Eine kommentierte Neuausgabe von Ludwig Pfaus Schriften

WEIMAR. (fgw) Mit Blick auf den 200. Geburtstag des schwäbischen Publizisten, revolutionär-demokratischen Politikers, Kunsttheoretikers und Religionskritikers Ludwig Pfau hat nun der rührige humanistische Freidenker Heiner Jestrabek eine kommentierte Neuauflage von dessen wichtigsten Schriften vorgelegt.


Jestrabek schreibt in einem ausführlichen Vorwort (S. 6 - 47) über Ludwig Pfau u.a.: „Er prägte auf philosophisch-ästhetischem Gebiet die Publizistik des 19. Jahrhunderts, war engagierter Kämpfer in der Revolution 1848/1849, politischer Flüchtling, Kulturvermittler zwischen Franzosen und Deutschen und der wichtigste Theoretiker der Demokratischen Volkspartei, Liberaldemokrat und Sozialist zugleich, Kritiker von Preußentum, Klerikalismus und Kapitalismus."

 

Ludwig Pfau wurde am 25. August 1821 in Heilbronn als Sohn eines Gärtnermeisters geboren. Gestorben ist Pfau am 12. April 1894 in Stuttgart, wurde aber in Heilbronn beigesetzt. Heiner Jestrabek skizziert in seinem Vorwort nicht nur dessen wichtigste Lebensstationen, sondern nimmt auch eine dezidierte Würdigung seines Schaffens vor. Diese Lebenswegbeschreibung ist wesentlich detaillierter als Pfaus „Eigenhändiger Lebenslauf" aus dem Jahre 1891 (S. 48 - 49).

 

Pfau sollte eigentlich, dem Wunsche seiner Eltern folgend, evangelische Theologie studieren. Doch bereits als junger Mann lehnte Pfau religiös-kirchliche Dogmen ab. Deshalb erlernte er zunächst den Gärtnerberuf. Erst im elterlichen Betrieb, später dann in Paris. In Paris interessierte er sich zunehmend für Museen, Kunst und Literatur. Später begann er, zunächst in Tübingen, dann in Heidelberg, ein Studium der Philosophie und Ästhetik. Ab 1847 in Stuttgart lebend, war Pfau Mitherausgeber und wichtigster Autor des satirischen und radikaldemokratischen Karikaturenblattes „Der Eulenspiegel". Selbstverständlich beteiligte Pfau sich aktiv publizistisch und politisch an der (gescheiterten) bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49. Was zu ersten gerichtlichen Verurteilungen führte (u.a. eine Zuchthausstrafe von 21 Jahren wegen Hochverrat). Pfau konnte aber rechtzeitig in die Schweiz fliehen; siedelte aber später nach Paris um. Dort begann er als Journalist, Kunstkritiker und Übersetzer zu arbeiten. Seither war es ihm ein wichtiges Anliegen einem deutschen Publikum französische Romane und auch Lyrik nahezubringen. Insbesondere aber übersetzte er das philosophische Hauptwerk des Frühsozialisten Pierre Joseph Pruodhon (1809-1865). Davon künden in dieser Anthologie Pfaus Publikationen „Proudhon und die Franzosen" (S. 179 - 193) sowie „Die Bretonischen Volkslieder" (S. 194 - 208).

 

Heiner Jestrabek hebt hervor, daß Ludwig Pfau nicht bloß beobachtender/kommentierender Schreiber war, sondern auch aktiver Politiker. Nach einer Generalamnestie konnte Pfau 1863 nach Württemberg zurückkehren. Dort wurde Mitte der 1860er Jahre die „Demokratische Volkspartei" gegründet. Dazu heißt es bei Jestrabek:

 

