fowid über Kirchenaustritte in Deutschland seit den 1960ern

WEIMAR. (fowid/fgw) Während in den 1960er Jahren Kirchenaustritte kaum eine Bedeutung hatten, sind diese seit Mitte der 1970er Jahre permanent gestiegen. Einzelne gesellschaftliche, insbesondere steuerliche „Ereignisse“, führten zu Austrittswellen, die ihre Spitzen 1970 (Konjunkturzuschlag / Mehrwertsteueränderung), 1974 (Stabilitätsabgabe), 1991 (Kirchensteuer in östlichn Bundesländern und Solizuschlag), 2010 (Missbrauchsskandal) und 2014 (Änderung der Kapitalertragsssteuer) hatten. Seit 1969 (evangelische Kirche) bzw. 1990 (katholische Kirche) liegen die Austrittszahlen jeweils über 100.000 Mitglieder.


Betrachtet man die Austrittszahlen aus der evangelischen und aus der römisch-katholischen Kirche in den Jahren vor der deutschen Vereinigung, also im früheren Bundesgebiet bis 1989, so ist zu erkennen, dass Austritte bis Ende der 1960er Jahre kaum eine Rolle gespielt haben. Im Zeitraum von 1970 bis 1975 sind dann sehr viel mehr Mitglieder aus ihrer Kirche ausgetreten, was sich 1975 zu einer stärker ausgeprägten Austrittswelle entwickelte. Die Austrittszahlen aus der evangelischen und katholischen Kirche weisen sehr ähnliche Muster auf, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.

 

Die Ursachen für die Zunahme der Austrittszahlen sind weniger in konkreten kirchlichen Vorkommnissen, sondern eher in „weltlichen" Gründen zu suchen. Insbesondere sind Änderungen der steuerlichen Seite der allgemeinen Ausgaben zu sehen, wie z. B. die Einführung/Erhöhung der Mehrwertsteuer im Jahr 1968 und des Solidaritätszuschlages 1991. Kirchenmitglieder, die sowieso schon ihre Bindung zur Kirche verloren hatten, haben diese Mehrbelastungen durch Austritt und damit durch Einsparung der Kirchensteuer kompensiert.

 

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre versuchten sich besonders junge Menschen von den Zwängen und Vorschriften der Kirche zu lösen und wendeten sich freieren Lebensformen zu. Der Zeitgeist der 68er Generation griff auf alle Gesellschaftsbereiche über und führte insbesondere bei der jungen Generation zu tiefgreifenden Werte- und Einstellungsänderungen.

 

Der große Anstieg der Austrittszahlen Anfang der 1990er Jahre hat seine Ursache in der Wiedervereinigung Deutschlands und der damit verbundenen Übernahme des westdeutschen Kirchensteuerrechts. Alle diejenigen, die bereits in der DDR aus der Kirche ausgetreten waren, sind nach der Wiedervereinigung wieder 'nominelle' Kirchenmitglieder gewesen, da ihr Kirchenaustritt von den Landeskirchen nicht anerkannt wurde. Somit sind diese dann nochmals kirchensteuerrechtlich in großer Zahl ausgetreten.

 

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Die jüngste Mitgliederbefragung der evangelischen Kirche (2014) lässt aber auch auf andere Ursachen schließen: Wer heute die Kirche verlässt, ruft auch nicht im stillen Kämmerlein nach Gottvater, Gottsohn oder dem Heiligen Geist.

 

„Der dargestellte Trend eines deutlichen Rückgangs der religiösen Sozialisation lässt durchaus gravierende Veränderungen in der künftigen religiösen Landschaft der Bundesrepublik erahnen. Fehlende religiöse Erfahrungen, kombiniert mit abnehmendem religiösem Wissen, führen möglicherweise dazu, dass vielen (gerade jüngeren) Menschen ein Leben ohne Religion als selbstverständlich erscheint und dass dementsprechend die Bereitschaft, wiederum eigene Kinder religiös zu erziehen, erkennbar sinkt."

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

(SFE)

 



 
04.04.2017

Von: SFE
 
 
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