"Falsche Fährten": Der zweite Fall des Duos Eichborn & Wagner

WEIMAR. (fgw) Wem das bundesdeutsche Fernsehprogramm zur (schon seit etwa März andauernden) "Urlaubszeit" angesichts der -zigsten Wiederholungen zweit- und drittklassiger Filme zu fade ist, der sollte stattdessen einfach ein spannendes Buch zur Hand nehmen. Ein solches ist gerade eben im Münchener Bookspot-Verlag erschienen: V.S. Gerlings Thriller "Falsche Fährten" mit dem zweiten Fall des Ermittler-Duos Nicolas Eichborn und Helen Wagner.


Dieser Band erscheint nur ein Jahr nach dem Auftakt-Roman mit dem doch doppelsinnigen Titel "Das Programm", der seinerzeit hier ausführlich besprochen worden ist. Diese Fortsetzung bestätigt, das sei vorab gesagt, die positiven Eindrücke und lobenden Wertungen des Rezensenten für Gerlings Vorjahresbuch. Ja, Gerling ist seinem persönlichen Programm treu geblieben, spannende Unterhaltungsliteratur zu schreiben. Eine gehobene Unterhaltungsliteratur, die auf wahren Tatsachen gründet und deren Thrill nicht so sehr die auch vorhandenen "action"-Szenen ausmachen, sondern vielmehr die realen Hintergründe und gesellschaftlichen Zusammenhänge von Verbrechen. Gerade diese sind das Spannende, also die Frage nach den tatsächlichen - und nicht bloß den vorgeblichen - Motiven der Tatausführenden der Morde wie am Fließband. Und die Frage, wer die Hintermänner sind, die solche Morde in Auftrag geben bzw. Dritte zu diesen anstiften. So viel sei schon gesagt: Es geht wie fast immer bei Kapitalverbrechen um Geld, um sehr viel Geld - letztlich um Maximalprofit; siehe die berühmte Fußnote in Karl Marx' "Das Kapital"...

 

Doch so weit sind wir noch nicht. Alles fängt scheinbar ganz anders an, was übrigens schon eine erste "falsche Fährte" ist.

 

Nach ihrem aufregenden ersten gemeinsamen Fall, in dem beide nur um Haaresbreite dem Tod entgangen sind, haben sich der Zielfahnder Nicolas Eichborn und die Fallanalyterikerin Dr. Helen Wagner einen Urlaub verdient. Gemeinsam, denn sie sind mittlerweile auch ein Liebespaar geworden. Fünf Monate nach den Geschehnissen urlauben sie in Mexico und erleben dort - sehr humorvoll und ironisch geschildert - bundesdeutsche Wohlstandstouristen. Irgendwie sind Nicolas und Helen daher doch froh, ihren Dienst wieder antreten zu können. Jetzt aber nicht mehr beim BKA in Wiesbaden, sondern in einer neuen Behörde in Berlin, dem Amt für innere Sicherheit. Nicolas ist hier aber kein simpler Ermittler mehr, sondern Leiter der Abteilung für operative Fallanalysen. Hier muß er sich aber gleich zu Beginn der infamen Attacken seiner Intimfeinde, des Staatssekretärs Schlossmann und des geschaßten Generalstaatsanwaltes Stoll, erwehren. Wie Eichborn diese jedoch austrickst, das beschreibt Gerling mit Bravour, der Leser kann da nur noch vergnügt schmunzeln. Zu seiner Abteilung stoßen zwei neue Mitarbeiter; ansonsten werden die aus dem ersten Band bereits bekannten Charaktere weitergeführt.

 

Doch ruhiger Schreibtischjob ist Eichborns Sache nicht. Doch er muß sich nicht lange an den ministerialen Bürokraten reiben, denn unversehens tötet mitten in Berlin und auf offener Straße ein Profikiller einen ehemaligen Arzt. Als in anderen Städten ebenfalls pensionierte Ärzte getötet werden, wird das ein Fall für das neue Amt, speziell für Nicolas und Helen. Denn recht früh werden Zusammenhänge klar: Drei der getöteten Ärzte haben jüdisch klingende Namen. Der zunächst als Motiv vermutete Anstisemitismus ist der Grund für das Tätigwerden der neuen Behörde. Des weiteren waren alle Mordopfer Bürger der DDR und als Ärzte an der Charité an Medikamentenversuchen beteiligt. Versuche, die der DDR Devisen einbrachten und den auftraggebenden Pharmakonzernen aus dem Westen einen gehörigen Extraprofit. Und an dieser Stelle wird es politisch und auch persönlich brenzlich. Für die Ermittler.

