Eine Mords-Intrige und dazu ein Fall, der aber keiner sein soll

WEIMAR. (fgw) Nach der Lektüre des überaus köstlichen Krimis „Wenn Tote töten“ mußte der Rezensent einen Vergleich mit einem leckeren Mohnzopf anstellen. Denn für beides steht u.a. dies: Zwei, besser drei, gut miteinander verknüpfte Teig- bzw. Erzählstränge sind versehen mit einer delikaten Zutat. Nein, den Mohn gibt’s nur zum Zopf; die Zutat bei dem Krimi ist jedoch eine ganz andere.


Polizeirat Jupp Schulte ist verblüfft. Sein Intimfeind Klaus Erpentrup, vormals sein Chef bei der Detmolder Polizei und inzwischen Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Innenministerium, unterbreitet ihm höchstpersönlich ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Schulte könne mit Ende Monats vorzeitig in Pension gehen und das sogar mit ungekürzten Bezügen. Der Polizeirat willigt aber nicht sofort ein, denn ihm schwant Böses. Mit schiefem Blick wird ihm aber dennoch etwas Bedenkzeit bewilligt.

 

Fast zeitgleich erhalten auch fast alle Angehörigen von Schultes früherem Detmolder Dezernat ähnliche Angebote: Egal ob Mann oder Frau - ihnen winken, allerdings ebenfalls ohne große Bedenkzeit attraktive Beförderungen. Mit diesen sind jedoch Versetzungen in diverse andere Orte verbunden. Da bleibt es nicht aus, daß auch Schultes Nachfolgerin Hauptkommissarin Maren Köster nur Böses schwanen kann.

 

Als sich dann noch herausstellt, daß der konservativ-reaktionäre Oberstaatsanwalt Hans-Martin Söder (sic!) hier Erpentrups bei der Hand geht, wehren sich die Betroffenen, spielen zunächst auf Zeit. Und stellen dann dem Söder, der eine besonders perfide Intrige in der Intrige startet, eine Falle, die auch Erpentrup schließlich zu Fall bringen wird. Söder fällt dabei doch recht tief, während Erpentrup sich lediglich um den sprichwörtlichen Kragen gebracht hat und den Kopf oben behält. Der Innenminister muß zwar seinen Staatssekretär entlassen, serviert ihm dafür aber - fast wie im sprichwörtlichen Kölschen Klüngel - einen noch lukrativeren Posten, aber in einem ganz anderen Milieu. Das Parteibuch macht's möglich...

 

Wie sich die Beamten mit vereinten Kräften erfolgreich gegen dieses abgekartete Intrigespiel wehren, das allein schon hätte einen guten Roman ausgemacht. Doch darum geht es ja hier weniger. Soweit zum einen Erzählstrang.

 

Während Schulte noch überlegt, was er tun soll, wendet sich sein Kollege, der affektierte Hubertus von Fölsen, mit einer Bitte an ihn. Beide Herren waren, wie drei andere Kriminalisten auch, von Erpentrup in eine etwas obskure neue Dienststelle abgeschoben worden. Denn sie zeigten sich als eigensinnig und sogar renitent, was der Obrigkeit nun gar nicht gefallen hatte. In der neuen Dienststelle gibt es eigentlich nichts zu tun. Die eine Dame und die vier Herren sollen hier nun, weil eben Beamte auf Lebenszeit, lediglich ihre Zeit totschlagen.

 

Fölsens Mutter ist die Schwägerin eines lippeschen Magnaten. Dessen Ehefrau, also Fölsens Tante, ist in Sorge, weil ihr jüngster Sohn Lennart plötzlich spurlos verschwunden ist. Sie hat zwar schon bei der Polizei Vermißtenmeldung erstattet, aber ohne Folgen. Zumal sich ihr Mann, Friedrich Lang, auch mit Hilfe von Staatsanwalt Söder, jegliche Ermittlungen verbittet. Sein Sohn sei ja gar nicht verschwunden, sondern habe sich nur eine Auszeit genommen und sei auf einer Reise. Stattdessen solle sich die Polizei besser um einen gewissen Arnold kümmern. Dieser hätte es auf ihn abgesehen, weil Lang ihn wirtschaftlich ruiniert habe.

 

Frau Lang belegt ihre große Sorge mit einem Familiendrama: Beim großen Tsunami vom Dezember 2004 sei auch ihr erster Sohn Philipp wohl ums Leben gekommen. Und im Abstand von jeweils fünf Jahren seien noch ein weiterer Sohn sowie der Bruder ihres Mannes bei Unglücken verstorben. Und heuer wären wieder fünf Jahre vergangen, also befürchte sie für ihren Jüngsten ebenfalls Schlimmes.

