Eine bedenkenswerte klerikale Sicht auf die säkulare Szene

WEIMAR. (fgw) In schneller Folge ist jetzt mit „Mit Gott fertig?“ schon der dritte Band der von Horst Groschopp herausgegebenen neuen Reihe „Humanismusperspektiven“ erschienen. Mit einer Besonderheit. Denn als Autor gewann er hierfür keinen „Säkularen“, sondern mit Andreas Fincke einen evangelischen Theologen.


Der Pfarrer Fincke ist höchst erfahren in der „Feindbeobachtung"; er verfügt daher über einen scharfen analytischen Blick. Und mit seinem Blick „von außen" konstatiert er tatsächlich vorhandene Defizite in der von ihm beobachteten Szene, denen der Rezensent weitestgehend leider zustimmen muß. Nicht so aber Finckes Schlußfolgerungen (letztlich klerikale Verdikte gegen diese Szene) und erst recht nicht seinen Empfehlungen für eine noch raffiniertere Missionierung unter den - insbesondere ostdeutschen - „Gottlosen".

 

Trotz Finckes Intentionen ist Horst Groschopp zu danken, daß er diesen für das Thema „Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland" gewinnen konnte. Denn in der weitgefächerten Szene selbst dürfte wohl kaum ein illusionsloser und unbefangener Analytiker zu finden sein. Und für religionsfreie Menschen dürfte es schon wichtig sein zu wissen, wie Kleriker die reale (und kaum organisierte) „säkulare" Welt einschätzen und welche (umarmenden) Strategien sie anempfehlen, um alles beim für sie vorteilhaften alten „Staat(s)-Kirchen-Verhältnis" zu belassen.

 

Aber gerade deshalb sollten Finckes Auslassungen Ansporn für die säkularen Vereine sein, konzeptionelle, organisatorische und politische Strategien zu entwickeln, um den religionsfreien Menschen in diesem Staat endlich zu ihren verfassungsmäßigen Rechten zu verhelfen und um die angemaßten bzw. von willfähriger Politik zugeschanzten Privilegien der Kirchen, konkret der Priesterkaste, zu beenden.

 

Konfessionslos und sonst nichts?

So hat Fincke sein erstes resümierendes Kapitel überschrieben, das zutreffenderweise so beginnt: „Die vorliegende Analyse der gegenwärtigen Konfessionslosigkeit ist für die säkulare Szene ernüchternd." Etwas weiter heißt es: „In Prozent umgerechnet sind derzeit weniger als 0,1 Prozent der Konfessionslosen und 0,031 Prozent der Gesamtbevölkerung Mitglied in einer solchen Organisation."

 

Daraus leitet der Herr Pfarrer ab, daß „damit die säkularen Organisationen auch nicht als Fürsprecher oder Repräsentanten der Konfessionslosen bzw. Konfessionsfreien angesehen werden [können]." Er muß diesen Organisationen aber dennoch zähneknirschend dies zugestehen: „Jedoch stehen sie den Konfessionslosen vergleichsweise nahe und können daher über die Befindlichkeiten und Positionen Auskunft geben." (S. 131) Was durchaus bedeutet, daß diese Organisationen trotz ihrer Kleinheit dennoch real Interessenvertreter sind bzw. es sein können!

 

Mit klarem Blick hat Fincke vor allem dieses erkannt: „Daß atheistische und humanistische Gruppen dennoch keinen großen Zulauf erfahren, hat mehrere Ursachen. (...) Diese stille Auswanderung aus den Kirchen zeigt jedoch auch, wie belanglos religiöse Fragen [für die große Mehrheit der Menschen hierzulande!; SRK] geworden sind. (...) Die humanistisch-freidenkerischen Organisationen brauchen sich über den mangelnden Zulauf nicht wundern, solange sie neben Kritik an Kirche und Religion keinen oder nur wenig positiven Inhalt liefern." (S. 132) Oder wenn das Bestreben einiger ihrer bezahlten Funktionäre nur noch in Richtung „staatliche Gelder und Fördermittel" geht.

