Es ist nur das Zerrbild eines großen deutschen Künstlerlebens

WEIMAR. (fgw) So verheißt es der Klappentext: "Er gilt als der Gustaf Gründgens der DDR - und doch war Wolfgang Langhoff ein Ungeliebter in diesem Staat, der nicht zuletzt Gelehrten- und Künstlerrepublik hatte sein wollen. Esther Slevogt zeichnet das bewegende Porträt eines zwischen Kunst und Politik zerrissenen Theaterstars. (...) Aber dann (1933; SRK) übernimmt der Terror die Macht. Und der Bühnenheld wird einer der ersten KZ-Häftlinge. Im Schweizer Exil schreibt Langhoff darüber seinen berühmten Bericht "Die Moorsoldaten" - ein Welterfolg. Und folgt 1946 voller Idealismus dem Ruf nach Ost-Berlin. Als Intendant des Deutschen Theaters scheint er endlich angekommen im besseren Teil Deutschlands. Doch der Terror lässt ihn nicht los."


Der Rezensent bekam dieses Buch erst im Frühjahr 2015 zu lesen. Ein Buch, das nach seinem Erscheinen vom bürgerlichen Feuilleton unisono in den höchsten Tönen gelobt wurde. Dem Rezensenten wurde es jetzt von einem Freund empfohlen, der meinte, der Frau Slevogt sei zu danken, daß sie heutzutage dem bundesdeutschen Publikum einen solch großen Künstler vorgestellt habe.

 

Nein, weder dem bürgerlichen Feuilleton noch dem Freund vermag der Rezensent nach der Lektüre dieses Buches beizupflichten. Denn dieses Buch ist nur eins - in Abwandlung eines Buchtitels von Stefan Heym: Es ist eine Schmähschrift gegen Langhoff und die DDR. Keine Würdigung eines engagierten Jahrhundertlebens, sondern nur eine einzige Herabwürdigung, die bereits mit dem westdeutschen Stereotyp "Gustaf Gründgens der DDR" beginnt und mit der Denunzierung der DDR als Terror (genau so wie der deutsche Faschismus ab 1933; SRK) endet. Statt eines objektiven Porträts wird dem Leser so auf fast 500 Seiten nur ein schlimmes Zerrbild oktroyiert.

 

Slevogts Vorgehen fügt sich damit ein in die Reihe anderer Denunziationen, wie die gegen Stephan Hermlin ("Abendlicht") gerichtete oder wie jüngst - anläßlich des 70. Jahrestages der Selbstbefreiung der Buchenwaldhäftlinge 1945 - die gegen Bruno Apitz und dessen Buch "Nackt unter Wölfen" (einschließlich seiner Verfilmung in der DDR)...

 

Herabwürdigen statt Würdigen eines großartigen Menschen

Das wird insbesondere schon im Vorwort deutlich. Da schreibt die Autorin über ihr Anliegen, daß dies die Geschichte eines Mannes sei, "der als einer der Ersten in einem deutschen Konzentrationslager erfuhr, mit welchen Mitteln und zu welchem Preis im 20. Jahrhundert die Ideologien ihre Hoheitsansprüche über Wahrheit und Menschenwürde durchsetzten. Der aber nur teilweise die richtigen Schlüsse daraus zog. Der daran glaubte, daß nach der Nazi-Katastrophe ein anderes und besseres Deutschland aufgebaut werden könnte. Und an diesem anderen Deutschland auch dann noch festhielt, als längst deutlich geworden war, daß Repression und Terror die Instrumente waren, mit denen eine gerechtere Welt errichtet werden sollte..." (S. 9)

 

Esther Slevogt bekennt aber ganz freimütig auch ihr eigentliches Anliegen: "Ein wesentlicher Teil der Arbeit an dieser Lebensgeschichte bestand deshalb darin, sie vom Giftschlamm der Ideologien zu reinigen, die Reste alter Farben ebenso freizulegen wie die Widersprüche und Brüche dieses Lebens, die schon Langhoff selbst nicht ertrug und seine Biographie daher konsequent begradigt hat. (...) Diese Biographie hatte sich im Laufe seines Lebens unter dem Druck der Verhältnisse zunehmend verfremdet, wurde begradigt und ideologisiert..." (S. 12 - 14)

 

Ja, das ist deutlich und konsequent, aber in anderer Richtung: Es ging Slevogt nicht darum, diesem Mann Würdigung und Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sondern darum, ihn niederzumachen! Und das mit aller Scheinheiligkeit!

