Fiktive „short stories“ wie reale Reportagen geschrieben

WEIMAR. (fgw) Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat nun im Zuge der „Wiederentdeckung“ von Stephen Crane (1871-1901) auch eine Anthologie seiner dreizehn wichtigsten „short stories“ in neuer deutscher Übersetzung herausgebracht.


Die darin versammelten fiktiven Geschichten kommen ebenso authentisch „rüber" wie seine realen Reportagen bzw. wie die aufgrund eigener Erlebnisse entstandenen. Man staunt noch heute über Cranes feinsinnige Beobachtungs- UND Beschreibungsgabe. Mit nur wenigen „Strichen" bringt er feinste Nuancen zum Tragen, wobei er das Geschehen stets mit den Augen seiner literarischen Figuren betrachtet. Dazu gehört, daß er seine Figuren weniger mit ihren Namen agieren läßt, sondern sie überwiegend mit ihren charakteristischen Eigenschaften benennt: der Fremde, der Lange, der Sommersprossige, der Cowboy, der Schwede, der Heizer oder schließlich sogar der Korrespondent. Mit letzterem meint er selbstversändlich sich selbst.

 

Crane erzählt Banales und Alltägliches, ebenso Sensationelles, Tragisches, Tragikomödisches und sogar Absurdes. Und er erzählt alles so (lebensecht), als wäre er selbst von Anfang bis Ende dabei gewesen. Nun ja, bei einigen Geschichten war er ja tatsächlich dabei: insbesondere bei den Geschichten, die mit dem antispanischen Aufstand auf Kuba und der US-amerikanischen Intervention zu tun. Ja, Cranes fast trocken erzählten Geschichten „Aus der See" und „Das offene Boot" basieren auf der tatsächlich selbst erlebten Schiffbrüchigkeit bei der Überfahrt nach Kuba. Real ist ferner seine Kriegsreportage vom griechisch-türkischen Krieg. Obwohl er sich da keineswegs an der Front, sondern im Hinterland befand. Aber wie gesagt, Crane kann so schreiben, als wäre er tatsächlich alles mit eigenen Augen gesehen.

 

Und wenn wir nun kurz einen Blick in die Gegenwart werfen, dann sehen wir, daß es heuer auch eine Reihe von „Starreportern" bei den sogenannten Qualitätsmedien gibt, die genau solches produzieren, praktizieren. Also in der Ferne erfundene (tränendrüsige) Berichte von Kriegsschauplätzen, die aber nur den Zweck haben, Stimmung gegen unliebsame Staaten, Regierungen und Präsidenten (da stets nur Machthaber genannt) zu machen. Man erinnere sich nur an einen gewissen R... und ein gewisses Hamburger Maganzin. Crane hatte dagegen solche Absichten nicht: er wollte einfach nur gute, spannende Unterhaltungsliteratur schreiben!

 

Manches ist heute allerdings nicht mehr unbedingt verständlich, wenn er in „Seefahrer wider Willen" u.a. die Probleme eines Mannes mit seinem Badeanzug beschreibt. Man kennt ja nur noch knappe und knappste „Strings" - aber seinerzeit handelte es sich noch um Ganzkörpertextilien.

 

Eine für Literaturwissenschaftler und andere Rezensenten wohl eher zweitrangige Geschichte, „Männer im Sturm", hat diesen Rezensten jedoch am meisten, am emotionalsten angesprochen. Hierin geht es nur um wenige Stunden Wartezeit von unzähligen Männern vor der Öffnung der Obdachlosenasyls. Trotz eines heftigsten Sturmes wird es aber nicht vorzeitig geöffnet - Hausordnung ist eben Hausordnung. Wie Stephen Crane das erzählt, das läßt beim Lesen förmlich das Blut in den Adern gefrieren. Nicht zuletzt zeigt er damit auf, daß die USA keineswegs das Paradies auf Erden sind und daß „Menschenrechte" für die Regierenden und deren „Lautsprecher" nur eine Propagandafloskel ist...

 

Was der Rezensent aber auch bekennen möchte: Es fällt nach der Lektüre von Wolfgang Hochbrucks Nachwort wirklich sehr schwer, eine umfassende eigene Rezension zu schreiben. Denn das könnte sich leicht zum Plagiat ausufern. Daher fällt diese Besprechung ausnahmsweise sehr kurz aus. Und es wird stattdessen wärmstens empfohlen, sich bezüglich der Würdigung von Crane und seines Schaffens einfach diesem Nachwort zuzuwenden. Aber es sei gestattet, hier ein Zitat daraus anzuführen:

 

„Cranes atemloser, mit vielen Farbbildern impressionistisch bis an den Rand des Sagbaren gehender Stil wurde ein Markenzeichen gerade seiner viel gelobten Erzählungen." (S. 259)

 

Hinzuzufügen wäre noch, daß es sich bei vier Geschichten - „Das Feuer", „Crane bei Velestino", „Unter Beschuß" und „Das starrende Gesicht" - um deutsche Erstveröffentlichungen handelt. Nicht zuletzt deshalb ist diese Publikation verdienstvoll, lobenswert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stephen Crane: Die tristen Tage von Coney Island. Geschichten. A.d.Amerikanischen von Bernd Gockel. 272 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2021. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-762-8

 



 
14.11.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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