 

Recht hat Fincke, leider, mit dieser inhaltlichen Feststellung: „Warum also sollte jemand Mitglied in einem Verein werden, der gegen dieses und jenes ist, aber ansonsten nebulöse Ziele wie eine 'Leitkultur Humanismus' (Giordano-Bruno-Stiftung) oder die Parole 'Humanismus bedeutet Toleranz, Meinungsstreit und Kooperation' (HVD) vor sich her trägt. Diese Worthülsen geben keinerlei Orientierung, sind selbstgefällig und derart konturlos, daß sie auch bei der Konkurrenz, das wäre in diesem Falle eine Kirchengemeinde, Zustimmung finden." (S. 132-133)

 

Mit insgeheimer Freude hat Fincke die seit einigen Jahren erkennbare Haupttendenz im Humanistischen Verband erkannt und preist diese unausgesprochen als Therapievorschlag: „Es könnte sein, daß sich der HVD so zu einem humanistischen Sozialverband, vergleichbar mit Caritas und Diakonie, entwickelt. Warum nicht?" (S. 133) Nun ja, das hätte der Klerus gerne, daß sich säkulare Organisationen selbst entmannen und nur noch auf bürgerliche Wohltätigkeit machen und so das Machtmonopol der Kirchen und ihrer Priesterkaste ungefährdet lassen... Den Humanisten gesteht er lediglich ein kleine Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Islam zu, ansonsten konstatiert er, „daß es derzeit keinen weitergehenden Bedarf an humanistischen Organisationen gibt". (S. 134) - Wirklich nicht? Ist ein solcher Bedarf angesichts der zunehmenden Klerikalisierung des öffentlichen Lebens nicht nötiger denn je?

 

Empfehlungen für Seinesgleichen

Dennoch ist sich Fincke im Klaren darüber, daß säkulare Organisationen immer, selbst wenn sie nur über minimale Mitgliederzahlen verfügen, eine Gefahr für „die Kirchen" darstellen. Deshalb unterbreitet er im zweiten resümierenden Kapitel „Zwischen Ignoranz und Befremden - die Kirchen angesichts zunehmender Konfessionslosigkeit" diesen in acht Thesen „Therapievorschläge" zur Eindämmung des Humanismus. Auf diese Auslassungen soll aber nicht in der selben Breite eingegangen werden, wie zum Kapitel zuvor, denn vieles spricht für sich selbst.

 

Da heißt es auf den Seiten 135 bis 141 u.a.:

 

„Viele Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten bis zur Erschöpfung. (...) Die Kirchen (...) sind in ihrer Außenwirkung zu überdenken. (...) [zur 'Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung'; SRK] gibt es ein grundsätzliches Vermittlungsproblem." (...)

 

In typischer Theologen-Rabulistik und überaus dreist behauptet der Herr Pfarrer dann aber so ganz nebenbei noch dieses:

 

„Zweifellos gab und gibt es Mißstände in den Kirchen, zweifellos gab und gibt es Schattenseiten in der zweitausendjährigen Organisationsgeschichte der Kirchen (...) Die christlichen Kirchen haben enorm viel zum Aufbau einer besseren und gerechteren Welt beigetragen - auf jeden Fall mehr, als die nörgelnden atheistischen Kleingruppen. Hinzu kommt, daß die Freidenker aus West und Ost nichts zum Gelingen der 'Friedlichen Revolution 1989' in der DDR und zur Wiedervereinigung beisteuerten."

 

Mit Verlaub, liebe Leser, an dieser Stelle wird mir, das sei mir gestattet zu sagen, speiübel!

