Erst evangelikal, dann nazistisch, schließlich esoterisch

WEIMAR. (fgw) Was hat seinerzeit gerade auch junge Damen aus den sogenannten „besseren Kreisen“ Westeuropas bewogen, sich mit Leib und Seele dem deutschen Faschismus hinzugeben und Personen wie Adolf Hitler und Heinrich Himmler förmlich anzubeten? Dieser Frage geht der Niederländer Roel van Duijn seinem jetzt auch in Deutschland erschienenen Buch „Himmlers holländische Muse“ nach.


Mit dieser Muse ist die Baroness Julia Op ten Noort (1910-1994) gemeint. Dem deutschen Leser dürfte dieser Name aber wohl absolut unbekannt sein. Anders als der Name Unity Valkyrie Mitford (1914-1948), die aus dem britischen Hochadel stammte. Die Mitford war eine glühende Verehrerin Hitlers und traf auch mit diesem des öfteren zusammen. Über Lady Mitford ist viel geschrieben worden und auch in TV-Dokumentationen wird sie immer wieder erwähnt.

 

Wer aber nun war Julia Op ten Noort? Sie entstammt einem großbürgerlichen niederländischen Geschlecht von Unternehmern und hohen Kolonialbeamten, das 1907 geadelt und in den Freiherrnstand erhoben wurde.

 

Van Duijn zeichnet den Lebensweg dieser Frau fast minutiös bis ins Detail gehend nach. Eigentlich war sie nichts besonderes, lebte sie doch das unbeschwerte Leben einer „höheren Tochter". Dennoch war sie unzufrieden und auf „Sinnsuche". So schloß sie sich zunächst einer aus den USA herübergeschwappten evangelikalen Sekte an. Erste Besuche in Nazi-Deutschland, wo sie - zunächst nur aus der Ferne - dessen Führungspersonen sehen und hören konnte, ließen sie zu einer glühenden Faschistin werden. Vorerst war sie nur in ihrem Heimatland tätig, wo entsprechende Parteien jedoch nur über sektenmäßigem Einfluß verfügten. Aber nach Beginn des II. Weltkrieges und mit Beginn der deutschen Besetzung der Niederlande, schloß sie sich eng an die NSDAP an und suchte insbesondere die Nähe zur SS und deren Reichsführer Heinrich Himmler. Himmler wurde ihr Idol. Nach Himmler benannte sie ihren 1944 in einem „Lebensborn"-Heim geborenen Sohn...

 

Daraus rankten sich bis in die Gegenwart reichende Gerüchte, ihr Heinrich wäre ein unehelicher Sohn Himmlers. Sie stritt das stets ab, tischte dafür aber immer neue Versionen über eine mögliche Vaterschaft auf. Auch den Sohn ließ sie im unklaren.

 

Ausgangspunkt für Duijns Buch ist der Tod des Sohnes von Julia Op ten Noort im Mai 1989 in dessen Frankfurter Wohnung. Die Todesursache konnte nicht festgestellt werden. War es nur Herzstillstand als Folge eines unsteten, drogenabhängigen Lebens oder war es Suizid?

 

Nach Ende des II. Weltkrieges kehrte Julia Op ten Noort nicht in ihre Heimat zurück. Sie blieb in Deutschland, heiratete und ließ sich wieder scheiden. Schließlich lebte sie allein. Und fand nun den Weg in esoterische Kreise. Zunächst begeisterte sie sich für einige indische Lehren, wohl bedingt auch dadurch, daß diesen das „Swastika", das Hakenkreuz, ein wichtiges Symbol ist. Später dann, fast schon logisch, konnte sie sich für den tibetischen (Dalai-)Lamaismus begeistern.

 

Detailliert geht Van Duijn auf die beruflichen Aktivitäten seiner Protagonistin während des II. Weltkrieges ein. Hauptsächlich fungierte sie als Direktrice einer Mädchenschule, in der künftige Ehefrauen von SS- und anderen Nazigrößen erzogen werden sollten. Er listet auch zahlreiche Begegungen mit hohen SS-Führern auf. Andere mögliche Verwendungen, die aber nicht (mehr) zum Tragen kamen, werden ebenfalls angedeutet.

 

Bei aller Wertschätzung für diese Spurensuche muß eingeschätzt werden, daß der Autor die Rolle und Bedeutung des „holländischen Edelfräuleins" fast bis ins Unermeßliche überhöht. Anstatt es beim eigentlich ganz banalen, aber aktiven, Mitläufertum zu belassen. Und es muß auch gesagt werden, daß es sich bei diesem Buch um kein wissenschaftliches, kein historisches, Werk handelt. Es ist tatsächlich lediglich eine ganz individuelle Spurensuche und der Versuch einer Analyse des Lebensweges, der Persönlichkeitsentwicklung dieser Frau.

 

Und so stellt Van Duijn viele, viele durchaus richtige Fragen in den Raum, auf die es selten fundierte Antworten gibt, nicht geben kann. Daher greifen leider zu viele Spekulationen - in Paarung mit Geschwätzigkeit - um sich, was mehr als schade ist. Vom deutschen Verleger wurde dem Rezensenten vor der Lektüre dies Buches mitgeteilt: »Manchmal bringt der Autor für seine Protagonistin für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Empathie auf, aber da kommt wohl der Therapeut zum Vorschein.« Dem kann der Rezensent durchaus zustimmen! Aber er muß hinzusetzen, daß das auch „typisch grün" ist. Fühlt Van Duijn sich doch bemüßigt, gleich in seinem Vorwort, antikommunistische Hetze gegen W.W. Putin und Xi Jinping abzusondern und diese Präsidenten, die sich nicht US-Diktat unterwerfen wollen, mit Hitler und Mussolini gleichzusetzen. Zu kritisieren ist unbedingt noch, daß der Autor den Faschismus nicht beim Namen nennt, sondern nur dessen verlogene, demagogische Eigenbezeichnung verwendet.

 

Trotz all dieser Einwände ist dieses Buch empfehlenswert, gibt Van Duijn doch in seinem Epilog auf S. 292 eine eindeutige Antwort auf die Ausgangsfrage (also nach den Beweggründen für die nazistische Begeisterung junger Damen aus den sogenannten besseren Kreisen - aber das gilt nicht nur für diese!):

 

»Sie wurde in eine Familie mit einer autoritären Tradition geboren, geprägt durch Adel und Kolonialismus. Großvater Laurens Pieter Dignus Op ten Noort personifizierte beides: Er war eine Koryphäe des rassistischen Obrigkeitssystem in Niederländisch-Indien.«

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Roel van Duijn: Himmlers holländische Muse. Die zwei Leben der Baroness Julia Op ten Noort. Deutsche Übersetzung von Rolf Somann. 340 S.m.Abb. kart. Schmetterling-Verlag. Stuttgart 2020. 22,80 Euro. ISBN 978-3-89657-179-6

 

 



 
31.10.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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