„Er vertrat - wie auch seine Mitstreiter - einen linken radikaldemokratischen Liberalismus in der Tradition der Aufklärungsbewegung. Die Bewegung war somit antifeudal, antipreußisch und antiklerikal. Diese Traditionslinie sollte nicht vergessen werden, wenn vom historischen Württemberg als dem 'Stammland des Liberalismus' gesprochen wird. Die Demokratische Volkspartei hatte ihre soziale Basis im Kleinbürgertum und den Unterschichten. Sie war bis zum Aufkommen der Sozialdemokratie die wichtigste Unterstützung der Arbeiterbildungsvereine. Im Parteiprogramm von 1868 fand sich daher auch dieser Satz, ».. daß sich die wirtschaftliche Befreiung... daß sich die wirtschaftliche Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der politischen Freiheit gegenseitig bedingen.« - eine Formulierung, die sich sehr stark an das Eisenacher Programm von 1869 der Sozialdemokratie anlehnte." (S. 19)

 

Auf den Seiten 22 bis 25 geht Jestrabek ausführlich auf die laizistischen Forderungen der Revolutionäre von 1848, der Demokratischen Volkspartei und der (Liebknecht-Bebel'schen) Sozialdemokratie ein, die sich im wesentlichen deckten und die bis heute immer noch nicht realisiert sind. Insbesondere der Freigeist Pfau machte sich für die Trennung von Staat und Kirche und die Trennung der Schule von der Kirche stark. Was sehr deutlich immer wieder in seinem Hauptwerk „Freie Studien" zum Ausdruck kam. Daß und wie im wilhelminischen Deutschen Reich freie Presse und freies Denken massiv, nicht zuletzt mit Hilfe der Justiz, verfolgt wurden, das widerspiegelt sich zwei Texten dieser Anthologie: „'Das preußische Regiment' vor Gericht. Rede gehalten zu seiner Verteidigung vor dem Stadtgericht in Frankfurt am Mai" aus dem Jahre 1877 (S. 209 - 223) und „Theokratisches Kirchentum und autokratische Justiz. Ein Gotteslästerungs-Prozess vor dem Schwurgericht in Esslingen", ebenfalls aus dem Jahre 1877 (S. 224 - 254). Von Pfaus Auseinandersetzungen mit dem preußisch-deutschen Militarismus und dem Gottesgnadentum künden diese Texte: „Preußische Ethik und Polemik" aus dem Jahre 1881 (S.255 - 259) und „Der Legitimismus" ebenfalls aus dem Jahre 1881 (S. 260 - 262)

 

In seinem Vorwort geht Jestrabek auf den Seiten 37 bis 45 in knappen Zusammenfassungen auf die von ihm getätigte Werkauswahl ein. Den Hauptteil dieser Werkauswahl bildet Ludwig Pfaus Schrift „Freie Studien", erstmals erschienen im Jahre 1866. Heiner Jestrabek würdigt Pfau als „philosophischen Ästhetiker und Religionskritiker" und schreibt:

 

„In seinen ästhetischen Schriften (...) vermittelte Pfau aufklärerische und volksbildnerische Betrachtungen. Hierbei ist die freidenkerische und religionskritische Geisteshaltung Ludwig Pfaus von zentraler Bedeutung für das Verständnis seines Engagements zur Förderung von Kunst und Kunstgewerbe. Im Vorwort der 'Freien Studien' nennt er in erster Linie die Vertreter der Kirche 'Gegner der dialektischen Wahrheit' und er zeigt auf, dass der Ersatz der Religion durch die Vernunft nicht Sittenlosigkeit, sondern Sittlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung zur Folge hat." (S. 40)

 

Obwohl die „Freien Studien" bereits im Jahre 1866 erstmals erschienen sind, so sind sie dennoch mehr als 150 Jahre später keinesfalls veraltet. Ganz im Gegenteil! Denn viele Aussagen Ludwig Pfaus sind heute noch sehr aktuell, insbesondere wenn es um Kirchen- und Religionskritik geht. Aber auch angehenden Kulturwissenschaftlern und Kunsthistorikern kann diese Schrift immer noch wertvolle Erkenntnisse und Anregungen zu ihren Fachgebieten vermitteln bzw. geben.

