Es geschehen Morde aus purer Habgier in der Hitze Wiens

WEIMAR. (fgw) Es ist Hochsommer in Wien. Ein heißer Sommer, ein sehr heißer sogar. Viele Kollegen sind in Urlaub. Doch Chefinspektor Wolfgang Hoffmann, der gerade eine Krebs-Erkrankung überstanden hat, ist erst seit vier Monaten wieder im Dienst und kann daher nicht Urlaub machen. Und an einem solch heißen Tag klingelt sein Diensttelefon; es habe einen Einbruch in eine Villa am Schafberg gegeben mit einem Todesopfer.


Affenhitze hin, Affenhitze her. Hoffmann muß zum Tatort, begleitet von seiner Kollegin Sigrid Körner. Der Krimi kann beginnen.

 

Doch stopp. Das geschieht ja erst in der zweiten Szene. Szene 1 handelt von etwas ganz anderem. Wie auch die dritte.

 

Szene 1 führt in eine moderne gutbürgerliche Wiener Mietwohnung. In dieser bereitet sich eine junge Frau, „Kuki" genannt, auf ihre Nachruhe vor. Eigentlich etwas ganz normales. Wenn da nicht dieser Umstand wäre: In allen Räumen sind Kameras angebracht, mittels der der Ehemann bei Abwesenheit seine Frau beobachten und auch kommandieren kann; totale Überwachungskontrolle rund um die Uhr. In Szene 3 fährt ein gewisser Hannes, Ex-Knacki und danach für einige Jahre im Orient als Schweißer tätig, mit seinem alten Auto an die kroatische Küste, um dort ein wenig zu urlauben. Dort begegnet er Nadja, einer Kroatin, die aber in Wien lebt und in einem Supermarkt jobbt. Beide verlieben sich ineinander, aber verlieren sich zunächst aus den Augen.

 

Damit sind die drei (Handlungs-)Kreise beschrieben, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder berühren, ja überschneiden werden und den Kriminalfall so komplex machen.

 

Doch zurück zu Wolfgang Hoffmann und Sigrid Körner. Der Tote in der Villa am Schafberg ist der 80jährige Friedrich Asperger, ein ehemaliger Unternehmer. Unklar ist, was die Einbrecher - die Polizei vermutet in ihnen aufgrund der Vorgehensweise Halbprofis - gesucht und mitgenommen haben. Hoffmann macht sich daher zunächst über Aspergers Verwandtschaftsverhältnisse kundig. Da gibt es nur eine Tochter, mit der der Alte sich aber überworfen hatte. Sie ist mit einem Klatschjournalisten verehelicht und lebt ansonsten als „Shopping-Queen". Trauer zeigt sie keine, sondern will nur rasch ans Erbe. Dann gibt es noch zwei Neffen, von denen einer in Bremen, der andere ebenfalls in Wien lebt. Sowie einen Großneffen, den Sohn des Bremers. Auch diese hatten keinen oder nur äußerst seltenen Kontakt zu Friedrich Asperger gehabt. Vom Wiener Neffen erfährt Hoffmann jedoch, daß die Einbrecher vor allem zwei sehr wertvolle Gemälde entwendet haben müssen.

 

Doch wer die Einbrecher sein könnten, das bleibt lange im Dunkeln. Bis eine Hehlerspur in München in die richtige Richtung weist. Denn einer der Einbrecher wußte nicht, daß unmittelbar nach ihrem Raubzug Asperger ermordet worden war. Dher packt er aus, nennt seinen Komplizen. Von Aspergers Tochter kommt dann noch ein Hilfeschrei: Ihr Vater habe Sparbücher im Wert von rund vier Millionen Euro besessen und das Geld sei futsch. Erst später wird offenbar, daß Asperger für dieses Geld Goldbarren erworben hatte. Aber wo können die sein? Im Tresor wurden diese nicht gefunden, auch die Einbrecher wußten davon nichts. Klar wird aber auch, daß die Einbrecher nur auf Auftrag gehandelt haben. Wer also könnte der Hintermann sein?

 

Die Hehlerspur führt zum Komplizen Dragan, den Ex-Mann von Nadja. Dragan gehörte vor Jahren, wie Hannes, einer Bande an, sollte Hannes damals wegen Abweichlertum sogar töten. Dragan erpreßt nun Nadja und Hannes, will weg aus Wien, weil Kredithaie und auch der ominöse Auftraggeber hinter ihm her seien. Nur wenige Stunden danach wird Dragan erschossen aufgefunden und Hannes gerät in Verdacht. Damit haben sich für Hoffmann die ersten beiden Kreise überschnitten.

 

In seinen Ermittlungen kommt der Chefinspektor auch in die eingangs geschilderte Wohnung. Diese gehört Aspergers Großneffen. Nun weiß man auch, wer „Kukis" Ehemann ist. Hoffmann fallen da aber sofort die Überwachungskameras auf, ebenso das merkwürdige Verhalten der Eheleute. Und nun wird auch der dritte Kreis offenbar.

 

Trotz Verhaftung des einen Einbrechers bleiben die beiden Gemälde verschwunden, ebenso die Goldbarren. Derweil setzt „Kuki" alles daran, sich aus dem „Goldenen Käfig" zu befreien. Hannes seinerseits will Hoffmann helfen, die verschwundene Beute zu finden. Dabei begibt er sich selbst in höchste Gefahr. Es sind dann eigentlich zwei Zufälle, die endlich in die richtige Richtung weisen.

 

Bis zur endgültigen Klärung des Falls, der Überführung des Täters bzw. sogar der Täter und ihrer Motivationen vergeht jedoch noch einige Zeit, in der es noch sehr turbulant für alle Beteiligten werden soll.

 

Das alles ist sehr glaubhaft und schlüssig geschrieben und mit einem guten Schuß des berühmten Wiener Schmäh veredelt. Spannend und zugleich unterhaltsam. Die diversen zwischenmenschlichen Beziehungen, auch die auf der Ermittlerseite, sind gut dargestellt. Nicht minder gut die achso verlogenen gutbürgerlichen Verhältnisse in der Aspergersippe. Menschliche Abgründe tun sich da auf: Neid, Hab- und Raffgier, Minderwertigkeitskomplexe gepaart mit Großmannssucht. Die wesentlich schlimmer sind als die in der Welt von Kleinkriminellen wie eines Dragan. Und mittenmang müssen ganz normale und eigentlich grundehrliche Charaktere wie Hannes und Nadja ihren Platz, ihren Weg finden.

 

Für den Rezensenten hat dieser Krimi sogar noch einen ganz besonderen Reiz, spielen doch wesenliche Szenen im Bezirk Ottakring, den er aus eigenem Erleben recht gut kennt. So daß er sich manch einen Schauplatz vor Augen führen kann.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Günter Neuwirth: In der Hitze Wiens. Kriminalroman. 348 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2407-6

 



 
06.05.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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