 

Brandenburgische Neonazis als Mörder, das scheidet für Eichborn bald aus. Antisemitismus als Motiv daher auch. Immer klarer führt die Spur in die Vergangenheit zurück. Aber - Eichborn und seine Leute müssen erkennen, daß hier nicht nur ein Killer am Werk ist, sondern mindestens zwei. Denn die Mordausführung unterscheidet sich deutlich: Hie brutale emotionalaufgeladene Tötungen, da kaltblütige professionelle Vorgehensweise. Es stellt sich schließlich heraus, daß die einen Morde durch eine Gruppe sechs junger Frauen und Männer verübt wird - allesamt Kinder von Opfern der Medikamentenversuche. Ihr diskreter Hintermann ist ein gewisser Victor. Das wird dem Leser früh bekannt, während die Ermittler hierfür viel Zeit brauchen. Wie gesagt, das Buch heißt falsche Fährten. Und falsche Fährten sind nicht nur der Antisemitismus, sondern auch vermutete private Racheakte. Wer aber ist nun der Profikiller, dessen einer Aliasname Torben Schäfer lautet? Welches könnte sein Motiv sein, wer dessen Auftraggeber? Und alles wird noch komplizierter, als die Ermittler feststellen, daß sich die Amateure und der Profi in die Quere kommen, sich ihre Mordanschläge überschneiden und schließlich die Amateure selbst zu Zielobjekten des Profis werden.

 

Immer deutlicher geraten vier Pharmakonzerne in den Fokus der Ermittlungen und es wird überlegt, Helen wegen persönlicher Befangenheit vom Fall abzuziehen. Aber in der neuen Behörde ist man flexibel und sie kann indirekt doch weiter mitwirken. Schon jetzt sei gesagt, daß auch die Ermittlungen in diese Richtung eine von den wahren Auftraggebern gelegte falsche Fährte ist. Denn, so Eichborn: "Zu viele Dinge paßten eigentlich nicht zusammen." (S. 325) Und später, aber noch vor der finalen Bilanz, sagt er: "Ich meine, es gibt hier neun Tote, jede Menge Schuldiger und uns Trottel, die keinen wegen Mordes anklagen können. Das ist doch nicht normal." (S. 369)

 

An dieser Stelle führt Gerling einen neuen Protagonisten ein: Patrick Ebel, den man als freiberuflichen Berater und Dienstleister der besonderen Art, sprich Problemlöser für gehobene Kreise, bezeichnen könnte. Intellektuell und in seiner Art übrigens dem unkonventionellen Eichborn nicht ganz unähnlich. Eigentlich war Ebel einige Zeit zuvor von Schlossmann beauftragt worden, den unliebsamen Eichborn ein für allemal auszuschalten. Doch Ebel recherchiert gründlich, läßt sich von Schlossmann nicht verführen und offenbart sich Eichborn schließlich in aller Offenheit. Ab da kooperieren Nicolas und Ebel bei der Lösung seines Falles. Dank Ebels Verbindungen und Recherchen kommen die Beamten des Rätsels Lösung immer näher.

 

Und immer wieder muß sich Eichborn während seiner Ermittlungen der Attacken Stolls erwehren, der hierfür sogar die Boulevardpresse manipuliert. Aber auch dank Ebel führt Nicolas' Gegenwehr zum Erfolg. Übrigens mit sehr viel schrägem Humor geschildert.

 

Es gelingt schließlich, sowohl den einsamen Profikiller Torben Schäfer als auch die drei überlebenden Amateure (die drei anderen konnte Schäfer noch töten) und dann sogar noch den ominösen Victor zu fassen. Auch wenn diese allesamt nicht gerade aussagewillig sind, fügt sich nun das Puzzle immer besser zusammen und die falschen Fährten lösen sich auf. Eine klare Spur wird erkennbar. Doch um dieser nachgehen zu können, müssen nicht nur Nicolas und Helen sowie Ebel kooperieren. Nein, auch die Pharmabosse müssen mitspielen... Die richtige Spur führt dann zielstrebig zu Konkurrenten dieser Konzerne. Die erneut Profikiller losschicken, um das Begonnene doch noch zu vollenden. Zielscheiben sind jetzt nicht mehr Ärzte, die waren ja nur Vorwand und deren Tötungen nur Mittel zum Zweck. Als eigentlich alles aufgeklärt scheint, kommt es zu einem fulminanten Finale mit einem sich vor TV-Kameras in die Hosen machenden Schlossmann...