 

In Bezug auf christliche Religion bzw. Kirchen und Klerus schreibt Pfau in seinem Vorwort zur ersten Auflage (S. 59) u.a.:

 

„So nützlich demnach die Religion als Erzieherin unmündiger Generationen sein kann, so schädlich wird sie, wenn diese vergängliche Entwicklungsform sich zum ewigen Erkenntnisprinzip emporschwindelt, um, wie heutzutage, der Zivilisation des Jahrhunderts in den Weg zu treten. Es ist daher für die Redlichen unter den Freien und Wissenden an der Zeit den theologischen Plunder ins Kehricht zu werfen, die religiöse Form überhaupt - als Negation der Vernunft - für verderblich zu erklären, und offen den christlichen Glauben zu bekämpfen, der, von der Kultur überholt, von der Bildung aufgegeben, von der Wahrheit verworfen, von der Gerechtigkeit verurteilt, von der Freiheit verdammt, längst alle sittliche Wirkungskraft verloren hat und zum Knechte der Gewalt herabgesunken ist. Der Glaube, weit entfernt der Pfleger der Tugend zu sein, ist vielmehr ihr natürlicher Feind; das lehrt uns die Geschichte, das bestätigt uns die Erfahrung, das beweist uns die Statistik. Humanismus und Sittlichkeit nehmen genau in dem Maße zu, in welchem Religion und Kirche abnehmen. Der Fortschritt der Gesellschaft heißt Überwindung der religiösen Weltanschauung; das Ziel der Menschheit heißt Herrschaft der Vernunft.

 

Es ist unmöglich solche Dinge rückhaltlos auszusprechen, ohne auf heftigen Widerspruch zu stoßen (...) In erster Linie erheben natürlich die Kirchlichen ihre Stimmen, um nach altem Brauch den freien Gedanken als Gotteslästerung zu denunzieren. Längst gewohnt über Logik und Tatsache mit willkürlichen Voraussetzungen wegzuspringen, finden sie es bequemer, die vernunftgemäßen Überzeugungen anderer zu verdächtigen, als ihre eigenen haltlosen Behauptungen zu begründen; sie schmähen statt zu beweisen. Jeder sachlichen Erörterung ausweichend, begnügen sie sich die gegnerischen Sätze zu verdrehen und zu verstümmeln, und treiben so eine Falschmünzerei des Geistes, welche lediglich auf die Einfalt der Gläubigen berechnet ist. Es ist nicht erlaubt, die wissenschaftliche Verneinung des Glaubens - welche einer höheren Bejahung entspringt, und mehr Tugend verlangt und besitzt als die Kirche - mit dem Unglauben der Sittenlosigkeit zusammenzuwerfen, der sich um Vernunftgründe noch weniger kümmert als um Dogmen, und nicht von der Philosophie herstammt sondern von der Religion. Dieser Unglaube - der dieselbe Grundlage hat wie der Glaube: subjektive Meinung und persönliches Belieben..."

 

Pfaus Schrift über „Die Kunst im Staat" ist mehrfach untergliedert: Das erste Kapitel ist überschrieben mit „Kunst und Philosophie" und umfaßt zehn Abschnitte. „Kunst und Geschichte" nennt sich das zweite Kapitel und umfaßt ebenfalls zehn Abschnitte. Besonders hervorzuheben ist das dritte Kapitel „Kunst und Moral" auch mit zehn Abschnitten. In Abschnitt XXII heißt es u.a. :

 

„Die Geschichte ist da, um durch das Zeugnis der Tatsache die Richtigkeit der Theorie zu beweisen. Die religiöse Erziehung gründet sich auf das Gebot, denn sie setzt die kirchliche Satzung an die Stelle der menschlichen Vernunft. Aber die Geschichte zeigt uns auch, dass die Sittlichkeit gerade in dem Maße zunimmt, in dem die Kirche abnimmt: je stärker der Glaube ist, desto größer ist die Barbarei; je mehr das Dogma in Stücke geht, desto mehr befestigt sich die Humanität. Sittlichkeit und Religion stehen in umgekehrtem Verhältnis.

