Eine Magisterarbeit, die noch von etwas anderem kündet

WEIMAR. (fgw) Der Marburger Tectum-Verlag hat mit „Das Künstlerbuch UNAULUTU“ die im Jahre 2012 verfaßte kunstwissenschaftliche Magisterarbeit von Hendrikje Hüneke (geb. 1983 in Potsdam) über Zeugnisse indigener Völker als künstlerische Inspiration in der DDR veröffentlicht.


Diese Arbeit kündet aber leider nicht nur vom kunstwissenschaftlichen Vermögen der Autorin, sondern sie kündet, natürlich ungewollt, auch von etwas anderem: Vom verqueren Weltbild über die DDR, wie sie von antikommunistischen „Aufarbeitern" wie dem obskuren Schroederschen „Forschungsverbund" als unumstößliche Wahrheit verkündigt wird. Und auch davon, wie diese Zerr- und Leitbilder unkritisch von westdeutsch sozialisierten und leider auch von nachgeborenen ostdeutschen Akademikern wiedergekäut wird.

 

Zum Gegenstand von Hendrikje Hünekes Arbeit heißt es in der Verlagswerbung u.a.:

 

„Das 'Künstlerbuch UNAULUTU - Steinchen im Sand' von Frieder Heinze und Olaf Wegewitz nimmt im buchkünstlerischen Schaffen der DDR eine besondere Stellung ein: Die 130 Exemplare des Werkes sind mit hohem finanziellen und organisatorischen Aufwand in Handarbeit gefertigt und 1986 bei Reclam Leipzig veröffentlicht worden. Aus der Natur stammende Materialien, verschiedene Papiere, vereinzelte akustische Elemente und eine aufwändige Bindung, die ein Auseinanderfalten und Herausnehmen der großen Grafiken ermöglicht, machen das Buch zu einem Erlebnis. (...) Darüber hinaus steht die in 'UNAULUTU' geführte künstlerische Auseinandersetzung mit Zeichnungen brasilianischer Karaja-Indianer in der Tradition des Primitivismus der Klassischen Moderne, dessen gesellschaftskritische Komponente in der DDR an kontroverser Brisanz gewann.

Hendrikje Hüneke untersucht das Künstlerbuch UNAULUTU, stellt es in den Kontext des kulturpolitischen Hintergrundes der DDR und zeigt an seinem Beispiel, wie die künstlerische Beschäftigung mit außereuropäischen Kulturen in der DDR aussehen konnte."

 

Dem kann der Rezensent nach eingehender Lektüre dieser Arbeit - abgesehen vom behaupteten kulturpolitischen Hintergrund in der DDR - ohne Einschränkung zustimmen.

 

Die Autorin geht zunächst recht ausführlich auf die Entstehungsumstände des originalgraphischen Künstlerbuches von Frieder Heinze (geb. 1950) und Olaf Wegewitz (geb. 1949) ein. Anlaß und Kern sei die Beschäftigung der beiden Künstler mit Zeichnungen der brasilianischen Karajá-Indianer gewesen, die durch den Ethnologen Fritz Krause 1909 vor Ort gesammelt worden waren. Sie stellt dazu die Lebens- und Schaffenswege von Heinze und Wegewitz recht ausführlich dar, zumeist aber beruhend auf deren Selbstdarstellungen in diversen Gesprächen. Was die Veröffentlichung von „Unaulutu" im renommierten Reclam-Verlag angeht, sei heute unklar, vom wem die Initative dazu ausgegangen sei: Von den Künstlern oder vom engagierten Verlagsleiter Hans Marquardt.

 

Im Hauptteil geht es dann um das Buch selbst: Um Begriffliches und die verwendeten Materialien. Es folgen detaillierte und aussagekräftige Beschreibungen des Inhaltes, beginnend mit den Reproduktionen von 26 Zeichnungen der Karajá, gefolgt von den 68 Grafiken von Heinze und Wegewitz. Zu diesen heißt es: „Den Künstlern ist damit die Auseinandersetzung mit dem Thema der zwischenmenschlichen Verständigung und ein besonderes Interesse an der metaphernartigen Funktion abstrahierter Zeichen gemeinsam." (S. 55)

 

Hinzuzufügen wäre, daß Hendrikje Hünekes Beschreibungen und Wertungen durchaus für Laien verständlich geschrieben sind.

 

Das Künstlerbuch enthält daneben diverse Texte, die in der Arbeit ebenfalls vorgestellt und analysiert werden: Eine von Lajos Boglár niedergeschriebene Schöpfungsgeschichte der brasilianischen Piaroa-Indianer, vier Nachdichtungen von andiner Ketschua-Lyrik, mit denen „ganz grundsätzlich die Ausbeutung der indigenen Kulturen durch die europäische Welt [gemeint sind die christlich-weißen kolonialen Eroberer; SRK] thematisiert werde" (S. 65), sowie die sogenannte, weil nicht wirklich authentisch belegte, „Rede des Häuptlings Seattle", ferner drei Texte des Kunstwissenschaftlers Klaus Werner und schließlich die vom Verleger Marquardt selbst so bezeichneten „Marginalien".

