fowid über das Passageritual „Jugendweihe“ einst und heute

WEIMAR. (fowid/fgw) Die Jugendweihe ist ein weitgehend deutsches Phänomen. Fortschrittliche und selbstbewusste Bürger wollten im Ergebnis der „Aufklärung“ und im „Vormärz“ der Revolution von 1848/49 freier sein ihrer Religion. Sie erfanden für ihre Kinder eine Mündigkeitsfeier „bei erlangter Verstandesreife“ in der Familie. Das Fest sollte nicht so inhaltsleer verlaufen wie die damaligen Konfirmationen. Sie nannten ihr Ritual „Einführung in die Gemeinde“, „Kindereinführung“, „feierliche Einsegnung“ – oder eben „Jugendweihe“.


Ein Passageritual auf dem Prüfstand seiner Geschichte

 

Wie es begann

Der Name findet sich erstmals als Gedichtüberschrift in den Mitteilungen der Freien-Gemeinde-Halle für Nordhausen am 20. Mai 1852. Man kann durchaus berechtigt von einem kulturhistorischen Ereignis sprechen. Bis heute heißt die Feier „Jugendweihe". Daran haben auch Änderungen in „Jugendfeier" im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), zuerst 1989 bei den Freidenkern in Westberlin, nichts groß ändern können.

 

Einer der frühen Freigeister hieß Eduard Baltzer. Er lebte von 1814 bis 1887 und war Pfarrer in Nordhausen. Er gilt nicht nur als Vorkämpfer freien Denkens, sondern auch als Streiter für vegetarisches Essen. Das galt damals als kulturlos und undeutsch. Fleischloses Essen war eher ein Zeichen von Armut. Baltzer meinte nun aber, das Gebot fleischlos zu essen, stehe sogar in der Bibel. Für sein Konzept einer „natürlichen Lebensweise" reiste er durchs Land und schrieb zahlreiche vegetarische Kochbücher, die teilweise noch heute benutzt werden. Außerdem tat er sich als Turner hervor. Seinen Zeitgenossen erschien er als seltsamer Mensch und wurde wegen seiner freien Ansichten von einer Volksmenge fast erschlagen. Jedenfalls geht die Idee der Jugendweihe wohl weitgehend auf ihn zurück.

 

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Jugendweihe als freireligiöse und freidenkerische „Jugendaufnahme" in den freigeistigen Gemeinschaften Deutschlands üblich, ab 1900 zu einem freidenkerischen Fest der Arbeiterbewegung - in allen ihren Fraktionen, mit einer Hochzeit in der Weimarer Republik. Dabei blieben viele Bestandteile dieses Festes trotz wechselhafter Geschichte erhalten - bis heute. Doch die Ausrichter der Jugendweihen passten die Feierabläufe zugleich und ständig an die sich ändernden sozialen und politischen Voraussetzungen an. Sie orientierten sich dabei auch am Geschmack der jeweiligen Zeit. Auch änderte sich die Begleitumstände des Rituals, die großen spozialpolitischen und mit ihnen die ganz persönlichen, familiären.

 

Diese Historie wird im Folgenden kurz nacherzählt, wobei die Frage im Mittelpunkt steht: „Warum gibt es einen Bedarf an einem Passageritus, der weitgehend unverbindlich ist?"

 

Fest und Feier

Jedes Fest bedarf der Inszenierung. In ihnen zeigen sich Reichtum und Emotionalität im Gegensatz zum Alltag als der Sphäre des Zufalls, des Mangels, der Routine. Auch spontane Feiern folgen einer Dramaturgie, die ordnet und vor Chaos schützt. Deshalb sind Feste und Feiern gut organisiert. Sie bedingen Friedenspflicht, erfordern und erzeugen Rituale, setzen Symbole, transportieren Werte, bringen eine gefühlsmäßige „Aufladung" mit sich und vor allem Erlebnisse einer gesteigerten Körpererfahrung, sei es Freude, Trauer, Sexualität, Rausch, Kampf, Lachen, Schmerz, Weinen, Berühren, Trost, Glück ... In Fest und Feier ist die Freigabe des Exzesses in räumlicher und zeitlicher Begrenzung geregelt, der Rausch gezähmt, der Lärm beschränkt, das Spiel geordnet, die Teilnahme limitiert.

 

Wichtig an Fest und Feier ist die Mahlgemeinschaft, das Ereignis der Fülle an Speisen und Getränken sowie des geordneten Verlaufs des Essens, Trinkens und Zuprostens. In Kombination mit psychischer Entlastung, meist befördert durch geistige Getränke, darf man aus der Norm schlagen, werden Rollen getauscht, kann innere Versenkung ebenso stattfinden wie Aufwallungen des Gemüts und der Gebärden. Jedem Fest wohnt eine innere Dynamik sozialer Betätigung und Bestätigung inne, die Integration, Wert-, Zeit- und Sinnerfahrung stiftet und ausdrückt. Hier machen die Jugendweihen keine Ausnahme, auch wenn sie - wie jedes andere Fest - einen speziellen Verlauf hat.

 

Die Worte Festtag (festum), Feier (feria) sowie festlich und feierlich (festus) kommen aus dem Lateinischen. Das Wort „fest" hat im 9. Jahrhundert im Althochdeutschen den Sinn von hart, dicht, dauerhaft und kräftig. Als Substantiv bedeutet es im Mittelhochdeutschen des 13. Jahrhunderts „Feier", „Festtag" und „fröhliche Veranstaltung". „Feier" wiederum kommt von „fira" (ebenfalls althochdeutsch) und meint „Feiertag", „Ruhe" und „Fest". Fest und Feier werden nahezu synonym gebraucht...

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

 

Horst Groschopp

 

 



 
17.05.2017

Von: Dr. Horst Groschopp
 
 
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