wolle sich auf diesem Wege bloß Erichs „arisierten" Nachlaß erschleichen.

 

Erst als sie auf einen jüdischen Anwalt trifft, spürt sie menschliche Resonanz. Aber auch der macht ihr keine Hoffnungen. Bittet sie jedoch, amtliche Dokumente zu besorgen, Menschen zu finden, die Verlobung und beabsichtigte Eheschließung bezeugen könnten und daneben so detailliert wie möglich ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Damit gehen einige Jahre ins Land. In dieser Zeit wird sie auch von den wenigen überlebenden weit entfernten Verwandten Erichs diffamiert. Auch sie werfen Irmgard vor, sich damit nur bereichern zu wollen. Doch ihr geht es nur um ihre Liebe, die sie trotz des Todes des geliebten Mannes wenigstens symbolisch lebendig erhalten möchte. So gehen Jahre ins Land.

 

Dann aber geschieht etwas, das wie ein Wunder erscheinen mag. Inzwischen, man schreibt das Jahr 1950, gibt es ein „Gesetz über die Anerkennung freier Ehen rassisch, politisch oder religiös Verfolgter". Dementsprechend stellt Irmgard, nachdem sie geforderte Belege beibringen kann, einen solchen Antrag, der im Dezember 1952 vom Westberliner Justizsenator positiv beschieden wird: Der „ordnet an, daß [Erich und Irmgard; SRK] mit Wirkung vom 15. September 1935 die Ehe geschlossen haben".

 

Anke Gebert hat die ungewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte fasziniert, die in Deutschland wohl doch eher einmalig ist, daß sie diese mit einem Roman breit bekannt machen möchte. Im Anhang werden dazu Fotos und faksimilierte Dokumente sowie einige Personenbeschreibungen beigefügt.

 

Auch wenn das Buch ein fiktionaler Roman ist, so ist er nicht nur voller Empathie geschrieben, sondern vor allem glaubhaft. Galubhaft vor allem was Irmgards Gedanken, Empfindungen und Gefühle angeht. Diese hat sie ja selbst ausführlich zu Papier gebracht, so daß die Romanutorin sie nur noch behutsam umsetzen brauchte.

 

Wegen dieser ganz besonderen Lebensgeschichte hat der Verlag dieses Buch auch in würdiger bibliophiler Form herausgebracht: Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.

 

Abschließend möchte der Rezensent keine resümierende Wertung treffen, sondern dazu ausnahmsweise den Verleger Günther Butkus selbst zu Wort kommen lassen:

 

„Niemand kann wiedergutmachen, was geschehen ist, aber wir können die Erinnerung wachhalten und gegen erneuten Rassismus und Haß kämpfen. Wir tun das mit diesem Buch und einem Stolperstein, der im Frühjahr 2020 bei Dr. Bragenheims Wohnhaus am Kurfürstendamm 141 in Berlin von der Stiftung-Spuren-Günter-Demnig verlegt wird."

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Anke Gebert: Wo du nicht bist. Roman. 296 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-672-0

 



 
20.03.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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