 

Wer anfangs vermutet haben mag, daß sich Gerlings neuer Thriller nur in die Flut der billigen DDR-Delegitimierungsliteratur einfügt, der wird eines Besseren belehrt. Nein, darum geht es nicht. Es geht ihm um das Hier und Heute, um die skrupellosen Machenschaften international agierender Konzerne und Hedgefonds. Besonders augenfällig gerade im Pharmabereich. Aus einer scheinbaren amokartigen Mordserie schält sich ein Fall gravierender Wirtschaftskriminalität heraus. Und dies ist kein Phantasieprodukt Gerlings, sondern beruht - wie auch im ersten Band - auf realen Ereignissen. Man lese dazu das exzellente Nachwort, das auf nur zwei Seiten sehr viel auszusagen vermag.

 

Recht und Gesetz, der Staat und seine Sicherheitskräfte sind in solchen Fällen meist machtlos. Eben deshalb legt Eichborn selbst falsche Fährten, um nicht bloß die Kleinen zu fangen, sondern um auch die Großen zumindest teilweise in Regress nehmen zu können. Daher findet sich in diesem Buch immer wieder ein Satz Eichborns: "Manchmal muß man etwas Schlechtes tun, um etwas Gutes zu erreichen." Helen Wagner, die anfangs nicht so weit gehen möchte, kommt schließlich nicht umhin, sich dieser Erkenntnis anzuschließen.

 

Die Hauptfiguren, aber sowohl die altbekannten als auch die neuen Nebenfiguren gewinnen hier weiter an Kontur. Gerlings Erzählweise und Schreibstil (insbesondere die Dialogführung) bringen den schrägen, ja sogar subversiven, Humor seines Protagonisten, wie auch dessen bitteren Sarkasmus, gekonnt zur Geltung. Eichborn, aber nicht minder seine engsten Mitarbeiter und sogar seine direkten Vorgesetzten stehen für Zivilcourage, die eigentlich ein Widerspruch zum Berufsbeamtentum ist. Doch nur durch unkonventionalles Handeln statt "Dienst nach Vorschrift" kann das große Verbrechen wirklich bekämpft oder zumindest beeinträchtigt werden. Das will Gerling in seinen Geschichten um Nicolas Eichborn und Helen Wagner zeigen und das gelingt ihm auch.

 

Wie schon im ersten Band ist dieser Roman nicht nur in Teile und Kapitel eingeteilt. Jedem Teil sind hier Stichworte zu den Phasen der Produktentwicklung eines neuen Medikamentes und Auszüge aus Beratungsprotokollen der vier Konzernchefs vorangestellt. Gerling folgt bei letzteren der gängigen Praxis, die wichtigsten Textstellen nur geschwärzt wiederzugeben. Wobei dem Leser des Romans dennoch "Roß und Reiter" benannt werden.

 

Und wie lautet das Fazit der Lektüre? Hier möchte der Rezensent, hier kann der Rezensent nur sein Resümee zum ersten Band wiederholen: V.S. Gerlings Roman ist locker erzählt und flott geschrieben, was Tiefgründigkeit und Spannung sogar befördert. Und, dieser Roman behandelt - eher unausgesprochen - ein Paradoxon, denn seine Helden, das sind bundesdeutsche Beamte mit Zivilcourage.

 

Man darf also mit Fug und Recht auf den dritten Fall des Duos Eichborn/Wagner "Sieben Gräber" gespannt sein! Hoffentlich läßt sich der Verlag mit dessen Herausgabe nicht zu lange Zeit. Denn gehobene Unterhaltungsliteratur und zugleich Thriller vom Feinsten sind hierzulande leider eher Seltenheit. Um so mehr ist dem Bookspot-Verlag zu danken, daß er Volker Schulz, so der Name hinter dem Pseudonym V.S. Gerling, als seinen Autor entdeckt hat.

 

Siegfried R. Krebs

 

V. S. Gerling: Falsche Fährten. Thriller. 448 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2015. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-033-4

 



 
04.08.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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