 

Kurz zu den acht Thesen:

 

„1.... Die Kirchen könnten aus dieser Niederlage [Berliner Volksentscheid über Religionsunterricht; SRK] lernen, daß sie sich über ihren Rückhalt im Volk Illusionen machen." - Oho! (...) „3. Ein großer Teil der Bevölkerung erwartet von den Kirchen - nichts; keine Spiritualität, kein Sozialwort, keinen Beitrag zum interreligiösen Dialog und auch kein Wort zur politischen Lage." - Aber genau das maßen sich doch die Kirchenfürsten ungefragt an! (...) „4. So gibt es weiten Teilen der Gesellschaft gar kein Interesse an einem Dialog über religiöse bzw. theologische Fragen." - Also müssen Medien und Politik dieses eben herbeireden! (...)

 

Interessanter (und gefährlicher) für die Säkularen wird es hier: „5. ...stellt sich die Frage, wie die Interessen der Konfessionsfreien im öffentlichen Leben stärker berücksichtigt werden. So ist es z.B. nicht nachvollziehbar, warum bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr für überwiegend konfessionslose Soldaten nur christliche Seelsorger zur Verfügung stehen." - Oh, hier ist die Leimrute ausgelegt, die zum Untergang des organisierten Humanismus führen kann (und wohl auch soll)!

 

Um Säkulare aber zu beschwichtigen, gestehen etwas weitsichtigere Vertreter der Priesterkaste ihnen auch etwas reales zu: Den Verzicht auf Brosamen, um so wesentlich Größeres bewahren zu können. Stichworte: „Staatsleistungen", „kirchliches Arbeitsrecht", Feiertagsregelungen...

 

Und welches Fazit zieht Fincke abschließend: „Hinter den Etiketten Atheismus und Konfessionslosigkeit verbirgt sich ein breites Spektrum von Haltungen. Viele Atheisten sind den Kirchen gegenüber kritisch eingestellt, weil sie von diesen enttäuscht wurden. Andere fragen völlig zu Recht, ob unsere Gottesvorstellungen nicht oftmals Projektionen sind." (S. 141) - Und er beendet das mit einer umarmenden Einvernahme der noch nicht wiedergewonnenen Schäfchen. Welch grandiose die Realität verfälschende Rabulistik!

 

Kommen wir nach dieser ausführlichen Therapiebetrachtung nun zu Finckes Diagnosen, die erst in dieser Reihung verständlicher werden.

 

Konfessionslosigkeit und Atheismus

Eingangs streift Fincke die religiös-weltanschaulichen Verhältnisse in der größer gewordenen Bundesrepublik und nennt diverse Zahlen, die er aber stets doch hinten herum im klerikalen Sinne deutet. Und er wendet sich Begrifflichkeiten zu, so der Frage, ob man von „Konfessionslosen" oder von „Konfessionsfreien" sprechen solle. Als christlicher Theologe kann er natürlich nur den Negatives ausstrahlenden Begriff mit der Endung „-los" für gut befinden. Desweiteren versucht er aufzuzeigen, wer denn die „Konfessionslosen" seien. Dabei kommt er zu bemerkenswerten Erkenntnissen, gerade was die formalen Kirchenmitglieder und deren tatsächliche Religiosität angeht. Interesant ist auch, was er seinen eigenen Kollegen mitzuteilen versucht: „Es ist eine Selbsttäuschung der Kirchen, wenn sie unterstellen, die Konfessionslosen seien 'eigentlich' religiös suchend und hätten Gott nur vergessen." (S. 32)

 

Weniger realitätsbezogen äußert Fincke sich aber, wenn er über die Ursachen der zunehmenden „Konfessionslosigkeit" in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert schreibt. Schlimm sind seine Unterstellungen zu den Verhältnissen in den Regionen, die einstens die DDR waren. Wegen des seinerzeitigen „aggressiven Staatsatheismus" sei heute hier das zivilgesellschaftliche Engagement schwächer ausgeprägt als im Westen. Ja, da äußert sie sich sehr deutlich, diese geistige Enge christlicher Pfarrhäuser mit ihrem begrenzten Weltbild. Ein Weltbild, das der 1959 in Halle/Saale geborene Fincke mehr als verinnerlicht hat. Ehrenamtliches Engagement von Hunderttausenden, das nicht mit dem kirchlichen Dunstkreis verbunden ist, ist für ihn nun mal keines...

