Entscheidende Krimifrage: War das Opfer etwa auch Täter?

WEIMAR. (fgw) Eva Reichl hat für ihren zweiten Mühlviertler-Krimi einen sehr originellen Einstieg gefunden, der zunächst gar nichts mit Polizeiarbeit zu tun hat. Sondern mit der Frage, was einem Opa so alles durch den Kopf geht, wenn er gleich zwei Enkel „an der Backe“ hat.


Oskar Stern, seines Zeichens Chefinspektor im Landeskriminalamt (LKA) Oberösterreich, sitzt an einem Samstagvormittag auf einer Bank im Volksgarten der Landeshauptstadt Linz. An diesem August-Wochenende soll er auf seine beiden Enkel, den neunjährigen Tobias und die zwölfjährige Melanie, aufpassen. Denn deren Mutter ist nach auswärts zur kranken Ex-Frau Sterns gefahren und Sterns Schwiegersohn ist wegen einer Dienstreise ebenfalls ortsabwesend. Auf der Parkbank stellt Opa Oskar etliche, für ihn durchaus befremdliche, Beobachtungen über die Kinder von heute an. Und diesen kann man auch als noch-nicht-Opa durchaus zustimmen. Sterns Enkel z.B. haben keinen Blick für die Natur, für die Schönheiten des Parks. Ihre Blicke hängen wie gebannt auf den Displays ihrer Smartphones, auf denen sie unentwegt herumwischen. Mit diversen „Freunden" aus den sogenannten sozialen Medien werden dabei diverse „Nachrichten gepostet".

 

In diese nur scheinbare Idylle hinein platzt nun das Klingeln von Sterns eigenem Smartphone. Anrufer ist der Chef des LKA. Stern soll sich sofort an die Bahnstrecke zwischen Freistadt und Summerau begeben, denn auf den Gleisen habe man einen Toten aufgefunden. Und die Strecke müsse unbedingt baldigst wieder freigegeben werden. Doch davor steht ein Problem, das zu lösen ist: Wohin mit den Enkeln? Wer könnte auf diese aufpassen? Eine Lösung ist nicht in Sicht, also muß Stern die beiden mitnehmen, was aber absolut den Dienstvorschriften widerspricht. Und Stern verdonnert außerdem Tobias und Melanie, auf keinen Fall der Mutter von diesem „Ausflug" zu berichten und ebenfalls auf keinen Fall das Auto zu verlassen und sich dem Tatort zu nähern. Natürlich gibt es bereits auf der Hinfahrt Probleme, so muß sich Tobias z.B. erleichtern. Das wird im übrigen im weiteren Verlauf der Ermittlungen noch eine besondere Rolle spielen...

 

Am Tatort angekommen, erwarten ihn dort neben den Spurensicherung und der Gerichtsmedizin auch Sterns liebste Mitarbeiterin, die Gruppeninspektorin Mara Grünberg. Und schon beim ersten Blick ist gewiß, daß dieses ein besonders komplizierter Fall werden wird: Zwischen den Gleisen liegt nur ein gefesselter Torso; Gliedmaßen und vor allem der Kopf fehlen. Auch sind keinerlei Dinge zu finden, die auf die Identität des Toten hindeuten könnten.

 

Es ist dann Tobias, der das Auto unerlaubterweise verlassen hat, der den Kopf findet. Was er aber sofort „posten" muß. Alle Befürchtungen jedoch, daß der Junge durch diesen makabren Fund einen Schock oder noch Schlimmeres erlitten hat, zerstreuen sich. Im Gegenteil, der Junge gibt sich ganz stolz als „Hilfsherriff". Und Tobias rückt noch mit etwas anderem heraus: Als er auf dem Hinweg am Waldrand pinkeln war, habe er einen offenen Aktenkoffer gesehen.

 

Das läßt Stern dorthin fahren und wie es der Zufall will, gehören die dort gefundenen Utensilien dem Opfer. Doch wie können diese dort hingelangt sein, so fernab der Bahnstrecke? Bei dem Toten handelt es sich um einen Rechtsanwalt, um Dr. Jonas Belfuss aus Freistadt.

