Faszinierender Norderney-Krimi mit Ausflug ins Rheinland

WEIMAR. (fgw) Mit „Inselduell“ hat Anja Eichbaum jetzt ihren vierten Norderney-Krimi um den Inselpolizisten Martin Ziegler und die Osnabrücker Polizeipsychologin Ruth Keiser vorgelegt. Ermittelt wird im aktuellen Fall aber nicht nur auf der idyllischen ostfriesischen Insel, sondern auch im nicht minder idyllischen Rheinland zwischen Bonn und Remagen.


Es ist Ende März. Auf Norderney laufen die Arbeiten zur Vorbereitung auf die Urlaubssaison auf Hochtouren; überall wird gewerkelt. Auf Hochtouren laufen aber auch die Wahlkämpfe von drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt. Denn das amtierende Inseloberhaupt muß altersbedingt in den Ruhestand gehen. Um seine Nachfolge bemühen sich ein Anwalt - der politische Ziehsohn des konservativen Bürgermeisters, ein überaus neoliberaler Immobilienmakler sowie eine Zugezogene. Bei der handelt es sich um die alleinerziehende, verwitwete Mutter von zwei Kindern, die 39jährige Umweltbiologin Petra Mertens.

 

Doch bevor der Wahlkampf in seine Endphase tritt, wird Petra Mertens eines Morgens auf dem Planetenweg tot aufgefunden; sie ist erschossen worden. Neben ihrer Leiche findet man einen Koffer mit seltsamen Inhalt - alles ist dort irgendwie mystisch, esoterisch drapiert. Die Polizisten merken aber sofort auf: Die Leiche sei dort wie ausgestellt plaziert worden, sind sie sich sicher.

 

Martin Ziegler wird es angesichts dieses Leichenfundes unwohl. Er wollte ja eigentlich nach einem „burnout" nur noch ruhigen Dienst schieben. Doch seit er auf der Insel wirkt, ist es zu mehreren Mordfällen gekommen. Solche Fälle rufen sofort die Mordkommission auf dem Festland, also die in Aurich, auf den Plan. Doch statt einer unliebsam bekannten Dame übernimmt diesen Fall Gert Schneyder. Dieser ist nicht nur kompetent, sondern auch kollegial und kompetent - also gar nicht hochmütig gegenüber den Schutzpolizisten.

 

Da man einen Suizid ausschließen kann, stellt sich vorrangig die Frage nach dem Mordmotiv. Ist dieser Mord aus politischen Gründen geschehen? Oder hat er etwas mit Petra Mertens Vergangenheit zu tun, von der doch nur wenig bekannt ist? Dazu benehmen sich der Bürgermeister und die beiden verbliebenen Kandidaten auffällig. So bekommt Marthe Dirkens, die in den Ruhestand getretene Pensionswirtin mit, daß sich der Bürgermeister nächtens auf dem Nachbargrundstück zu schaffen gemacht hatte. Wie sich herausstellt, hatte er dort zwei Gewehre vergraben. Doch mit dem Tod von Petra Mertens hat das nichts zu tun. Obwohl sich gerade die anderen Kandidaten verdächtig benehmen, gibt es für eine Mordtat ihrerseits nicht das geringste Indiz. Martin Ziegler verfolgt insbesondere die esoterische Spur (Stichwort Tarot-Karten), während Gert Schneyder sich gezielt mit der Vergangenheit befaßt: Warum ist Frau Mertens auf die Insel gekommen? Wie ist ihr Mann verstorben, warum machte sie daraus ein Geheimnis? Was soll aus ihren Kindern werden? Gibt es Verwandte, denen man sie in Pflege geben kann? Diesbezüglich arbeitet er richtig gut mit einer jungen und engagierten Sozialarbeiterin zusammen. Sie finden zumindest die Patentante von Petra Mertens Tochter. Diese Tante reist sofort nach Norderney, doch das führt da sofort zu Komplikationen.