 

Und natürlich sind die Menschen nur zu dumm, um „Gott" zu begreifen und deshalb empfänden sie nur falsch: „...man erwartet von den Kirchen keine Antworten und benötigt Kirche und Religion auch nicht zur Bewältigung des Alltags. Oftmals werden die Kirchen als fremd empfunden, als Teil des politischen Establishments, als Herrschaftsinstitution. (...) Die Nähe von Kirche und Staat, welche aus Sicht vieler Vertreter der Kirchen eine Errungenschaft darstellt, wird von vielen Menschen als problematisch empfunden." (S. 36-37) Solche Sätze, solche Rabulistik muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Oder einen solchen, der ein bezeichnendes Beispiel von pfäffischer Weltsicht abgibt: „Einem engagierten Atheisten ist das Thema Gott wichtig. Er bemüht sich um eine Widerlegung religiöser Glaubensvorstellungen und will (zumeist) zeigen, daß ein Leben ohne Gott erfüllender und sinnvoller als ein religiöses Leben ist." (S. 38) - Nun, den meisten religionsfreien Menschen ist das Thema „Götter", wie es nun mal korrekterweise heißen muß, einfach nur schnurzpiepegal...

 

Aber ach, für den Herrn Pfarrer sind Atheisten doch auch irgendwie Menschen: „Die Herausforderung der hohen Konfessionslosigkeit für die Kirchen und Religionsgemeinschaften besteht gerade darin, daß die Konfessionslosen sehr wohl ein an Werten orientiertes Leben führen. Sie widerlegen damit den in den Kirchen häufig zu hörenden Satz, daß Werte Religion brauchen. (...) Welche Werte sind außerhalb religiöser Werte tragfähig?" (S. 39) - Nun, christlich-religiöse Werte wie das erste Gebot (Intoleranz) oder das zehnte (Bejahung der Sklaverei und der Gleichstellung von Frauen, Sklaven und Vieh) sind es absolut nicht und widersprechen jedem Humanismus, Atheismus etc.!

 

Kirchen- und religionskritische Organisationen

In diesem Kapitel unternimmt Fincke einen knappen Streifzug vom Deutschen Freidenkerverband (DFV) über den Verband der Freidenker der DDR (VdF), den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), den Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) und den Bund für Geistesfreiheit Bayern (bfg) bis zur Humanistischen Union. Er nennt neben deren Geschichte auch aktuelle Daten und Fakten.

 

Gleich beim DFV unterläuft ihm ein gravierender Fehler, indem er behauptet, daß dieser organisatorisch im 1881 gegründeten bürgerlichen Deutschen Freidenkerbund wurzele. Richtig ist jedoch, daß der DFV in den 1920er Jahren aus zwei proletarischen Vereinen entstanden ist, dem 1905 in Berlin gegründeten Verein der Freidenker für Feuerbestattung und dem 1908 in Eisenach gegründeten Zentralverband Deutscher Freidenker. Hier hat Fincke bei Wikipedia unkritisch abgeschrieben... Was er jedoch zum Wirken und zum Einfluß des heutigen DFV schreibt, dem ist - leider - nicht zu widersprechen.

 

Hanebüchen sind dagegen sein Auslassungen zum VdF, auch wenn er eine zu verlogene Behauptung aus der „Nachwendezeit" etwas zurücknimmt. Dieser Verband sei zwar doch nicht auf Geheiß der Staatssicherheit gegründet worden, aber lt. Schreiben dieses Ministeriums sei dessen Aufgabe gewesen: „von den gesellschaftlichen Problemen in der DDR abzulenken, die Kirchen aus den politischen Diskussionen zu drängen und das Christentum als 'unwissenschaftlich' zu bekämpfen". (S. 50) Einen Beleg braucht ein Theologe natürlich nie und nimmer anzuführen, eine Behauptung hat zu genügen. Man kann aber in Band 8 der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg auf den S. 93 - 95 dieses Dokument ungekürzt lesen und wird darin nichts dergleichen finden...

