Forensische Anthropologin plädiert für humanes Sterben

WEIMAR. (fgw) Dame Sue Black ist Professorin für forensische Anthropologin und hat solche hauptberuflich mit dem Tod zu tun. In ihrem sehr persönlich gehaltenen Buch „Alles was bleibt“ berichtet sie nicht nur über ihre Familie und diverse nahestehende Todesfälle. Ausführlicher geht sie aber auf ihre berufliche Laufbahn ein, schildert den banalen Alltag in Sektionsraum und Pathologie und wendet sich beispielhaft auch kriminologischen oder archäologischen Höhepunkten zu.


Für den Rezensenten und ebenso für freigeistige Leser dieser Webseite dürften aber wohl die Kapitel „Tod in der Familie", „Der Tod aus nächster Nähe" sowie „Asche zu Asche" von besonderem Interesse sein. Obwohl die aus einer sehr christlichen schottischen Familie stammende Wissenschaftlerin schon andernorts vehement für ein erfülltes diesseitiges Leben plädiert - möglichst frei von religiösen Vertröstungen auf ein imaginäres Jenseits, wird sie mitunter sehr deutlich: „Der Aberglaube ist unausrottbarer Bestandteil der menschlichen Vorstellungen vom Tod." (S.91) Und mit Blick auf „lebensschützerische" Dogmen und zu gewissen lebensverlängernden Maßnahmen in profitorientierten Kliniken heißt es prägnant: „Realistisch gesehen führen manche dieser medizinischen Errungenschaften allerdings auf eine langwierige Hinrichtung hinaus." (S.17) Denn so konstatiert sie später: „Der einzige Effekt solcher Maßnahmen wäre gewesen, das Sterben meiner Mutter zu verlängern." (S. 99) Wichtiger seien die Selbstbestimmung bis zum Lebensende (also „ein würdevolles und unabhängiges Leben führen zu können"; S. 97) sowie empathische Sterbe- und Trauerbegleitungen. Dame Black teilt auch mit, daß in ihrer Familie Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten üblich waren und sind und daß damit rechtlich auf ein würdevolles Lebensende orientiert werden kann.

 

Auf den Seiten 130 bis 133 geht die Wissenschaftlerin dezidiert auf die Themen Suizid und Sterbehilfe ein, hieraus soll ausnahmsweise etwas länger zitiert werden:

 

„Beihilfe zur Selbsttötung und aktive Sterbehilfe sind in Großbritannien nach wie vor illegal. Gesetzentwürfe kommen und gehen, und ich bin sicher, daß es letzten Endes ein Gesetz geben wird, das uns - unter bestimmten Bedingungen - erlaubt, selbst zu entscheiden, wie und wann wir unserem Leben ein Ende setzen wollen. Eine solche wohlüberlegte Entscheidung wird irgendwann möglich sein. Ohne Einmischung der Behörden, mit klaren Vorgaben durch den Gesetzgeber können wir dann unseren Tod selbst bestimmen und sind nicht gezwungen, das Geld für die Reise in ein anderes Land aufzubringen, um dort zu sterben, oder noch drastischere Maßnahmen zu ergreifen. (...) Religiöse Gegner führen ins Feld, daß nur der Schöpfer über den Tod bestimmen dürfe. Die leisen Stimmen der Unglücklichen, die unerträgliche Qualen leiden und sich verzweifelt die Option der Sterbehilfe wünschen, werden meist von den Gegnern übertönt. (...) Egal wie man darüber denkt, die Entscheidung über den Zeitpunkt des Sterbens sollte meiner Meinung nach eine persönliche Angelegenheit sein und nicht vom Staat kontrolliert werden. (...) Wahrscheinlich ist es kein Zufall, daß in Ländern, in denen Sterbehilfe legal ist, stärker in Palliativmedizin investiert und grundsätzlich offener mit dem Tod und der Option des selbstbestimmten Sterbens umgegangen wird."