 

Die Bourgeoisie und ihre Lohnschreiber können es eben nicht verkraften, wenn einer der ihren sich von dieser Klasse löst, sich der Arbeiterbewegung anschließt und sogar zum bewußt handelnden Kommunisten wird. Das kann und will auch eine Slevogt nicht verstehen. Sie erzählt zwar sehr detail- und faktenreich Begebenheiten aus dem Leben Langhoffs, seiner Familie und auch dem Leben seiner Freunde und Genossen; immerhin umfaßt der Quellennachweis fast zwanzig Seiten. Doch gesellschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge (Produktions- und Klassenverhältnisse) bleiben konsequent ausgespart. Stattdessen wird psychologisiert, moralisiert und spekuliert. Und vor allem denunziert. Da werden Geschichtchen statt Geschichte erzählt. Das gilt für alle drei Teile dieses Buches. Auf Langhoffs persönlichen und künstlerischen Lebenslauf selbst soll im folgenden nicht dezidiert eingegangen werden, sondern vielmehr auf die Passagen aus der Feder von Esther Slevogt, die dem Rezensenten besonders aufgefallen sind. Denn ihr scheint Abwertendes Prinzip zu sein, was sich immer wieder in ihrer Wortwahl und dem herablassend-denunzierenden Tonfall äußert. Ein krasses Beispiel hierfür findet man auf den Seiten 71 und 72, hier heißt es:

 

"In Wiesbaden taucht immer wieder ein kommunistischer Agitator aus dem Umfeld der Arbeiterbildungsvereine in der Theaterkantine auf, wo er versucht, die Theaterleute zu bekehren, und zu diesem Zweck kommunistisches Propagandamaterial (...) anbietet. Er stinkt, sieht auch sonst recht verlottert aus. (...) Und so erwirbt Langhoff schließlich ein Buch von diesem stinkenden Propheten, angeblich Lenins komplexe erkenntnistheoretische Streitschrift 'Materialismus und Empiriokritizismus'..." (Hervorhebungen SRK)

 

Berlin - Freiburg - Hamburg - Königsberg - Wiesbaden - Düsseldorf

Im ersten Teil geht es um die Lebensjahre 1901 bis 1933. Wolfgang Langhoff wird in einer gutbürgerlichen Familie geboren und wächst standesgemäß auf. Auch für ihn wird der I. Weltkrieg zu einem Schlüsselerlebnis. Die Umwerfung fast aller bisherigen Gewißheiten führt zu einem Suchen. Einem nicht geradlinigem und einfachen Suchen, ein Suchen, das ihn erst auf Umwegen zu nichtbürgerlichen Erkenntnissen und zu aktivem gesellschaftskritischen Denken und Handeln führt. Dieser von Widersprüchen nicht freie Weg des Bürgersohns wird von Slevogt denunziert, Langhoff habe daraus eine "heilsgeschichtliche Legende von der Kommunistwerdung eines Bürgersohns gewoben." (S. 32)

 

Nach dem Krieg beginnt Langhoff sein Künstlerleben, das ihn - schon sehr früh erfolgreich - u.a. nach Wiesbaden und Düsseldorf führt. Darauf geht die Slevogt - wie auch in anderen Zusammenhängen - zumeist herablassend-beleidigend ein.