 

Was den IBKA angeht, so „verharrt dieser" Fincke zufolge „mental in der Frühzeit des Freidenkertums", weil dieser „auch immer wieder gegen Kreuze und Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden protestiere". (S. 58-59) Zum DFW heißt es, „...ist nur bedingt handlungsfähig. Sein Grundproblem besteht darin, daß ihm ausgesprochen disparate Gemeinschaften und reine Traditionsvereine angehören". (S. 62) Und zum bfg schreibt Fincke: „Einen nenneswerten Erfolg konnte der bfg im Herbst 2016 verzeichnen. Damals entschied das Bundesverfassungsgericht, daß das bislang in Bayern geltende absolute Tanzverbot an Karfreitagen grundgesetzwidrig ist." (S. 65) Fincke hat in seine Übersicht auch die HU aufgenommen, obwohl diese als Bürgerrechtsorganisation „streng genommen gar nicht in diesen Kontext gehört" (S. 66). Die HU, deren „Zukunft ungewiß" sei, werde aber sehr oft mit dem HVD verwechselt und umgekehrt.

 

Humanistischer Verband Deutschlands

Diesem Verband hat Fincke ein eigenes, 14seitiges, Kapitel gewidmet. Und gerade HVD-Mitglieder sollten diese Analyse aufmerksam zur Kenntnis nehmen, denn Fincke hat mit sicherem Gespür sehr, sehr viele Schwachstellen und Defizite des HVD, insbesondere seines Berliner bzw. inzwischen Berlin-Brandenburger Landesverbandes, aufgespürt und genüßlich aufgelistet, wie die Abkehr von bisherigen Positionen zur Staat-Kirche-Trennung, die Fehlstellen im Entwurf des Humanistischen Selbstverständnisses, das Bemühen um „Staatsknete", das Gieren nach Beamtenstellen als „Humanistischer Soldatenseelsorger" etc. Fincke faßt zusammen: „...zeigen, daß der HVD keine atheistische oder kirchenkritische Weltanschauungsgemeinschaft im traditionellen Sinne sein will, sondern sich vielmehr um praktische Lebenshilfe und Sozialarbeit in einem religionsfreien Kontext bemüht, In den letzten Jahren ist der HVD daher auch verstärkt bemüht, das Image eines religionskritischen Verbandes abzuschütteln. (...) Es bleibt abzuwarten, ob der HVD diesen Weg auch in den nächsten Jahren weitergeht." (S. 82-83)

 

Und somit zum für die Priesterkaste ungefährlichen zahnlosen Bettvorleger wird, so wird Finckes Erwartungshaltung deutlich, wenngleich doch mit Sorge, daß das vielleicht doch nicht gelinge: „Intern gibt es durchaus Kräfte, die den HVD entschieden kirchenkritischer profilieren möchten. Sie tragen vor, daß der HVD als Sozialverband in der Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit findet... (...) In dem Maße, in dem sich der HVD etabliert, wird die Frage lauter, was Humanismus in diesem Zusammenhang ist." (S. 83) Gerade mit diesem letzten Satz hat Fincke das derzeitige Grundproblem des HVD auf den Punkt gebracht: Den Widerspruch zwischen den ideellen Interessen der „einfachen Mitglieder" und den durchaus eigennützigen materiellen Interessen einer kleinen hauptamtlichen Funktionärsschicht. Die einfachen Mitglieder werden von Fincke allerdings dahingehend diffamiert, diese wollten nur deshalb am Alten festhalten, weil „polternde Kirchenkritik medienattraktiv ist". (S. 83)

 