 

Den Zeugnissen indigener Völker als künstlerische Inspiration ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Hier wird aber leider aufgrund bereits genannter antikommunistischer Zerrbilder mit negativer Zielstellung über die DDR leider zu viel spekuliert. Lesenswert sind dagegen die Ausführungen über Begrifflichkeiten, wie Primitivismus und primitive Kunst.

 

Nonsens, und mit Verlaub: Stuß, sind hier insbesondere ihre eigenen Auslassungen und Wiedergekäutes, wie diese in einer Fußnote auf den S. 88/89: „Um 'Indianer' vom 'imperialistischen Klassenfeind' Amerika abzugrenzen, mußten sie von offizieller Seite als 'Opfer des US-Imperialismus' umgedeutet werden, bevor zum Beispiel die ideologisch korrekten DEFA-Filme entstehen konnten."

 

Auf solch geistigen Schwachsinn einzugehen, ist wohl vergebliche Liebesmüh angesichts solcher Scheuklappen. Vielleicht aber doch ein Hinweis: Man möge sich doch mal mit dem Schaffen von Liselotte Welskopf-Henrich und ihren bereits seit Anfang der 1950er Jahre in der DDR und in hohen Auflagen und Nachauflagen erschienenen Büchern über die nordamerikanischen Indianer beschäftigen...

 

Ebenfalls nicht frei von ideologischen Verblendungen und daraus resultierenden Spekulationen ist daher Hendrikje Hünekes Fazit. Zuzustimmen ist ihr, wenn sie schreibt: „Die verschiedensten Zeugnisse indigener Kulturen verbinden sich in 'Unaulutu' zu einem allgemeinen Bild vom Anderen und Fremden, das vor allem dadurch gekennzeichnet ist, daß es sich um ein der europäischen Welt gegenüber kulturell Anderes handelt." (S. 99) Und eingestehen muß sie, allerdings nur in einer Fußnote auf S. 103, aber dieses: „Bemerkenswert ist dabei auch, daß zur gleichen Zeit in der BRD ein Projekt wie dieses wohl unbezahlbar und nicht durchführbar gewesen wäre." - Aha, aber in der geschmähten und „mangelwirtschaftsgeplagten" DDR schon, zumal es sich ja lt. Bekunden von Heinze und Wegwitz bei ihnen um oppositionelle Künstler handelte...

 

Ein sehr umfangreicher Anhang vervollständigt Hendrikje Hünekes Arbeit: das detaillierte Inhaltsverzeichnis in „Unaulutu", eine Übersicht über Karajá-Begriffe, eine Liste originalgraphischer Bücher und Graphikmappen und von Ausstellungskatalogen sowie der verwendeten Literatur und schließlich 31 Tafeln, die das Künstlerbuch auch visuell vorstellen.

 

Abschließend doch noch einige Worte zum Schwach- und intellektuellem Tiefpunkt in dieser Magisterarbeit. Dieser findet statt insbesondere auf den Seiten 15 bis 24 unter der Überschrift „Die kulturpolitischen Strukturen in der DDR". Auf die hier geäußerten Behauptungen, Klischees und Vorurteile soll aber hier nicht weiter eingangen werden, sind sie doch nicht Hauptgegenstand dieses Buches. Aber: So wie dargestellt, war es in der DDR und gerade im Kulturleben keinesfalls. Der Rezensent war selbst von 1974 bis 1990 sowohl ehren- als auch hauptamtlich kulturpolitisch tätig (auf „staatlicher" Ebene, als auch in Organisationen wie dem Kulturbund und nicht zuletzt in Industriebetrieben) und er war zu keiner Zeit SED-Mitglied. Auch wenn er selbst nicht wenige Nackenschläge durch inkompetente Funktionsträger hinnehmen mußte, insgesamt aber hat er die DDR in Bezug auf Kultur, Bildung und Soziales anders, ja positiv anders erlebt, als es uns Leute, wie die von Hendrikje Hüneke wiederholt zitierten Schroeder und Borries, weismachen wollen.

 

Wer dies im Hinterkopf hat, wird dennoch das hier besprochene Buch, was die darin vorgestellte Kunstproduktion angeht, mit Genuß lesen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Hendrikje Hüneke: Das Künstlerbuch UNAULUTU. Zeugnisse indigener Völker als künstlerische Inspiration in der DDR. 176 S. m. Abb. kart. Tectum-Verlag. Marburg 2016. 24,95 Euro. ISBN 978-3-8288-3645-7

 

 



 
10.08.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