Eine kurze Geschichte der Nordischen Welt mit einem „Aber“

WEIMAR. (fgw) Woran mag der Durchschnitts-Deutsche denken, wenn er das Stichwort „Nordische Welt“ zu hören bekommt? An Wikinger und Normannen, an die Hanse und Klaus Störtebecker? An die Vanen und Asen, an Mittsommer und Julfest? An Rentierherden und Elchjagden? An Schweden-Krimis und Olsen-Bande-Filme? An dänisches Bier und IKEA-Möbel? Oder woran sonst noch oder überhaupt?


Diesen und anderen Fragen geht Michael Engelbrecht in dem vorliegenden, überwiegend kulturhistorischen, Buch mehr oder weniger deutlich nach. Zunächst versucht er sich an einer Definition dessen, was er regional, ethnographisch und kulturell unter „Nordische Welt" erfaßt. Weiteres hat in dreizehn Kapitel gegliedert. Jedem Kapitel ist eine kleine Auswahl von Rezepten beigefügt.

 

Dieser Reigen beginnt mit „Von Eis zu Eisen". Hierin streift er in aller Kürze den geschichtlichen Abschnitt zwischen etwa 10.000 bis 500 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.). Als repräsentative Rezepte für diese Periode bietet er an: Rentier nach Art der Jungsteinzeit, jungsteinzeitlicher Getreidebrei sowie Bier nach Art der Steinzeitbauern. Wobei diese Rezepte wohl eher hypothetisch sind, denn es gibt ja keinerlei schriftliche Überlieferungen. Wie auch das seinerzeitige Getreide (Roggen, Gerste und Hafer) in der Qualität nichts mit heutigen Sorten zu tun hat.

 

Das nächste Kapitel, „Der Norden wird flügge", beleuchtet schon einen wesentlich kürzeren Zeitraum; die Jahre zwischen 500 v.u.z. und 500 unserer Zeit (u.Z.). Hierin setzt er sich auch mit dem im 19. Jahrhundert beginnenden Germanen-Kult in deutschen Landen auseinander. Noch kürzer ist die Betrachtnungszeit des darauffolgenden Kapitels „Männer ohne Hörnerhelme" - die Zeit des 8. bis 11. Jahrhunderts. Gemeint sind damit die Wikinger. Engelbrecht skizziert hier die Nordmenschen als Seefahrer und Handelsleute. Ferner geht er ein auf die Staatenbildungen in Skandinavien sowie Besiedlungswellen u.a. in Richtung Normandie und Großbritannien. Die entsprechende Rezeptliste wird von einem „Milchkompaß" dominiert. Um „Kaufleute und Könige" geht es im nächsten Kapitel, das sich dem 11. bis 16. Jahrhundert zuwendet. Dementsprechend sind die dazugehörigen Rezepte für ein „Mittelalterliches Festmahl" zusammengestellt.

 

Für den Zeitraum 16. bis 18. Jahrhundert hat Engelbrecht die Überschrift „Evangelium und Erbsensuppe" gewählt. Hierin, wie auch in den vorgehenden Kapiteln, lobpreist er unkritisch und ahistorisch die christliche Kirche. Zunächst die katholische und dann nach der sogenannten Reformation die lutherische. Diese sind für ihn die Kultur- und Fortschrittsbringer per se gewesen. Das tut weh, denn er wiederkäut hier leider nur klerikale Propaganda. Dennoch rutscht ihm ein einziges Mal ein Körnchen Wahrheit aus der Feder, wenn er auf S. 128 schreibt:

 

„Vorher [vor der Reformation; SRK] gehörten 68 Prozent des Grundbesitzes in Schweden der katholischen Kirche..." Hinzuzufügen wäre, daß dieser immense Großgrundbesitz nicht im geringsten durch Pfaffen und Mönche kultiviert und bewirtschaftet worden ist, sondern allein durch hörige und leibeigene Bauern! Kultiviert von Bauern, die vor der Zwangschristianisierung freie Bauern waren!

 

Dem 18. Jahrhundet ist das Kapitel „Möbelkönige, Popmusik und Romanzen" gewidmet. Wobei diese Überschrift den Inhalt keineswegs wiedergibt. Die dazugehörenden Rezepte drehen sich primär um Alkoholisches. Mit „Das bürgerliche Wohnzimmer" ist das Kapitel über das 19. Jahrhundert überschrieben. Dann gerät Schleswig-Holstein in den Fokus des Autors; siehe Kapitel „Op ewich undedeelt". Hier geht es sowohl um das 19. als auch um das 20. Jahrhundert. Hierin bejubelt Engelbrecht schließlich sogar die evangelische Kirche als DIE antifaschistische Widerstandskraft im Deutschen Reich der Jahre 1933-1945. Peinlich, schlimm... Löblich dagegen die Grünkohl- und Rote-Grütze-Rezepte, die ganz nach dem Geschmack des aus Mecklenburg stammenden Rezensenten sind.

