Erster Jahresband „Humanistik und Philosophie“ liegt vor

WEIMAR. (fgw) Die Humanistische Akademie bei der Humanistischen Vereinigung (Sitz Nürnberg) hat mit der jetzt vorliegenden Publikation „Humanistik und Philosophie“ eine neue Reihe von Jahresbänden gestartet.


Das Positive an diesem Band, wie auch an der neuen Reihe, ist, daß es sie überhaupt gibt. Denn die Zahl humanismusbezogener Publikationen hierzulande ist nicht bloß überschaubar, sondern viele Thematiken sind immer noch mehr oder weniger ausgeblendet. Zu bemängeln an diesem ersten Jahresband ist, daß hierin zumeist Leute aus dem akademischen Elfenbeinturm für andere Leute in demselben Elfenbeinturm geschrieben haben. Es sollte doch aber möglich sein, auch komplizierte Sachverhalte verständlich zu beschreiben. Wie denn sonst wollen die humanistischen Organisationen Mitglieder und Sympathisanten gewinnen? Mit abgehobenen, abstrakten Reden und Schriften kann man doch keine Menschen aus der Normalo-Welt erreichen und ansprechen!

 

Herausgeber Frank Schulze geht in seinem Vorwort auf die Zielstellung des Projektes ein. Und betont, daß ausgerechnet mit dem ersten Jahresband hiervon abgewichen werden mußte - bedingt durch die verordneten Einschränkungen wegen der Covid-19-Pandemie. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge widerspiegeln die geplanten Veranstaltungsaktivitäten der vergangenen zwölf Monate und beziehen sich auf Vorträge zu Philosophie, Politik, Gesellschaft und Kunst, die im Rahmen von Philosophischen Frühstücken und Cafés, Abendveranstaltungen, Lichtfesten und Symposien gehalten und diskutiert werden sollten. Damit jedoch kein zeitlicher Reibungsverlust eintritt, hat man nun die vorgesehenen Redebeiträge dem Publikum in Schriftform zur Verfügung gestellt.

 

Der Sammelband ist in drei Abschnitte mit je vier bzw. fünf Beiträgen gegliedert. Im Abschnitt „Philosophie und Kunst" befinden sich Texte von Franz Josef Wetz („Wie ist der Mensch möglich? Hans Blumenberg zum 100. Geburtstag"), Maike Riedinger („Unbekannte Welten erforschen. Alternative Ansätze der Darstellung nicht-menschlichen Lebens in Star Trek"), Wolfgang Buschlinger („Denk-Kapriolen?! Zum Erkennnisgewinn von Gedankenexperimenten") und Robert Zimmer („ Offene und geschlossene Gemeinschaft. Ein Versuch, Poppers Sozialphilosophie weiterzudenken"). Gerade Letzterer kann zur aufmerksamen Lektüre empfohlen werden, während die Texte von Wetz und Buschlinger einfach zu verquast sind. Auch für Leser mit geisteswissenschaftlichen Uni-Diplom! Maike Riedingers Beitrag bietet gute Denk-Ansätze, läßt aber doch etwas ratlos zurück: Warum gilt das hierin Postulierte in der realen christlich-weißen Welr nicht für Menschen und Kulturen im Trikont?

 

Den Abschnitt „Politik und Kunst" bestreiten Frederick Herger („Odoliberalismus. Reflexionen über Vergangenenheit und Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft"), Thomas Galli („Knast oder Heimat? Geflüchtete zwischen Recht und Unrecht"), Bruno Heidelberger („Pandemie des Autoritarismus - antimoderne und antidemokratische Querfronten") und Otto Böhm („Internationale Strafgerechtigkeit - eine Idee in der Krise?"). Hergers Beitrag ist mit großem Interesse zu lesen, sagt er doch viel richtiges und stellt auch gute Fragen in den Raum. Aber sein Text enthält auch viel fragwürdiges und sogar illusorisches. Doch gerade damit kann eigenes Weiterdenken befördert werden. Beim Lesen von Gallis Schilderung eines konkreten, realen Falles stockt einem das Blut! Wie die bundesdeutsche Justiz, die sich doch als das non-plus-ultra der Welt sieht, mit einem tatsächlichen Unschuldigen umgesprungen ist, das schreit förmlich nach widerständiger Zivilcourage. Böhms Aussagen dagegen sind weitgehend illusorisch und im Kern leider doch nur Propaganda für die christlich-weiße Selbstgerechtigkeit gegenüber unliebsamen Politikern und Regierungen außerhalb des Machtbereiches von NATO und EU.

 

Der vierte Abschnitt hat Bertrand Russell (1872-1970) zum Schwerpunkt. Zunächst schreibt Joachim Kahl über Russells skeptische Lebensweise und Interpretationen des Vorwortes zu dessen Autobiographie. Das ist wohl der beste und tiefschürfenste Beitrag in diesem Sammelband, denn hier geht es sehr konkret um Humanismus und Humanistik! Gleiches kann zu Martin Morgenstern („Russells Religionskritik") gesagt werden. Lesenswert ebenfalls der Text von Rudolf Lüthe („Vom Wert des Zweifels. Anmerkungen zur skeptischen Grundorientierung der Philosophie Bertrand Russells"). Daß Russell durchaus auch weltfremd und voller naiver Illusionen war, zeigt sich bei Wulf Kellerwessel („Russells Kritik am Nationalismus und seine Idee einer Weltregierung"). Den mit Abstand schwächsten Text hat Armin Pfahl-Traughber beigesteuert („Russells Sozialismus-Verständnis. Entwicklung und Positionen eines antikommunistischen und demokratischen Sozialisten"). Hierin arbeitet sich der in der humanistischen Szene leider unvermeidliche Autor mit inlandsgeheimdienstlichem Hintergrund primär an seinem eigenen beamteten, staatstragenden Antikommunismus ab.

 

Ungeachtet aller Einschränkungen soll dieser erste Jahresband aus Nürnberg empfohlen werden. Und - er macht durchaus neugierig auf hoffentlich viele Folgebände.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Frank Schulze (Hrsg.): Humanistik und Philosophie 1 - Jahresband der Humanistischen Akademie 2020. 310 S. Taschenbuch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2020. 20,00 Euro. ISBN 978-3-86569-216-0

 



 
24.01.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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