 

In drei Jahrhunderten des Zweifels hat die Menschheit mehr Fortschritte gemacht als in fünfzehn Jahrhunderten des Glaubens; das ist eine Tatsache, die offenbar, sichtbar, greifbar ist, und die nur die Lüge leugnen kann. Bloß die eigensinnige Verblendung einer Kirche, welche den Menschen in der Blindheit erhalten möchte, kann noch behaupten, der Glaube sei der Hüter der Moral, nachdem die Erfahrung unwiderleglich dargetan hat, dass er ihr grimmigster Feind ist. Man muss daher die Kirche bei ihren Irrtümern lassen, ihr aber jede Gewalt in Staat entziehen, damit sie nicht länger die Freiheit bekämpfen kann, welche die Sittlichkeit selber ist.

 

Es fehlt freilich nicht an wohlmeinenden Männern - Neukatholiken, Deutschkatholiken, Pietisten und Reformisten aller Art - welche den fanatischen Unfug eines in der Tradition erstarrten Priestertums nicht billigen, die Religion selber von den Auswüchsen der Kirche freisprechen und, in der Hoffnung die Vernunft mit der Offenbarung auszusöhnen, zur Reinheit der ursprünglichen Lehre zurückverlangen. (...) Die Religion hat nicht das geringste außerpsychologische Dasein; sie existiert nirgends als in den einzelnen Individuen, die sich zu ihr bekennen, es ist daher unmöglich ihr eine objektive Wahrheit abzugewinnen. (...) Seitdem es Religionen gibt, war, trotz der himmlischen Abstammung, nicht eine einzige im Stand ihren sittlichen Gehalt, wenn auch nur in der unvollkommenen Form weltlicher Einrichtungen, zu verwirklichen. Immer und überall war ihre Tat das Gegenteil ihres Wortes: sie lehrten Eintracht und säten Zwietracht, sie predigten Menschenliebe und übten Verfolgung, sie versprachen Licht und Freiheit und brachten Nacht und Knechtschaft. (...) Dabei führt sie freilich, wie jeder Despotismus, schöne Phrasen im Munde; aber an ihren Werken sollt ihr sie erkennen." (S. 110 - 111)

 

Wenn Ludwig Pfau seinerzeit hier von gewissen „wohlmeinenden Männern" schrieb, so könnte er durchaus auch Frauen und Männer der Gegenwart gemeint haben, die als vorgebliche LINKE predigen, daß es ohne (christliche) Religion keine Moral und Ethik gäbe und die vor dem Klerus jederzeitig demütig den Kotau vollziehen...

 

Zwei weitere Kapitel widmen sich den Themen „Kunst und Ökonomie" sowie „Kunst und Politik" mit jeweils zehn Abschnitten. Auf die spezifischen kulturwissenschaftlichen und kunsthistorischen Aussagen soll hier, da für den Rezensenten bei der Lektüre die Religions- und Kirchenkritik im Vordergrund stand, nicht näher eingegangen werden.

 

Auf den Seiten 266 und 267 hat der Herausgeber schließlich die zugängliche Literatur von und über Ludwig Pfau aufgelistet. Dieser Übersicht stellte er eine eigene Rezension der von Erhard Jöst wiederherausgegeben Pfau'schen Zeit und Sinngedichte („Freiheit ist das schönste Fest", 2020) voran.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Ludwig Pfau. Freie Studien. Preußisches Regiment. Theokratisches Kirchentum und autokratische Justiz. Texte zur Ästhetik, Religions- und Herrschaftskritik. 268 S.m.Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag Freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2021. 16,00 Euro. ISBN 3-978-3922589-72-3

 

 

 

 

 

 

 

 



 
29.04.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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