 

Dem ausgehenden 19. und dem 20. Jahrhundert hat Engelbrecht gleich vier Kapitel gewidmet: „Die Eismeerimperialisten" (Stichwort u.a. „Norwegen wird unabhängig"), „Schweden dürfen wir nicht, Russen wollen wir nicht" (Stichwort u.a. „Das politische Erwachen Finnlands"), „Der Norden und die großen Nachbarn" (Stichwort u.a. „Zwischen zwei Weltkriegen") und schließlich „Heile Welt im kalten Krieg".

 

Sogar dem noch keine 20 Jahre alten 21. Jahrhundert ist ein eigenes Kapitel gewidmet: „Angekommen im 21. Jahrhundert" mit beigefügten veganen Rezepten.

 

Sind die Kapitel bis ins 19. Jahrundert durchaus als historisch fundiert, wenngleich salopp knapp gehalten, zu bezeichnen, so leiden die letzten fünf unter ausgeprägtem Antikommunismus und engstirniger Russophobie. Das schmälert den populär-wissenschaftlichen Wert dieses Buches ungemein. Und ist neben der Kirchenhörigkeit der zweite große Schwachpunkt.

 

Kommen wir zu den Stärken: Das sind neben den diversen Rezepten, die die jeweils beschriebenen Zeiten sinnlich erlebbar machen können, dazu die jedem Kapitel innewohnenden Hinweise auf Kunstwerke und insbesondere Filme über die Zeiten bzw. aus den Zeiten.

 

Zu kurz kommen in der Betrachtung der nordischen Welt leider die Inseln der Färöer, der Shetlands und Orkneys.

 

Geschrieben ist das Buch tatsächlich mit leichter Hand, mitunter mit zu leichter Hand, und leider mitunter sogar mit flapsiger Hand geschrieben. Über weite Strecken ist es leicht und teilweise sogar vergnüglich zu lesen.

 

Neben der überbordenden „Christenseligkeit" muß man bei Engelbrecht leider in anderer Beziehung an dessen Wissenschaftlichkeit zweifeln. So behauptet er doch tatsächlich: Die Wikinger „beherrschten 200 Jahre den Welthandel" (S. 80). Passend dazu die Behauptung auf S. 110, Mittelniederdeutsch sei über mehrere Jahrhunderte die „Welthandelssprache Nummer eins" gewesen. Nein, real beherrschten die Wikinger nur den Handel in einer kleinen und eher unbedeutenden Region des Erdballs. Welthandel (zu Lande und zur See) betrieben seinerzeit vielmehr Chinesen, Inder, Perser und Araber... Dann ist auch noch von einer „weltweiten Kalenderreform" (S. 158) die Rede. Diese fand jedoch nur in den katholisch und lutherisch geprägten Landen statt.

 

Wie es um Estland, Lettland und Litauen 1940 vor dem Beitritt zur Sowjetunion und nach deren Ausscheiden aus dieser 1990/91 bestellt gewesen sein soll, das liest sich bei Engelbrecht folgendermaßen: „So erreichte das Baltikum schnell wieder Weltniveau." (S. 265)

 

Unter Welt- macht es Michael Engelbrecht in seiner leider doch provinziellen Weltsicht wohl nie. Was die baltischen Länder betrifft, so sollte man sich bloß einmal deutsche Nachschlagewerke aus den 1920er und 1930er Jahren anschauen. Sämtliche dortige Kennziffern bezeugen das Gegenteil von Weltniveau.

 

Überaus peinlich schließlich noch die Beschimpfung des langjährigen finnischen Präsidenten Urho Kekkonen als „enthemmter Schnapstrinker" (S. 276).

 

Wenn der Rezensent dieses Buch dennoch, aber unter sehr großen Bauchschmerzen, empfiehlt, dann nur wegen der darin enthaltenen Rezepte und der bibliophilen Gestaltung und Herstellung. Denn das große „Aber" insbesondere wegen der ideologisch verblendeten letzten Kapitel schmälert leider auch die Freude an den vorhergehenden wirklich informativen Zeitbetrachtungen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Michael Engelbrecht: Eine kurze Geschichte der nordischen Welt. Hardcover geb. 304 S.m.Abb. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 24,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2472-4

 



 
06.12.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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