fowid über Kirche, Marketing und Membership Economy

WEIMAR. (fowid/fgw) Manchem erscheint die Verbindung von Kirche – als Organisation – mit Ökonomie und Marketing als unangebracht, da Kirche als religiöse und pastorale Organisation zwar auch auf ihre Finanzen achten müsse - aus der Notwendigkeit die Mitarbeiter und laufende Kosten zu bezahlen - aber sonst sei sie für Sinn, Glaube und Transzendenzbezug zuständig.


In diesem überaus hervorhebenswerten fowid-Beitrag aus der Feder Carsten Frerk heißt es u.a.:

 

Allerdings gibt es auch im kirchlichen Raum immer stärker Auffassungen, die Marketing-Prinzipien beachtet wissen wollen. Eine - an sich - naheliegende Auffassung. Allerdings sind die kirchlichen Ausarbeitungen dazu meist sehr eng geführt. (...)

 

Die Geschichte der Unternehmensmarke christliche Kirche lässt sich - in aller Kürze - auch in Begriffen des Marktverhaltens und des Marketings beschreiben.

 

Paulus von Tharsus, der sich nach einem Erweckungserlebnis für den maßgeblichen Apostel hält, startet eine feindliche Übernahme der Jesus-Gruppen, indem er die Zielgruppe erweitert (Jesus hatte nur beschnittene Juden als Adressaten), das Vertriebsgebiet ausbaut (Missionsreisen im Imperium Romanum) und Prinzipien aufstellt, die neu sind: Die Auferstehung Jesu, der Gehorsam vor der Obrigkeit, die Bezahlung der Priester, das Schweigen der Frauen. Während Petrus, so viel wir wissen, sich als Vorsteher der Gemeinde in Jerusalem, als Manager verhielt - Organisation, Qualitätssicherung und Risikomanagement - hatte Paulus offensichtlich Leadership Quality - Vision, Kommunikation und Begeisterung. Seine Genialität zeigte sich u. a. in der perfekten Beherrschung des Advertising, insbesondere des Direktmarketings in Mailings (Kettenbriefe an die Korinther, Galater, Epheser, u. a. m.) und in der Beeinflussung von Opinion Leadern vor Ort (Timotheus, Titus, Philemon). In seiner Kommunikation von unique leadership war das superiority statement für das Christentum konsequent.

 

Parallel entstand dazu in den ersten drei Jahrhunderten ein umfangreiches mission statement (Neues Testament) und wurde eine der größten positioning operations der europäischen Geschichte realisiert. Durch Produktpiraterie wird der beliebte Mithraskult (sol invictus) und die verbreitete Hores/Isis-Verehrung (als Jesus/Maria) inkorporiert. Unter dem Christusmonogramm PX (nicht mit dem lateinischen Kreuz) führte Kaiser Konstantin seine Legionen in die Schlacht, die man bekanntlich nicht mit Nächstenliebe gewinnt.

 

Insbesondere durch die Übernahme der heidnischen Feste - wie Weihnachten und Ostern - warf das Christentum die tradierte heidnische Spiritualität nicht über den Haufen, sondern dockte es an bestehende Gemeinschaften an. Eine effiziente Form des community marketing. Werbeagenturen bezeichnen diese Strategie des „Trittbrettfahrens" auch als movement marketing.

 

Konstantin verschaffte der christlichen Gemeinde 310 den offiziellen Marktzugang in Rom und Kaiser Theodosius 380 die Monopolstellung als Staatsreligion. Damit war die uniqueness erreicht und es begann die erfolgreiche Geschäftspartnerschaft zwischen Kirche und Staat.

 

Damit waren alle Elemente für eine erfolgreiche Konzeption der copy-strategy des Christentums beisammen. Wesentlich dabei waren: Der Consumer Benefit (das Versprechen der Gleichheit aller Menschen - allerdings nur vor „Gott"), die Unique Selling  Proposition (USP), das wesentliche Alleinstellungsmerkmal einer allumfassenden (katholischen) Staatsreligion, mit überzeugenden Testimonials (Jesus als Christus, Kaiser Konstantin und Kaiser Theodosius). Und das Reason Why war das Versprechen der Auferstehung von den Toten. Für alle.

 

Für die Kirche war die Bildung eines hierarchisch organisierten Klerus die Grundlage für den Geschäftsbetrieb ihres Machtwillens: Innerhalb der religiösen Gemeinschaft besteht eine Gruppe von geweihten Amtsträger mit priesterlichen Funktionen - die Kleriker -, die deutlich von den übrigen Gläubigen - den Laien - abgehoben sind. Basiskonzept ist dabei eine einfache, duale und robuste Unterscheidung, die auch Menschen verstehen, die nicht lesen und schreiben können (...)

 

Und es entsteht dadurch ein ungewöhnlicher Nebeneffekt - aus der Idee, dass alle Menschen Sünder seien -, gibt es auch für den Klerus keine Produkthaftung. Mit anderen Worten: Jeder Mensch macht Fehler, wird Sünder, und trägt keine Verantwortung für sein Handeln oder seine Versprechen, wenn er mit „Gott" wieder im Reinen ist...

 

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

 

(CF/SRK)

 



 
16.10.2018

Von: (CF/SRK)
 
 
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