 

Die Spur in die Vergangenheit führt ins Rheinland. Und zwar in die Gegend von Marthe Dirkens' Nachfolgerin Daniela. Diese bittet ihren Cousin Oskar, einen Bonner Journalisten, um Hilfe. Dieser ist mittlerweile mit der Polizeipsychologin Ruth Keiser aus Osnabrück verbandelt. Auch Martin Ziegler nimmt Kontakt zu den beiden auf. Was sogar passend ist, denn just zu diesem Zeitpunkt besucht Frau Keiser ihre neue Liebe in Bonn. Und - wie es der Zufall auf wundersame Weise so will - war Oskar mit Petra Mertens durch gemeinsamer Studienzeiten sehr gut bekannt. Naja, aus den privaten erholsamen Wochenendunternehmungen von Oskar und Ruth wird nichts, denn nebenbei recherchieren sie und finden dabei zu Petras Schwägerin, der psychologisch vorbelasteten Elisabeth von Möwitz.

 

Und auch auf der Insel tut sich einiges. Der Bürgermeister und sein Ziehsohn zerstreiten sich. Letzterer bekommt mit, daß der Bürgermeister private Kontakte zu den beiden anderen Kandidaten pflegte. Und eben dieser „politische Ziehsohn" erleidet plötzlich auf offener Straße einen Schlaganfall, kann aber gerettet werden. Das wirft gleich weitere Fragen auf. Ob z.B. alle Kandidaten von unbekannten Dritten bedroht werden. Schließlich wurden doch die Wahlplakate aller drei Kandidaten haßerfüllt beschmiert.

 

Schließlich aber fügen sich die verschiedenen Ermittlungs- bzw. Recherchestränge von Martin Ziegler, Gert Schneyder, Oskar und Ruth zusammen. Die Vorgänge in der Vergangenheit können aufgeklärt werden. Aber was haben diese mit dem Mordanschlag in der Gegenwart zu tun? Ja, man kommt dem Mörder auf die Schliche, doch dem ist lange nichts nachzuweisen...

 

Anja Eichbaum hat einen wirklich fulminanten Kriminalroman von fast 500 Seiten zu Papier gebracht. Trotz dieser heuer im Genre eher unüblichen Länge gibt es hierin keinerlei Längen, bleibt die Spannung bis zum Schluß erhalten, gibt es diesbezüglich immer neue Aha-Effekte. Sind doch nicht zuletzt die drei Erzählstränge Martin - Gert und Sozialarbeiterin - Ruth und Oskar überaus gekonnt miteinander verknüpft worden. Die verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren sind glaubhaft und stimmig charakterisiert. Das gilt nicht nur für die Lebens- und Gefühlswelt einer alleinerziehenden gesellschaftlich aktiven Frau, sondern nicht minder für den amtierenden Norderneyer Bürgermeister. Löblich ist ferner, daß Anja Eichbaum die hierzulande leider grassierende Esoterik überaus kritisch thematisiert. Und mit nur wenigen Zeilen werden noch die politischen bundesdeutschen Verhältnisse überaus treffend beschrieben. So sinniert Martin Zieglers Lebensgefährtin angesichts des Todes von Petra Mertens: „Der Zustand der politischen Landschaft war ein Trauerspiel, egal, wohin sie sah. (...) Das brach sich bis in die kleinsten kommunalen Zellen runter. Ein unsäglicher Umgang miteinander. Manipulative Stimmungsmache und Toben des Mobs im Internet waren alltäglich geworden." (S. 35)

 

Anja Eichbaums Krimis gewinnen von Band zu Band an Qualität, das ist selten heutzutage. Aber es gibt auch etwas zu kritisieren. Etwas, das jedoch nicht nur dieser Autorin anzulasten ist. Es wimmelt bei ansonsten wirklich gepflegter deutscher Sprache in diesem Buch nur so von überflüssigen, unnötigen USA-merikanismen! Literaten wie auch Journalisten haben aber doch auch eine Sprachbildungsaufgabe! Und niemand soll sich damit herausreden, daß man so schreibt, wie die (jugendliche) Masse spricht. Nein, diese Masse spricht deshalb so, weil ihnen die Medien aller Art dies so suggerieren. Solche Sprachsünden haben nichts, aber auch gar nichts mit Weltläufigkeit zu tun. Auch darüber möge die Leserschaft nachdenken.

 

Trotz dieses Einwandes kann und soll dieser vierte Eichbaum-Krimi wärmstens empfohlen werden.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Anja Eichbaum: Inselduell. Kriminalroman. 476 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2834-0

 



 
21.03.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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