„Neuer Atheismus" und gbs

Dem aus den USA übergeschwappten „Neuen Atheismus" (Richard Dawkins" widmet Fincke dann fünfeinhalb Seiten, um sich dann eingehender der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) zuzuwenden, die ihm wie der gesamten Priesterkaste mehr als suspekt ist. Erzielen doch gbs-ler mit ihrem ausgesprochen effektiven Aktionismus doch eine sehr große öffentliche Wahrnehmung. So mit der Aktion „Elftes Gebot - Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!" Was Finckes Beschreibungen und Wertungen angeht, so verliert er gegenüber der gbs immer öfter an Contenance und verliert sich in Diffamierungen, auf die es nicht lohnt, näher einzugehen.

 

Statt behaupteter „Liebe" schimmert „Haß" überaus deutlich durch

Kann Fincke sich in bezug auf die gbs doch noch irgendwie mäßigen, so zeigt sich im Kapitel über die Jugendweiheverbände alles andere als sein Christentum, dessen Kern doch vorgeblich Nächstenliebe und sogar die Feindesliebe sei. Hier kommt sein Haß auf die weiland DDR und die immer noch erfolgreiche Jugendweihe offen zum Ausdruck.

 

Seinen Schwerpunkt legt er dabei auf den Dachverband „Jugendweihe Deutschland" (JWD), was ihm ermöglicht, die Teilnehmerzahlen kleinzurechnen. Die zahlreichen ebenso erfolgreichen selbständigen Jugendvereine außerhalb des JWD läßt er konsequent außer acht. Leider zu Recht weist er auf inhaltliche Defizite der vorbereitenden Veranstaltungen auf die eigentliche Jugendweihe hin und auch auf die Konkurrenz mit HVD mit dessen „Jugendfeiern": „Unübersehbar ist, daß Jugendweihen, zumal jene der Jugendweihe Deutschland, in weltanschaulicher Hinsicht profilloser werden." (S. 111)

 

Was Fincke allerdings über die Geschichte der Jugendweihe, die ihre Wurzeln in den 1850er Jahren in freiligiösen Gemeinden hat, das ist mehr als haarsträubend und alles andere als wissenschaftlich objektiv. Hier einige Beispiele:

 

„Die Einführung der Jugendweihe in der DDR und ihre massive Förderung durch den Staat war zweifellos ein aggressiver Akt gegen die Kirchen. Nicht nur die atheistische Begleitmusik und die antireligiösen Attitüden im langjährigen Jugendweihebuch 'Weltall-Erde-Mensch' belegen dies, auch der für die Jugendweihe gewählte Zeitpunkt war Ausdruck dieses Konfrontationskurses - denn er entspricht genau dem Alter, in welchem die Jugendlichen traditionell zur Konfirmation gehen." (S. 107)

 

Oh, das ist nicht nur unredlich, das ist verlogen. Wieder einmal redet der Herr Pfarrer von „Belegen". Nur... er zeigt auch hier keinen einzigen vor! Wer, wie der Rezensent Mitte der 1960er Jahre die Jugendweihe erhalten und später selbst ehrenamtlich In Jugdendweiheausschüssen mitgearbeitet hat, kann die erste Behauptung nicht bestätigen. Schlimmer aber wird es, wenn der Gottesmann Fincke den Zeitpunkt der Jugendweihe um den 14. Geburtstag herum als Konfirmationsdatum für das Christentum vereinnahmt. Die Jugendweihe ist, wie letztlich auch die Konfirmation, ein Passageritus, der in menschlichen Gemeinschaften seit alters her und weltweit zum üblichen Zeitpunkt der Geschlechtsreife stattfindet.

 

Dann erwähnt Fincke zur Untermalung seiner dreisten Behauptung noch „Walter Ulbricht und seine berüchtigte Rede in Thüringen" (S. 107) vom September 1957. Er zitiert daraus aber kein einziges Wort...