 

Wobei sich bis zuletzt auch immer wieder viele kleine und größere historische Ungenauigkeiten und gar Fehler "einschleichen", was nicht gerade von sorgfältiger Recherche und Geschichtskenntnissen der Autorin kündet. So ist z.B. auf S. 58 von der "mißglückten russischen Revolution von 1908" die Rede - diese ereignete sich allerdings schon im Jahre 1905... Ein gravierender Fehler, der später noch mehrfach wiederholt wird, ist auf S. 99 zu finden. Da ist von Langhoffs Freund und Genossen Werner Eggerath die Rede, der nach 1945 in die DDR gegangen sei "und 1949 erster Ministerpräsident von Thüringen geworden war." Richtig ist, daß Eggerath 1945 in die damalige Sowjetische Besatzungszone - die DDR wurde erst 1949 gegründet - ging. Allerdings wurde er bereits 1947 Thüringer Ministerpräsident und bekleidete dieses Amt schon als dritter nach der Befreiung vom Faschismus...

 

Schlimm ist auch das Diffamieren von Mitgliedern (von Slevogt "kleine Kommunisten" genannt, die von ihren sich ins sichere Exil abgesetzten Funktionären "verheizt" worden seien) und Funktionären der Kommunistischen Partei und ihres antifaschistischen Widerstandskampfes von Anfang an, wie z.B. auf den Seiten 104 und 105. Ähnliches soll sich noch öfter wiederholen.

 

Düsseldorf - KZ Börgermoor und Lichtenburg - Berlin - Zürich

Im zweiten Teil geht es um die Lebensjahre 1933 bis 1945, also die Zeit nach der Machtübertragung an die deutschen Faschisten, Langhoffs Verhaftung und Einkerkerung in den KZ Börgermoor und Lichtenburg, eine kurze Zeit der Freiheit in Berlin und schließlich die Exiljahre in Zürich.

 

Langhoff wurde von den Nazis in den beiden Konzentrationslagern schwer mißhandelt. Seine Leiden und die seiner Genossen und Mithäftlinge, aber auch deren Lebensmut und Widerstandshandlungen selbst hinter Stacheldraht, beschrieb er im 1935 erschienenen autobiographischen Roman "Die Moorsoldaten".

 

Und genau hier hakt Slevogt wieder gehässig ein; so wie es andere bei Hermlin und Apitz taten: Sie alle unterstellen Geschichtsfälschungen, weil die Romane im Detail nicht mit der konkreten Historie übereinstimmen. Aber das unterscheidet eben Kunst/Literatur von Geschichtsschreibung/Dokumentation! Selbst autobiographische Romane wollen nicht Dokumentation sein, sondern anhand fiktiver Charaktere und Geschehnisse die Realität der Geschichte anschaulicher machen. Aber Slevogt setzt solcher Diffamierung noch eins drauf, wenn sie schreibt:

 

"Und gerne würde man wissen, ob Langhoff, der sich dem SS-Mann gegenüber nun so offensichtlich in der Rolle des couragierten Widerständlers gefällt, an diesen Tagen zumindest insgeheim darüber nachgedacht hat, daß die Rollen auch anders hätten verteilt sein können." (S. 145)

 

Das ist so perfide, das spricht so für sich und Slevogts Antikommunismus, daß sich hierzu jeder Kommentar erübrigt!

 

Denunziert wird auch der Lebenswille und Widerstand der Häftlinge, insbesondere der der Kommunisten; fast auf jeder Seite dieses Buchteils. Warum sie nicht zerbrachen, sich nicht bloß als Opfer verstanden, das wird nicht untersucht. Das Wort "Solidarität" kommt bei Slevogt einfach nicht vor, stattdessen faselt sie, wie auf S. 160, von der "Allmacht der Kommunistischen Partei" auch im KZ... Und von da ist es nicht weit bis zur Behauptung, daß die Kommunisten in den KZ aufrechte, verfolgte Sozialdemokraten schlimmer be- und mißhandelt hätten als die SS-Aufseher: "Kommunisten als willige Kollaborateure der SS bei der Mißhandlung sozialdemokratischer Häftlinge" (S. 208)

 