 

An nicht wenigen Stellen wird sogar Religions- und Gesellschaftskritik geübt und für eine offene und weltanschaulich neutrale Gesellschaft plädiert:

 

Mit Blick auf Religionen, „die uns lehren, daß wir den Tod nicht fürchten müssen, da er lediglich das Tor zu einem besseren Leben danach darstellt", schreibt sie: „Da es keine Möglichkeit gibt, ihn zu verhindern, sollten wir uns vielleicht besser darauf konzentrieren, die Zeitspanne zwischen unserer Geburt und unserem Tod positiver zu gestalten und zu genießen: unser Leben." (S. 13)

 

„Die Ängste, die wir vor dem Todsein haben, sind abhängig von unseren Vorstellungen von dem, was dann mit uns passiert: Die einen glauben an den Himmel, die Hölle oder eine andere Form des Überlebens der Seele, die anderen erwarten die große Leere. Der Tod ist ein absolut unerforschtes Reiseziel, von dem man, so weit wir wissen, nicht zurückkehrt. Niemand ist je von dort mit stichhaltigen wissenschaftlichen Erkenntnissen oder belastbaren Beweisen zurückgekommen." (S. 87) - Woher also, so sollte man immer aufs neue fragen, wollen denn dann die Pfaffen das wissen, was sie anderen übers Jenseits verkündigen???

 

Zu den Geschichten über Nahtod-Erfahrungen (darin mystisches Schweben, außerkörperliche Erfahrungen, helle Lichter und Tunnel etc.) heißt es: „Die Wissenschaft hat Erklärungen für diese Phänomene" und sie benennt diese auch konkret. Aber: „Es ist menschlich, lieber an eine mystische oder übernatürliche Erklärung glauben zu wollen als an Biologie und Chemie. Genau darauf bauen Schwindler und Wahrsager mit ihren dubiosen Versprechungen." (S. 88) Sie präzisiert, siehe oben: „Der Aberglaube ist unausrottbarer Bestandteil der menschlichen Vorstellungen vom Tod." (S. 91) Wobei doch aber jeder Glaube an sich Aberglaube ist und nicht bloß der Glaube der Anderen...

 

Auf S. 104 erlaubt sich die christliche Professorin einen richtig schönen kleinen Seitenhieb, wenn sie über eine erlebte humanistische Sterbebegleitung dies äußert: „Es gab keine salbungsvollen Predigten von Geistlichen..."

 

Zum letzten Passageritus heißt es bei Dame Sue Black:

 

„Die Beerdigung eines geliebten Menschen ist nur einer der ersten Schritte auf diesem Weg. In Großbritannien haben die meisten dieser Rituale ihre Wurzeln in der christlichen Kirche, welcher Konfession auch immer.

Doch mit zunehmender Multikulturalität und Säkularisierung sind die Riten, mit denen wir der Toten gedenken, vielfältiger geworden.

Unsere Nation wird immer areligiöser, und während sich die Krankenhausbetten mit jenen füllen, die verzweifelt auf Heilung hoffen, leeren sich die Kirchenbänke, in denen man früher auf den Glauben vertraute. (...)

Ich bedauere das Verschwinden mancher alten Gepflogenheiten, aber ich muß zugeben, daß es eine gute Entwicklung ist, wenn wir heute die Freiheit haben, den Abschied so zu gestalten, daß er die Identität, Persönlichkeit und den Glauben des Verstorbenen widerspiegelt." Auch wenn hier nur von Glauben die Rede ist, nichtreligiöse Weltanschauungen nicht erwähnt werden, so sind doch diese eingeschlossen. Deshalb, so die Schlußfolgerung der Autorin: „Wer will sich anmaßen, anderen vorzuschreiben, wie das [also Trauerrituale etc.; SRK] auszusehen hat?" (S. 119-121)

 

All das zu den verschiedenen Gesagte trifft ja auch auf Deutschland zu. Deshalb dürfte gerade Sue Blacks Buch u.a. nicht zuletzt eine gute Argumentationshilfe für humanistische Organisationen bei ihrem Kampf für eine Entkriminalisierung der Sterbehilfe sein. Spricht doch hier mit Dame Sue Black ein Mensch, der aus täglicher Arbeitspraxis weiß, was menschliche Organismuen, ihr Sterben und Tod sind: Da spricht Wissenschaft kontra religiöse Dogmen und klerikalem Herrschaftsanspruch über die Gesellschaft.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Dame Sue Black: Alles was bleibt. Mein Leben mit dem Tod. Aus.d.Engl. S. m.Abb. geb.m.Schutzumschl. Dumont-Buchverlag. Köln 2018. 24,00 Euro. ISBN 978-3-8321-9576-2

 



 
27.09.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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