Eine kurzweilige Kriminalgroteske im Stil des Historismus

WEIMAR. (fgw) Der Liechtensteiner Armin Öhri hat jetzt mit „Das schwarze Herz“ seinen vierten Roman um den Kriminalkommissar Gideon Horlitz und seine Adepten (vulgo: Assistenten), den Tatortzeichner Julius Bentheim und den Polizeifotografen Albrecht Krosick, vorgelegt. Dieses Buch firmiert als „Historischer Kriminalroman“. Doch eine Klassifizierung als „Kriminalgroteske“ trifft es wesentlich besser!


Die Handlung dieses Romans beginnt im tristen November 1869 und findet seine Fortsetzung in vielen nachfolgenden Monaten. Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert greift insbesondere in der deutschen Architektur der Historismus um sich: Alte Stilelemente werden neu aufgelegt, mit anderen und sogar modernen verbunden... Ähnlich verfährt Öhri in seinem Roman, indem er etliche technische und kriminologische Details aus späteren und sehr viel späteren Jahren in diese Handlung vorverlegt. Darauf verweist auch das geniale Vorwort »Mindestens eine Aussage in diesem Werk ist falsch.« (S. 7) Allein schon die Suche des Lesers nach falschen Details sorgt für Kurzweil. Und da vieles auch noch skurril, absurd, surreal und gar wunderlich überzeichnet daherkommt, ist für weitere Kurzweil gesorgt.

 

Daher darf bereits jetzt das Tatmotiv für alle Verbrechen offenbart werden: Langeweile, pure Langeweile - »die Zivilisationskrankheit schlechthin« - und weil Eintönigkeit das Leben erfassen würde... Nicht verraten wird selbstverständlich, wer hinter all den Geheimbündeleien, Verschwörungen, Intrigen, Attentaten und Morden steckt. Das letztlich zu erkennen, das dürfte für Verblüffung in Potenz sorgen! All die überführten und zum Teil dingfest gemachten Verbrecher waren allesamt doch nur Handlanger, egal in welcher Rolle sie sich selbst wähnten...

 

Genug der Vorrede. Worum geht es? Eines tristen Novembertages werden Herlitz und seine Assistenten in das Herrenhaus des alten Herzogs von Gerolstein gerufen. Dieser ist dort durch einen Schuß ins Gesicht getötet worden. Irgendwie benimmt sich aber sein Hausdiener komisch. Bald jedoch stellt sich heraus, daß der hochverschuldete Herzog gar nicht ermordet worden ist, sondern nach wie vor quicklebendig. Allerdings in eine andere Identität geschlüpft und schließlich nach Paris geflüchtet. Vor seiner Flucht hat er jedoch auf abenteuerliche Weise Horlitz einen Brief zukommen lassen. In diesem Dossier enthüllt er eine internationale Verschwörung von Personen aus den sogenannten besten Kreisen. Diese Geheimloge namens »Brüder des schwarzen Herzens« läßt an Freimaurer und gar an Satanisten denken. Ziel der Verschwörung sei nicht nur das Ansammeln großer Vermögenswerte, sondern die Ergreifung der Macht im Staate durch Ausschaltung wichtiger Persönlichkeiten. Gegen sehr viel Geld habe er der Loge bei sich Unterschlupf gewährt.

 

Es beginnt also die Suche nach dem neuen Berliner Hauptquartier und wichtigen Mitgliedern dieser Geheimloge. Dabei stößt man auch auf einen verdächtigen französischen Aristokraten. Später geraten noch zwei dubiose Frauenzimmer ins Blickfeld der Kriminalisten. Als sich herauskristallisiert, daß die Loge ein Attentat auf Napoleon III. plant, begeben die drei Kriminalisten sich auf die Reise nach Paris... Es kommt bereits in Berlin zu mysteriösen Verwicklungen: Da nimmt z.B. ein französischer Geheimdienstler Kontakt zu ihnen auf. Man kooperiert in Folge sogar. Für ein gefährliches Doppelspiel sorgt eine Frau, die einem der Assistenten Liebe vorgaukelt...

 

Die Verschwörung greift um sich. Da das Recht nicht zum Zuge kommt, nimmt Horlitz seinen Abschied und sorgt nun selbst europaweit für Gerechtigkeit. Doch noch ist die Loge nicht zerschlagen. Da weisen alle Wege in die Schweiz; in einer gutgesicherten Felsenburg soll sich deren wirkliches Hauptquartier befinden. Horlitz, Bentheim und Krosick gelingt es sogar, dort einzudringen. Doch sie werden gestellt und geraten in höchste Lebensgefahr. Nur vorsorglicher Umsicht des Kommissars a.D. ist es zu danken, daß nicht sie, sondern zwei Verschwörer ums Leben kommen. Und endlich schwant es den wackeren Kriminalisten, daß das Hirn der Verschwörung ganz woanders zuhause ist - nämlich im Berliner Raum.

 

Zum Roman gehören noch viele weitere Würzkörner: Liebesgeschichten, ein gruseliger Werwolf, ein Besuch im Irrenhaus oder eine merkwürdige Schiffsreise von Berlin nach Paris... So ist nicht nur für atemberaubende Gruselspannung gesorgt, sondern auch für viel amüsante Kurzweil.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Armin Öhri: Das schwarze Herz. Historischer Kriminalroman. 280 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2804-3

 



 
23.02.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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