fowid über die Geschichte der deutschen Freidenkerbewegung

WEIMAR. (fowid/fgw) Ein Überblick über die Geschichte der Freidenker in Deutschland: Sie begann mit den Dissidenten des Mittelalters, die, freiere Religiosität erstrebend, in der Renaissance die Reformation in Gang brachten. Nach 1648 hießen alle tolerierten Religionsgemeinschaften außerhalb der Konfessionalität so, bis die Bezeichnung am Ende des 19. Jahrhunderts auf die Freidenker übertragen wurde. Diese übernahmen den Begriff als Selbstbezeichnung, so auch religionslose Atheisten und ethische Humanisten.


Dissidenten

Wer im Mittelalter außerhalb der Kirche stand, wurde zu einem Aussätzigen, denn Exkommunikation bedeutete die Reichsacht. Abweichler von den katholischen Dogmen galten als Häretiker. Diese brachten, freiere Religiosität erstrebend, in der Renaissance die Reformation in Gang. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 gestand Religionsfreiheit/Toleranz zu, aber nur den Landesherren und deren Familien.

 

Christliche Sondergruppen bezeichnete man seit dem Frieden von Warschau (pax dissidentium) 1573 als ‘Dissidenten‘ (Groschopp 2011), mit Anklang an die englischen ‘Dissenters‘, abgeleitet von dissidio (getrennt sein). Darunter fielen zunächst alle anerkannten polnischen Nichtkatholiken - Lutheraner, Reformierte, (orthodoxe) Griechen, Armenier -, aber nicht die Wiedertäufer, Sozinianer und Quäker.

 

Der Begriff ging mit dem Westfälischen Frieden von 1648 in die Amtssprache ein. ‘Dissidenten‘ hießen nun die nächsten fast 300 Jahre alle tolerierten Religionsgemeinschaften außerhalb der Konfessionalität (Katholiken, Protestanten) und des Judentums (Synagogengemeinschaften). Die Fürsten behielten das Recht, ‘abgespaltene‘ Gemeinschaften zu akzeptieren oder zu verbieten.

 

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Eine Abkehr von jeder kirchlichen oder kirchenähnlichen Organisation war bis zur Weimarer Verfassung 1919 nie vorgesehen - auch nicht im Austrittsgesetz von 1873, in dem erstmals juristisch nicht nur ‘abgetrennte‘ religiöse Gemeinschaften als Dissidenten eingestuft wurden, sondern auch diejenigen (§ 16), die „noch [sic!] keiner vom Staate genehmigten Religionsgesellschaft angehören" (Pfender 1930, S. 31). Man ging davon aus, dass weiterhin alle Menschen religiös organisiert sind. Massenhafte persönliche Religionslosigkeit ist im Wesentlichen ein Produkt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

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In Deutschland gab es 1914 bei einer Einwohnerzahl von 65 Millionen etwa 250.000 rechtlich definierte ‘Dissidenten‘, darunter etwa 80-100.000 ‘Konfessionslose‘. Annähernd 20-25.000 von ihnen waren in freidenkerischen Vereinen organisiert. Die größten Gruppen stellten die Monisten (6.750), die bürgerlichen Freidenker (6.000), die proletarischen Freidenker (5.000) und die ‘Mutterschützer‘ (3.500). Aus den Selbstauskünften dieser Organisationen errechnen sich zwar 32.000 Mitglieder, doch ist von etwa 10-20 Prozent Doppel- bzw. Mehrfachmitgliedschaften auszugehen. Sie wirkten vor allem im Rheinland und in Westfalen, in Hessen-Nassau, im Großherzogtum Hessen, in Baden, Württemberg, Hannover, in der preußischen Provinz Sachsen (heute Sachsen-Anhalt) und im Land Sachsen, in den thüringischen Staaten und in Schlesien - und vor allem in den großen Städten Berlin, Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg, Jena, München und Nürnberg sowie mit Abstrichen Breslau, Dresden, Düsseldorf, Leipzig und Stuttgart als Zentren.

 

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Freidenker

Erst durch die Freigabe des Zweifels verschwand die allgemeinste Ursache der Freidenkerei. Sie hat Friedrich Nietzsche 1880/81 so benannt, zeitgleich zur Gründung der ‘Brüsseler-Freidenker-Internationale‘ und des ‘Deutschen Freidenkerbundes‘, was ihm wohl unbekannt blieb: Es würden diejenigen zu Freidenkern, denen „schon ein Ausdenken und Aussprechen von verbotenen Dingen ... Befriedigung gibt (Nietzsche 1971, S. 29). Deshalb sind es zunächst „immer wieder Einzelpersonen, die als Freidenker auftreten" (Wild 1979, S. 262).

 

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Freidenkerbewegung

Die deutsche freidenkerische Bewegung entstand aus zwei gesellschaftlichen Bedürfnissen, die sich bündelten und zu unterschiedlichen Organisationsformen führten - bis heute im Spektrum von atheistisch, freigeistig, freireligiös, agnostisch oder humanistisch. Da ist zum einen der Wunsch nach Freiheit des öffentlichen Nachdenkens; zum anderen gibt es immer wieder diverse Interessen von Dissidenten hinsichtlich Bildung, Ritualen. Unter feudalen, vordemokratischen Herrschaftsformen war die Freidenkerbewegung vor allem kirchenkritisch, oft kirchenfeindlich. Es entwickelte sich daraus eine bis heute anhaltende Tendenz der Religionskritik, sodass im öffentlichen Leben diese mit ‘Freidenkerei‘ identifiziert wird, was innerreligiösen Zweifel weitgehend in den Bereich der Häresie verweist.

 

Aus der ursprünglichen Forderung nach Freiheit in der Religion wurde besonders nach Erscheinen Werkes von Charles Darwin ‘Über die Entstehung der Arten‘ 1859 ein Abschied von der Religion. Alle nun entstehenden Organisationen haben Nachfolger bis in die Gegenwart - und sei es als Restbestände. Parallel wurde aus libertärer freier Religiosität um 1900 ein kämpferisches sozialistisches Freidenkertum. Der politische und soziale Druck, unter dem die Dissidenten standen, beförderte 1906 die Gründung des ‘Weimarer Kartells‘ als ‘Zusammenschluß selbständiger Gesellschaften‘, die der (heute würde man ihn so nennen) Islamwissenschaftler Max Henning (1861-1927) kurz vor Kriegsausbruch dokumentierte (Henning 1914; Groschopp 2011, S.48 ff.). In der Novemberrevolution kamen Freidenker, so der Berliner Sozialdemokrat Adolph Hoffmann (1858-1930), kurzzeitig in Ministerverantwortung und unternahmen radikale Schritte, das Staat-Kirche-Verhältnis zu reformieren und im Bildungswesen Schule und Religion zu trennen (Groschopp 2009a)...

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

 

Horst Groschopp

 



 
05.04.2017

Von: Dr. Horst Groschopp
 
 
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