 

Der Gipfel, besser der Tiefpunkt, in Finckes haßerfüllten (und dreist verlogenen) Auslassungen ist jedoch in diesen Absätzen erreicht, zu denen sich wohl jeglicher Kommentar erübrigt:

 

„...war es der SED gelungen, die DDR-Jugendweihe als Speerspitze gegen die volkskirchliche Konfirmation zu etablieren. Deren Zahlen gingen (...) auf etwa 35 Prozent eines Jahrgangs zurück. Die römisch-katholische Kirche war von den Konflikten um die Jugendweihe ähnlich betroffen. Auch viele katholische Familien gerieten in Gewissensnot und mußten entscheiden, ob und wie sich diesem Zwangsritual entziehen. (...) Tausende von Jugendlichen haben mitunter schwere berufliche Benachteiligungen und entsprechende Hinweise in ihrer Personalakte hinnehmen müssen." (S. 108)

 

Und damit noch nicht genug, Pfarrer Fincke setzt sogar noch eins drauf:

 

„Die DDR-Jugendweihe war damit zu einem Unterwerfungsritual geworden. Man kann heute nicht mehr im Einzelnen klären, wie viele jener Familien, die vor dem Mauerbau in den Westen geflohen sind, diesen Schritt aus Verzweiflung über die Jugendweihe getan haben. Aber es liegt auf der Hand, daß der Konflikt um die Jugendweihe seinen Anteil an der Flucht Hunderttausender hatte." (S. 108)

 

Da möchte man doch glatt als gescholtener Atheist ausrufen: „Oh, Herr, laß Hirn in deine Verkündiger regnen!

 

Über Strategische Allianzen und Alternative Formen

Andreas Fincke wendet sich dann noch kurz den von ihm ausgemachten „strategischen Allianzen" zwischen Laizisten, Atheisten und weltlichen Humanisten zu. Er wirft einige oberflächlich bleibende und nur zum Teil wirklich zutreffende Blicke auf den Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO), auf die ihm verhaßte und daher diffamierte (weil wissenschaftlich-statistisch arbeitende) Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) und laizistische Arbeitsgruppen in einigen Bundestags-Parteien.

 

Gut weg kommt bei ihm allein der Humanistische Pressedienst (hpd), ja, er singt sogar Loblieder auf diesen. Wenn man aber weiß, daß dieser hpd nach der Berentung von dessen Gründer und langjährigen Chefredakteur nur noch ein Schatten seiner selbst ist, und daher dem Klerus und der Machtinstitution Kirche absolut ungefährlich, wird dies verständlich. Denn seit 2014 kommen beim hpd Humanismus oder Freidenkertum und erst recht die säkulare Welt kaum noch vor. Stattdessen ist der hpd mehr oder weniger nur noch eine Pinnwand für Pressemitteilungen von Dritten oder gar nur Spielwiese zum Austoben von Veganern und „Tierrechtlern"...

 

Hoffnungen zum „Einfangen" von Religionsfreien setzt Fincke schließlich auf außerkirchliche oder kirchennahe Veranstaltungen, wie die sogenannten religiösen Feiern zur Lebenswende. Letztere sind ihrem Kern wohl doch nur Zwangsveranstaltungen für nichtchristliche Schüler an Schulen in christlicher Trägerschaft.

 

Fazit

Dennoch sollte diese Schrift für die Aktiven aus der säkularen Szene ein Muß sein. Aber vor, und erst recht nach, der Lektüre sollte man Horst Groschopps Vorwort „Das 'säkulare Spektrum'" aufmerksam lesen. Der Herausgeber begründet darin u.a. die Wahl des Autors und geht auf Begriffe, wie Atheismus/Theismus oder Kirche, ein und faßt aus humanistischer Sicht Finckes Analyse zusammen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Andreas Fincke: Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme aus kirchennaher Sicht. 148 S. kart. Reihe Humanismus-Perspektiven Bd. 3. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2017. 16,00 Euro. ISBN 978-3-86569-281-8

 

 

 



 
30.08.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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