fowid über die differierenden Vorstellungen von Humanismus

WEIMAR. (fowid/fgw) Die Vorstellungen von Humanismus differieren beträchtlich. Zwar gibt es wissenschaftlich begründete Ansichten über den Humanismus, aber keine allgemeine Übereinkunft. In der Bundesrepublik entstanden Anfang der 1960er Jahre die ersten organisatorischen Versuche einer erneuerten humanistischen Programmatik. Die Akteure nutzten dabei agnostische und atheistische Auslegungen des Humanismus, die in der 1952 gegründeten IHEU gepflegt wurden.


Die Auffassungen vom Humanismus sind historischen Einflüssen unterworfen, zumal es den Begriff selbst erst seit 1808 gibt, wahrscheinlich bereits einige Jahre früher in der Altertumswissenschaft. Damals war Humanismus ein mit der Antike argumentierendes pädagogisches Reformkonzept für die Höhere Bildung, publiziert 1808 durch Friedrich Immanuel Niethammer (1766-1848), der ein Jahr zuvor als bayerischer Zentralschulrat für die protestantische Kommission eine Lehrplanreform im neuhumanistischen Sinne durchgesetzt hatte.

 

Im Vorfeld der Revolution von 1848 geriet der Begriff in die Auseinandersetzungen der sich politisch teilenden „Junghegelianer" und in die Entstehung des Kommunistischen Manifestes von Friedrich Engels und Karl Marx. Das führt bis heute zu Auffassungen, der Humanismus sei damals schon an sein Ende gekommen. In den 1850er und 1860er Jahren erweiterte sich der Begriff und wurde rückübertragen auf kulturelle Epochen, die Renaissance, die Aufklärung; und dann noch weiter zurückgeführt und auf die Antike in einer Weise angewandt, dass man ihn heute von dort herleitet, oft mit der engführenden Pointe, dass der Humanismus und die Beschäftigung mit den alten Sprachen gleichzusetzen seien.

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Parallel zu den soeben angedeuteten Vorgängen (Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre) in der Bundesrepublik entstanden die ersten organisatorischen Versuche einer erneuerten humanistischen Programmatik. Die Akteure nutzten dabei agnostische und atheistische Auslegungen des Humanismus, die in der 1952 gegründeten IHEU gepflegt wurden. Der Zusammenhang von Humanismus, Aufklärung und Religionskritik erhielt damals in der Freidenkerbewegung eine Lesart, die dann zu Beginn der 1990er Jahre nach dem Ende des „Ostblocks" aufgegriffen wurde, um einen neuen organisierten Humanismus zu begründen.

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Es gibt Humanismus nur, wenn Menschen ihn denken und leben. Es gab ihn und er wurde befördert in Zeiten, da gab es noch keine „Konfessionsfreien". Ihn darauf zu beziehen, gar daran zu binden oder gar darauf zu reduzieren, ist neuesten Ursprungs und hat zur Voraussetzung, Humanismus als „Weltanschauung" zu verstehen, mit einem Schwerpunkt auf Aufklärung, Wissenschaft, Philosophie sowie Religions- und Kirchenkritik. In gewisser Hinsicht abstrahiert diese Konzentration - die vorzüglich den „säkularen Humanismus" stützt - von einem Humanismus-Verständnis, in dessen Mittelpunkt sich die Idee der Humanität befindet.

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Zusammenfassend kann man festhalten:

Erstens ist „‘Humanismus' ... eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche (Renaissance), eine Tradition (‘klassisches Erbe'), eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte eintritt, und ein Konzept von Barmherzigkeit, das humanitärer Praxis zugrundeliegt."

 

Zweitens stellt sich Humanismus als ein kulturelles Phänomen dar, das sich in den Dimensionen bewegt wie Religion. Doch er ist anders verfasst, etwa in den Begründungskonstruktionen, und er reicht darüber hinaus, ist umfassender. Humanismus stellt sich dar als Rechtspflege - etwa in der Humanisierung des Strafvollzugs -, als Solidaritätsprinzip in Gesellschaftsdiskursen und im Sozialstaatsdenken, als „Menschenheilkunde", die mehr ist als Humanmedizin und so ziemlich das Gegenteil von körperlicher und/oder seelischer Gesundung durch Heilseinflüsse.

 

Drittens äußert sich Humanismus als den Körper betonende und die Sinne bedienende Ästhetik, die auch die Gartenkunst und Esskultur einschließt. Man kann sogar sagen, dass Humanismus eine eigene Ikonographie ausgebildet hat, etwa in der Porträtkunst. (...)

 

Viertens hat der Humanismus auch seine Heroen hervorgebracht, etwa den „Humanisten-König" Henri Quatre, dessen „streitbarer Humanismus" immer wieder betont wird, so besonders bei Heinrich Mann (1871-1950).

 

Fünftens hat der Humanismus, wie jede kulturelle Bewegung, Gegner und Feinde, etwa den „Anti-Humanisten" Friedrich Nietzsche (1844-1900).

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

 

Horst Groschopp

 



 
18.07.2017

Von: Dr. Horst Groschopp
 
 
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