Emma-nzen und Transhumanistinnen im Bienenkorb-Staat

WEIMAR. (fgw) Nach zwei Anthologien mit Science-Fiction-Geschichten hat der Drachenstern-Verlag, ein Imprint des Bookspot-Verlages, nun mit Anke Höhl-Kaysers „Das Geheimnis der Sternentränen“ einen „ausgewachsenen“ SF-Roman auf den Büchermarkt gebracht.


Der Rezensent als Liebhaber von SF-Literatur bekennt, daß er sich in diesen Roman erst hat einlesen müssen. Die ersten 100 Seiten waren noch nicht „packend", aber dann. Aber dann „fesselte" die Lektüre ihren Leser. Für Andere dürfte die Geschichte vielleicht aber doch schon von Anfang an spannend sein.

 

Die Geschichte spielt im Jahr 2162 und die Erde ist hoffnungslos verseucht und die Menschheit nahezu ausgestorben. Die wenigen Menschen leben in nur noch zwei kilometerhohen Wohntürmen. All das ist die Folge eines globalen Atomkrieges. Und eine solche Gefahr besteht ja seit 1945 durchaus. Aber - und das muß hier so deutlich gesagt sein - die Autorin macht für die Zustände des Jahres 2162 einzig einen Atomangriff der VR China auf die USA verantwortlich. Wenn, dann dürfte es genau anders geschehen sein. Leider transportiert Frau Höhl-Kayser hiermit das US-Weltbild von der „gelben Gefahr". Das hätte nicht sein müssen, das schmälert den durchaus notwendigen Realitätsbezug für eine Fiktion...

 

Die Perspektiven der Menschheit sind also im Jahre 2162 nicht gerade rosig und eine Verbesserung der Situation - man denke nur an die Halbwertzeiten radioaktiver Elemente - ist nicht in Sicht. Also will man die irdischen Umweltbedingungen vergangener Tage erforschen und versucht die Einrichtung von vier „Zeitkorridoren", im Roman als Transtemporalkorridore bezeichnet.

 

Mit der Einrichtung eines solchen wird auch Jade beauftragt, als Zielpositionen ihres Korridors sind festgelegt das Jahr 1054 und Lille in Nordfrankreich. Doch alle Experimente scheitern - bis auf Jades. Das aber eigentlich auch, denn über diesen Korridor kommen nicht etwa Mensch und Tier aus dem französischen Mittelalter „gereist", sondern nach einigen Tieren der junge Mann Ranon. Wie sich bald herausstellt, verbindet der Korridor nicht Erdenzeiten, sondern zwei sehr weit entfernte Planeten. Ranons Heimat Ägeon ist allerdings erdähnlich und befindet sich auf einer Entwicklungsstufe, die dem europäischen Mittelalter entspricht.

 

Aber: Auf Ägeon gibt es neben der menschenähnlichen Spezies noch eine weitere und zwar die Echsenhumanoiden, auch Schwarzfeuer genannt. Beide sind einander aber nicht freundlich gesonnen. Und nicht zuletzt, auch auf diesem Planeten beginnen sich die Umweltbedingungen rapide zu verschlechtern. Hierfür werden die Schwarzfeuer verantwortlich gemacht.

 

Jade und Ranon kommen trotz aller Unterschiede einander näher, entwickeln Gefühle zu einander und haben ab der ersten Begegnung auf der Erde viele Abenteuer zu bestehen. Der Transtemporalkorridor, der sich dann als ein sogenanntes Wurmloch erweist, führt die Helden des Romans und einige Nebenfiguren mal auf diesen Planeten, mal auf jenen.

 

Zu den beiden Haupthelden gesellen sich recht bald weitere Figuren. Auf der Erde sind dies vor allem: Gold als republikanisches Staatsoberhaupt (als High Chancellor tituliert), Cobalt (ein sogenannter Zhànshi; wie transhumanistisch manipulierte bewaffnete Männer genannt werden), Ruby und Melody (die eigentlich Beryl heißt). Was Jade und Melody, die sich nicht kennen, nicht wissen - sie sind Zwillinge, etwas auf der Erde unübliches. Auf Ägeon sind dies vor allem: Der Erste Meister Torna, das feudaltheokratische Staatsoberhaupt, und sein Stellvertreter, der Zweite Meister Wygo und schließlich noch Keiare, ein Schwarzfeuer.

 

Sie alle begegnen einander im Laufe des Geschehens und bald schon stellt sich heraus, daß Jade und Melody einerseits sowie Ranon andererseits über bestimmte Begabungen verfügen. Begabungen, von denen allerdings Gold auf der Erde und Torna auf Ägeon wissen. Deshalb sind die drei jungen Menschen von ihnen auch zielgerichtet ausgebildet worden...

 

Gold und Torna geht es um die Macht, und beide haben eine Ahnung von den Dingen im Weltall. Beide wollen um der eigenen Macht und des eigenen Überlebens willen den jeweils anderen Planeten erobern. Das allerdings ist aufgrund ihrer besonderen Begabungen nur mittels Jade, Melody und Ranon möglich.