 

Als die Kriminalisten seiner Frau die Todesnachricht überbringen, reagiert diese gar nicht wie eine trauernde Witwe. Auch der später informierte Bruder des Toten reagiert ähnlich. Dann wird bekannt, daß dieser Anwalt zwar äußerst erfolgreich als Scheidungsanwalt gewirkt hat, aber andererseits äußerst übel beleumdet ist. Hat er sich, der stets die scheidungswilligen Frauen vertrat, doch u.a. von diesem auch „in Naturalien" vergüten lassen. Auch sonst soll er seit seiner Jugend sich an Frauen vergriffen haben, aber stets ohne Folgen für ihn. Verdächtige gibt es nun zuhauf: neben den „ausgenommenen" Scheidungs-Männern sogar die ewig betrogene eigene Ehefrau. Doch nichts führt zu konkreten Ergebnissen. Bei Nachbarschaftsbefragungen, zu denen Stern stets die Enkel mit dabei hat, kommt er einer Nachbarin der Belfuss-Familie näher; verliebt sich sogar auf den ersten Blick in diese.

 

Und mitten in diese Ermittlungen platzt eine weitere Todesmeldung: Im Keller einer Freistädter Mittelschule liegt Azra Eren; erstochen oder erschossen, was auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Die Türkin arbeitete in dieser Schule als Reinigungskraft. In Verdacht gerät zunächst der Hausmeister, der die Türkin gehaßt haben könnte oder gar vergewaltigt. Später benimmt sich Azras Mann, ein Türke, der in der örtlichen Brauerei arbeitet, mehr als verdächtigt und flieht sogar. Ist Azra vergewaltigt worden, was den Hausmeister belasten würde. Oder hatte sie mit diesem ein Verhältnis, was für einen „Ehrenmord" durch den Ehemann sprechen würde.

 

Für Stern, der sich immer wieder auf Alleingänge einläßt, stellt sich die Frage, ob beide Todesfälle so kurz hintereinander in der selben Stadt, miteinander zu tun haben oder nicht. Doch nichts deutet auf irgendwelche Verbindungen der Azra zum Anwalt Belfuss hin. Im Laufe der Ermittlungen gehen bald die Verdächtigen aus, während sich plötzlich ganz andere Menschen verdächtig benehmen. Und es kommt sogar zu Selbstbeschuldigungen... Die aber nur ablenken sollen. Dazu wurden auch noch etliche falsche Spuren gelegt. Es bleibt also bis zuletzt spannend, kommt es doch in rascher Folge zu einigen sehr krassen Überraschungen und Wendungen. Und zu alledem muß sich Stern noch bei seiner Tochter rechtfertigen, daß er sich seiner Obhutspflicht für die Enkel nicht gewachsen gezeigt habe.

 

Ein Ermittlungsergebnis aber darf hier wohl verraten werden: Beide Tote, der Anwalt und die Reinigungskraft, waren nicht nur Opfer, sie waren auch Täter. Zur Motivation gibt übrigens bereits der Romantitel einen deutlichen Hinweis.

 

Auch diesem zweiten Krimi von Eva Reichl gebührt großes Lob: Interessante Fälle, echte Spannung, lebensechte Charaktere, dazu sprachlich und erzählerisch ein wahrer Genuß. Das Privatleben von Ermittlern ist hier nicht künstlich aufgesetzt wie in so vielen anderen Krimis, sondern glaubhaft und durchaus nachvollziehbar mit der Polizeiarbeit verknüpft. Insbesondere die Opa-Enkel-Beziehungen und -Dialoge sind etwas ganz Besonderes. Sie sind auch deshalb lesenswert (und außerdem ein Lesegenuß), weil sich hierin heutige Realität gut beobachtet und beschrieben widerspiegeln.

 

Eine Frage stellt sich dem Rezensenten aber doch: Warum sind die leitenden Ermittler in etlichen österreichischen Krimis fast immer Chefinspektoren? Leitende Beamte haben doch eigentlich Chargen von Major bis Oberst inne...

 

Unabhängig davon: Also, liebe Frau Reichl, lassen sie die Leser nicht zu lange auf einen dritten Band mit dem Ermittler-Duo Stern und Grünberg warten.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Eva Reichl: Mühlviertler Rache. Kriminalroman. 344 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 13,50 Euro. ISBN 978-3-8392-2515-8

 



 
08.09.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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