Ferrante, Neapel und das lügenhafte Leben der Erwachsenen

WEIMAR. (fgw) Endlich wieder Ferrante. Endlich wieder an einem Wochenende Eintauchen in die neapolitanische Welt, die beim Lesen so plastisch und sinnlich vor dem geistigen Auge entsteht. Noch im Fieber der großartigen Quadrologie der Neapolitanischen Saga von Lila und Elena finden Ferrante-Liebhaber hier eine gelungene Fortsetzung.


Schon das Cover im Stil der Ferrantebücher zeigt, es geht auch um die Dramatik des Eintritts in die Erwachsenenwelt. Die Geschichte ist „nichts als ein Knäuel, von dem niemand weiß [...], ob es den passenden Faden einer Erzählung enthält oder nur ein verworrener Schmerz ohne Erlösung ist." (S.9)

 

Erschütternd deutlich und emotional durch Nüchternheit ganz beiläufig mitreißend gelingt es der Autorin zu beschreiben, wie die Welt der einst vertrauenserweckenden Erwachsenen komplex, verworren, lügend-intrigant erscheint, wie Beziehungsgeflechte anders wirken, wenn man sie als 13-Jährige zu durchschauen beginnt. „Vielleicht zersprang in diesem Moment etwas in mir, und vielleicht war das das Ende meiner Kindheit. Jedenfalls fühlte ich mich wie ein Gefäß, dessen Inhalt durch einen winzigen Riss unmerklich herausrieselte." (S. 44) Erinnern Sie sich daran?

 

Die Geschichte beginnt mit einem beiläufigen Satz, der in Giovanna das Bedürfnis weckt, ihre Tante Vittoria kennenzulernen. Vittoria, die verhasste Tante, die für Giovannas Mutter „längst kein Mensch mehr [ist], sondern nur noch eine Redensart." (S. 40) Giovanna beginnt, in die Vergangenheit ihrer Familie einzutauchen, Beziehungen aufzubauen, zu schwärmen und zu begehren, andere Seiten er zuerkennen, als die kindhaft, naive und unaufgeklärte Sicht. „Sieh sie dir genau an, deine Eltern, sonst bist du nicht zu retten.", sagt ihr Vittoria. (S. 109)

 

Dieses Buch ist Plädoyer für ein bewusstes Erwachsenwerden und für die Sünde, denn „die Sünde gibt es: Das ist, wenn keine Freundschaft da ist, keine Liebe, und wenn man was Schönes vergeudet." (S. 134) Dieses Buch kommt ohne reißerische Spannungsbögen ganz allein mit den nüchternen Beschreibungen von Giovannas Welt aus, zwischen Kirche, Moral und Frivolitäten. Wer Ferrante liebt, kommt hier auf seine Kosten. Wer Ferrante nicht kennt, hat hier eine gute Chance, sie lieben zu lernen.

 

 

Anja Haß

 

 

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. A.d.Ital.v. Karin Krieger. Roman. geb. 416 S. Suhrkamp-Verlag. Berlin 2020. 24,00 Euro. ISBN 978-3-518-42952-5

 



 
11.09.2020

Von: Anja Haß
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