 

Und dann ist da noch Keirare, die große Unbekannte im Spiel um die Macht und das Überleben. Keirare und Ranon und schließlich noch Melody und Jade finden zusammen und kämpfen zusammen gegen die Despoten hier und dort und für ein friedliches Zusammenleben aller Lebewesen. Dabei stoßen sie auf eine geheimnisvolle ägeonische Legende um die Sternentränen der Königin Risa...

 

Wie sich das Ganze zuspitzt, wie sich die drei ihren jeweiligen Oberhäuptern widersetzen, welche gefährlichen Abenteuer sie dabei zu bestehen haben, das soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

 

Die Autorin zeigt in ihrem Roman zwei durchaus mögliche Formen gesellschaftlicher Verhältnisse, insbesondere Formen der Macht über Mensch, Gesellschaft und Staat, auf. Über Ägeon braucht hier nichts weiter ausgeführt werden. Feudale und feudaltheoretische Verhältnisse dürften aus der europäischen Geschichte zu genüge bekannt sein.

 

Interessanter ist das, was Anke Höhl-Kayser über mögliche Verhältnisse auf der Erde nach der globalen Atomkatastrophe schreibt.

 

Hier herrschen nun die Frauen. Männer gelten als zweitrangig und werden sogar mit Implantaten transhumanistisch manipuliert. Die einen dienen als stumme Arbeitsklaven, die anderen als bewaffnete Sicherheitskräfte (Zhànshi). Die Frauen ihrerseits sind funktionsbedingt und hierarchisch de facto in Kasten eingeteilt. Die Gesellschaft ist durch die Herrschaft der Frauen keineswegs humaner geworden als die frühere patriarchalische. Insofern weist die Autorin auch die Auswüchse des „Genderwahns" und vor allem den Kern des hiesigen „Emma-nzentums" hin. Und nicht zuletzt auf die inhumanen Konsequenzen der Verheißungen des Transhumanismus aus dem Silicon Valley.

 

Gold bringt das nicht nur einmal - im engeren Kreise geäußert - selbst zum Ausdruck:

 

Jade „sah ein Funkeln in Golds Augen, und in diesem Moment wußte sie es. Alles, wofür Silver in den vergangenen Jahren gearbeitet hatte, war unwichtig. Es diente nur als Tarnung der darunter liegenden Wahrheit. Gold hatte einen Plan, der Jade einschloß. Dieser Plan hatte nichts mit Wissenschaft zu tun. Hier ging es um Macht. (...) Golds Schöpfung: Ein totalitäres System, in der die Mitbestimmungsrechte nichts weiter als eine Farce waren." (S. 111-112)

 

„Die dunkelhäutige Frau riß die Augen auf. 'Nein! Das kannst du nicht machen! Ich bin ein Mitglied der Regierung. Das hier ist eine Demokratie...'

Gold lachte. 'Ach, Sunstone, wie haben nie eine Demokratie gehabt', antwortete sie. 'Das ist nur das, was ich den Bürgerinnen gesagt habe.' (...) 'Das ist es, was wir sind!'

Gold hatte die Stimme erhoben und alle Augen waren auf sie gerichtet. 'Ein Bienenstock. Voller fleißiger Arbeitsbienen und nützlicher Drohnen. Und das, meine Lieben, bin ich. (...) Ich bin eure Bienenkönigin. Ohne mich seid ihr nur nutzlose Kriechtiere, verdammt dazu ein planloses Leben zu führen. ICH gebe euch die Richtung vor. ICH sage euch, was zu tun ist. Im Gegenzug nährt ihr mich.'" (S. 226-227)

 

Es ist neben inhumanen Gesellschaftsbildern im Hier und Heute auch der Kontrast zweier Welten, zweier Ebenen menschlicher Entwicklung, zweier unterschiedlich entwickelter Produktivkräfte, die den Roman neben der phantasievollen und spannend erzählten Geschichte reizvoll machen. Im Roman ist deshalb mehrfach auch von einem Spiegelffekt die Rede.

 

Die Autorin ist nicht nur sprachlich Spitze, sie beherrscht mehr noch meisterlich die Umsetzung und Darstellung zweier Methoden: Erstens, nichts ist so, wie es scheint und niemand ist so wie er scheint. Zweitens, einem Schritt nach vorne folgen zwei zurück.

 

Das irritiert Jade, Melody und Ranon immer wieder, das fordert sie heraus - immer wieder (man denke da insbesondere an die Figuren Cobalt und Wygo), das stellt sie vor Entscheidungen: Wem kann man trauen? Wer ist wirklich Freund, wer tut nur so?

 

Und genau das macht doch das Lesen guter Literatur so reizvoll und spannend!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Anke Höhl-Kayser: Das Geheimnis der Sternentränen. Roman. 432 S. Klappenbroschur. Drachenstern-Verlag im Bookspot-Verlag. München 2017. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-073-0

 



 
27.02.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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