Auch in diesem Teil finden sich immer wieder Fehler, so auf Seite 220, daß Marschall Tuchatschewski, der sowjetische Verteidigungsminister gewesen sei. Korrekt ist, daß dieser Marschall Chef des Generalstabs der Roten Armee war... Unkorrekt ist auch der Satz auf Seite 258, daß am 6. Juni 1944 amerikanische Bodentruppen in der Normandie gelandet seien. Denn an dieser Landungsoperation nahmen Truppen aus Großbritannien, aus den USA, aus Kanada, Polen, Frankreich, Neuseeland und vielen weiteren Staaten teil. In beiden Fällen hätte schon ein Blick bei Wikipedia solche Fehler vermeiden lassen. Aber, es waren nach der derzeit herrschenden Meinung ja ausschließlich die USA, die "Europa befreit" haben...

 

Überaus informativ und sehr lesenswert sind dagegen die Passagen dieses Teils, die sich mit Langhoffs künstlerischem Schaffen als Schauspieler und Regisseur am Theater in Zürich befassen.

 

Düsseldorf - Berlin/Ost

Im dritten Teil geht es um Langhoffs erfolgreichste Jahre als Theatermann, zunächst in der Britischen Besatzungszone und dann in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR. In Düsseldorf war der Kommunist aber nicht lang wohlgelitten. Die westliche Besatzungsmacht setzte lieber auf die sogenannten "Eliten", also die Kräfte, die im feudalen bzw. bürgerlichen Deutschland schon immer das Sagen hatten. Es sollte alles so bleiben wie es war, also kapitalistisch und antikommunistisch. So folgte Langhoff bereits 1946 einem Ruf nach Berlin und trat dort sein Amt als Intendant des von Max Reinhardt begründeten renommierten Deutschen Theaters an.

 

Hier wiederholt sich dann erneut der Fehler bezüglich Werner Eggerath, der "Thüringens erster Ministerpräsident nach der Gründung der DDR" geworden sei. Auf den Seiten 341 und 342 wird Ernst Fischer als seinerzeitiger Vorsitzender der Kommunistischen Partei Österreichs bezeichnet. Das aber war von 1927 bis 1965 Johann Koplenig! Schlimmer noch, auf Seite 372 bezeichnet Slevogt Walter Ulbricht als "Partei- und Staatschef der DDR". Seinerzeit waren aber Wilhelm Pieck (als Präsident der Republik und Staatsoberhaupt) und Otto Grotewohl (als Ministerpräsident) gemeinsam Vorsitzende der SED und Ulbricht lediglich General- bzw. Erster Sekretär des ZK und nur einer der Stellvertretenden Ministerpräsidenten... Oder, auf Seite 436 ist das Jahr 1959 betreffend - ganz im westdeutschen Jargon - vom "mächtigen Politbüromitglied Anton Ackermann" die Rede. Bloß, Anton Ackermann gehörte dem Politbüro des ZK der SED lediglich von 1949 bis 1953 - und auch das nur als Kandidat - an. 1959 war er nur ein einfacher Abteilungsleiter in der Staatlichen Plankommission beim Ministerrat der DDR ohne jegliches Parteiamt.

 

Auf Seite 353 ist mit Zeitangabe August 1950 zu lesen über "Folter und Mißhandlungen im Stasi-Gefängnis in der Albrechtstraße, um die Ecke vom Deutschen Theater". Auf Seite 384 wird daraus "das sowjetische Militärgefängnis in der Albrechtstraße, um die Ecke vom Deutschen Theater, aus dem immer wieder Schreie von Inhaftierten dringen."

 

Erfreulich realistisch ist dagegen eine Passage auf Seite 441, wo es über den 13. August 1961 heißt: "Hunderttausende hatten in den Monaten zuvor über Berlin die DDR Richtung Westen verlassen, um für Westmark als Billiglöhner zu arbeiten. (...) Unter den Künstlern der DDR herrschte nach dem ersten Schock wieder einmal Aufbruchstimmung. Jetzt endlich, ohne Einmischung des Westens, würde man die Möglichkeit haben, in Ruhe den Sozialismus aufzubauen..."