 

Schulte will erst nicht so richtig. Doch dann stößt man auf eine TV-Sendung über ein Volksfest auf Mallorca, in der sekundenlang ein Gesicht zu sehen ist, daß nur das von Lennart sein kann. Nun ja, man hat ja nichts zu tun und auch noch Urlaubsanspruch. Warum also nicht auf Mallorca so ganz nebenbei auf die Suche nach dem Vermißten gehen. Aber da ist Schulte unvermutet das Glück hold: Erpentrup hat es sich bereits nach kurzer Zeeit auch schon mit seiner eigenen Sekretärin verdorben. Da die Gefallen an Schulte gefunden hat, füllt sie eigenmächtig ein Blankoformular aus. Nun kann Schulte, gemeinsam mit seinem ebenfalls verbannten Kollegen Manfred Rosemeier, ganz offiziell auf Mallorca ermitteln. Selbstverständlich mit Anspruch auf Spesen.

 

Auf Mallorca erleben die beiden deutschen Kriminalisten einige Abenteuer, treffen bemerkenswerte Menschen, einschließlich einer örtlichen Kriminalistin, und kommen auf Umwegen sogar auf Lennarts Spuren. Doch sie können ihn nicht fassen, dafür gerät Schulte sogar in Lebensgefahr. Schließlich müssen sie doch unverrichterdinge nach Detmold zurückkehren.

 

Hier spitzen sich die Ereignisse zu, so daß Schulte und die Köster getrennt voneinander ermitteln müssen. Es ist aber Schulte, der den richtigen Richer hat. Selbstverständlich wird es nun für mehrere der Beteiligten lebensgefährlich. Die Auflösung ist dann mehr als verblüffend, obwohl eigentlich ganz einfach.

 

Und zwischen diese beiden Erzählstränge schiebt sich ein dritter, der sogar mit dem Prolog, dem Tsunami, beginnt. In Abständen wird in kurzen Kapiteln die Lebensgeschichte von Philipp Lang erzählt. Philipp ist ein eher feinfühliger junger Mann, der sich partout nicht nach dem Willen seines herrischen Vaters zum Nachfolger abrichten lassen will. Endgültig zerschnitten ist das Tuch zwischen Vater und Sohn, als der Alte ihm die Liebe zu der Tochter eines Angestellten verbietet. Daher auch die Urlaubs-Flucht nach Thailand.

 

Und was ist nun mit dem, was beim Zopf der Mohn ist? Das ist eigentlich sogar ein vierter Erzählstrang voller Humor und Komik, nicht zuletzt wegen des hier gepflegten breiten Dialektes. Denn Schultes Vermieter, der 82jährige Altbauer Anton Fritzmeier, bekommt in dieser Zeit einen Anruf. Am Apparat ist der Berliner Walter Holledau. Diesen hatte Fritzmeier vor drei Jahren während eines Berlin-Ausflugs mit Schulte kennengelernt. Holledau ist schwul und dazu noch Travestie-Künstler, als solcher wird er Waltraut genannt. Holledau plant eine TV-Reportage „L.I.P - Leben im Paradies", in der Fritzmeier als Original vom Lande eine große Rolle spielen soll. Nach einigem Hin und Herr willigt der Bauer ein. Und damit ist dann auch Schultes 12jähriger Enkel Linus mit von der Partie. Der fällt jedoch zunächst fast in Ohnmacht als er erstmalig Holledau zu Gesicht bekommt: Ein Mann im Rentenalter, der aber wie eine Frau gekleidet ist. Das ist ihm absolut nicht geheuer. Schließlich findet Linus ebenso wie Fritzmeier Gefallen an den Dreharbeiten.

 

Eigentlich bleibt es hier - anders als beim Zopf - nicht beim Mohn. Es gibt noch ein „Zuckerl" extra. Schulte bekommt mit, daß seine Tochter Ina sich wohl nach Jahren wieder frisch verliebt hat. Aber ihm stellt sich die Frage, wer es denn sein könnte. Alle Recherchen bzw. Vermutungen in diese Richtung erweisen sich als erfolglos. Erst zum Schluß erfährt er, um wen es sich handelt. Da bleibt ihm zwar die Spucke weg, doch die Antwort schlägt ihm keinesfalls auf den Magen.

 

Alles in allem haben Reitemeier und Tewes mit ihrem zweiten Roman über die nach „Lippisch Sibirien" abgeschobenen renitenten Kriminalbeamten erneut ein erzählerisches Meisterstück, das in vielen Facetten glänzt, abgeliefert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Reitemeier & Wolfram Tewes: Wenn Tote töten. Kriminalroman. Taschenbuch. 424 S. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 13,90 Euro. ISBN 978-3-86532-660-7

 



 
22.12.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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