 

Was dann aber von Slevogt, auf Seite 442, im Zusammenhang mit der längeren Rekonstruktion und Wiedereröffnung des Deutschen Theaters, gleich mit mehrfachen Diffamierungen abfällig relativiert wird: "als sei die DDR nun endlich dabei, das Land zu werden, wo Goethes Zitronen blüh'n, die Proletarier an ihren immergrünen Werkbänken stehen und sich in Blankversen über Fragen von Parteilinie und Planerfüllung austauschen."

 

Was Langhoffs künstlerische Leistungen angeht, so werden fast ausschließlich nur antikommunistische Zeitungen (mit schlimmster Hetzpropaganda im Stile eines Goebbels) aus der Frontstadt Westberlin zitiert und dafür die Meinungen aus der DDR-Presse weitestgehend unterschlagen.

 

Angesichts der US-Rollback-Politik (damals im Korea-Krieg und der NATO-Gründung kulminierend) kommt es in der Sowjetunion und den mit ihr verbündeten Staaten, einschließlich der DDR, zu vielen Fehlentscheidungen, wächst das Mißtrauen gegen Westemigranten, wächst die Angst vor Spionage etc. In die Mühlen der Überprüfungen durch die Zentrale Parteikontrollkommission gerät auch der Schweiz-Emigrant Langhoff. Die Autorin bekundet scheinbar Mitleid mit ihm - der sich im "Würgegriff der Partei" befinde und der "öffentlich demontiert" werde (S. 372), und sogar mit den bereits damals wieder verfolgten westdeutschen Kommunisten, um diesen dann aber sofort Verblendung und ideologische Uneinsichtigkeit zu unterstellen. Sie wirft Langhoff vor, sich nicht selbst zu fragen, "ob das Unrecht, das man ihm selbst antut, nicht Teil einer Ideologie ist, die Terror, Repression und Konformismus grundsätzlich zum System erhebt." (S. 357)

 

Seitenlang breitet sich Slevogt über Verfolgungen Langhoffs in den Jahren 1950 und 1951 aus, der dennoch und trotzdem für weitere zehn Jahre Theaterintendant bleibt, um dann auf den Seiten 389 und 390 mitzuteilen, daß die SED-Parteiführung am 4. Oktober 1951 den Beschluß gefaßt habe, ihn zu seinem 50. Geburtstag zwei Tage später mit einem überaus wertvollen Sachgeschenk zu ehren und daß die Glückwunschadresse des Zentralkomitees an Langhoff im "Neuen Deutschland" zu veröffentlichen sei. Diesen Widerspruch zwischen ihrer Behauptung und dem Faktum erklärt die Autorin jedoch nicht.

 

Über das Jahr 1962 heißt es bei Slevogt in der ihr eigenen Art: "In seiner Doppelrolle als Funktionär und Künstler jedoch reibt Langhoff (der inzwischen schwer krebskrank ist; SRK) sich zunehmend auf, während seine Kräfte nachlassen. Es gibt Anzeichen, (...) daß die Zeit nach siebzehn (!; SRK) Jahren möglicherweise reif für einen Wechsel an der Spitze des Deutschen Theaters sein könnte. Überraschend ist dann allerdings die Brutalität und Verächtlichkeit, mit der die SED schließlich einen ihrer bedeutendsten und loyalsten Künstler abserviert." (S. 447)

 

Sie vergißt aber zu erwähnen, daß Langhoff just zu dieser Zeit zum Professor berufen wird und daß ihm 1962 das quasistaatliche Amt eines Vizepräsidenten der Akademie der Künste übertragen wird. Außerdem führte Langhoff bis zu seinem Tode weiterhin Regie an "seinem" Theater und wurde sogar zu dessen Ehrenmitglied ernannt.

 

Vor allem aber, erst nach seiner Intendantenzeit wird Langhoff nicht nur dem Berliner Theaterpublikum, sondern einem Millionenpublikum zwischen Kap Arkona und Oberwiesenthal bekannt und zwar in tragenden Rollen in DEFA- und Fernsehproduktionen. So in der Verfilmung von Dieter Nolls Roman "Die Abenteuer des Werner Holt" oder in den Fernseh-Mehrteilern "Wolf unter Wölfen" (nach Hans Fallada) und "Doktor Schlüter" (nach Karl Georg Egel). Auch der Verfasser dieser Zeilen hat damals als junger Teenager diese Filme gesehen und bleibenden Eindruck vom großen Langhoff gewonnen.

 

Aber selbst hier kann es die Slevogt nicht lassen, falsch zu berichten oder aber von ihrer eigenen Unwissenheit bzw. von ihrer mangelnden Recherche Kunde abzulegen: Denn auf Seite 459 schreibt sie munter drauf los, daß Langhoff "die Titelrolle der Verfilmung eines Romans von Dieter Noll 'Die Abenteuer des Werner Holt'" gespielt habe. Richtig aber ist, daß Langhoff hier die Rolle des Vaters des Titelhelden - eines in den letzten Kriegsmonaten 1944/45 zur Wehrmacht einberufenen Gymnasiasten - gab!

 

Überaus ärgerlich und peinlich sind die beiden letzten Seiten von Slevogts Buch mit ihrer "Berichterstattung" über die Beisetzung von Wolfgang Langhoff. Sie teilt zwar korrekt mit, daß Langhoff am 24. August 1966 im Regierungskrankenhaus der DDR gestorben ist. Da stellt sich doch die Frage, wie das der Fall sein kann, wenn Langhoff doch brutal abserviert worden war... Und sie schreibt anklagend, daß "kein Kondolenzbrief staatlicher Stellen die Familie erreichte". Wobei sie sich selbst in Frage stellt, denn im selben Absatz teilt sie mit, daß Kulturminister (!; SRK) Klaus Gysi die Trauerrede hielt und daß auch Alexander Abusch (Stellvertretender Ministerpräsident!; SRK;) den sie fälschlich zum Ministerpräsidenten erhebt, sowie Hans Rodenberg, Mitglied des Staatsrates (also Mitglied des kollektiven Staatsoberhauptes der DDR) zur Beisetzung erschienen waren. Hochrangiger geht wohl die staatliche Anerkennung eines Theatermannes kaum. Immerhin erwähnt sie sogar noch, daß bei der Beisetzung auch ein sehr großer Kranz niedergelegt wurde, auf dessen Schleife stand: "Dem großen Künstler und Sozialisten, unserem Genossen Wolfgang Langhoff. Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands." (...) Die Zeitungen sprechen am Tag darauf von einem halbstündigen Trauerzug." Was sie aber denunzierend über die Trauerrede gerüchteweise mitteilt, das ist einfach nur ekelhaft. (S. 462)

 

Negative Aspekte dieses Buches überwiegen

Was nicht nur bei Slevogt immer wieder auffällt, wenn es um das Leben und Wirken in der DDR geht: Obwohl es in jeder Gemeinschaft von Menschen immer wieder größere und kleine Konflikte gibt, obwohl Eifersüchteleien und Eitelkeiten unter Künstlern überall vorkommen, so wird all das zu Haupt- und Staatsaktionen erhoben, zu Repression und Widerstand, nur um Partei und Staat diskreditieren zu können. Internationale Hintergründe für politisches Handeln in der DDR (das natürlich wie überall Irrtümer, Fehler und Überspitzungen einschließt) bleiben konsequent ausgeblendet.

 

Obwohl auf weiten Strecken informativ und faktenreich, gerade was Langhoffs Theaterarbeit betrifft, so überwiegen doch die negativen Aspekte dieses Buches. Denn was Esther Slevogt vorgelegt hat, das ist kein warmherziges Porträt eines großartigen Menschen geworden, sondern nur ein wohl mit voller Absicht gezeichnetes eiskaltes (und seelenloses) Zerrbild.

 

Siegfried R. Krebs

 

Esther Slevogt: Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert. 496 S. m. Abb. Hardcover m. Schutzumschl. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2011. 26,99 Euro. ISBN 978-3-462-04079-1

 



 
18.04.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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