fowid über Kirchenmitglieder und -austritte in der DDR

WEIMAR. (fowid/fgw) Ist der Rückgang der Kirchenmitglieder in den evangelischen Kirchen in der DDR vor allem durch die Zahl der Kirchenaustritte zu erklären? Falls nein, welche anderen Faktoren könnten eine Rolle gespielt haben? Wie haben sich die Kirchenmitglieder selber verhalten? Haben sie zu ihren Kirchen gestanden? Viele Fragen und keine hinreichende Datenbasis für detaillierte Analysen. Aber Antworten sind möglich.


Die Kirchenstatistiken in der DDR sind lückenhaft und häufig (sofern sie von den Kirchen stammen) übertrieben bzw. (sofern staatliche Stellen die Quelle sind) untertrieben. Der Religionssoziologe Detlef Pollack [promovierter evang.-luth. Theologe; SRK] hat in seinem Buch „Kirche in der Organisationgesellschaft. Zum Wandel der gesellschaftlichen Lage der evangelischen Kirchen in der DDR" (1994) die verfügbaren und belastbaren Daten zum 'Kirchlichen Leben in den Kirchen der DDR' veröffentlicht. Aus diesen Zahlen (und weiteren Berechnungen) lassen sich für die anfangs genannten Fragen auch Antworten formulieren.

 

Wie bereits in einer ersten Betrachtung zur Mitgliedschaftsentwicklung der evangelischen Kirchen in der DDR dargestellt, handelt es sich bei der Verringerung der Kirchenmitgliederzahlen nicht um eine schlagartige Veränderung in der Art, dass die SED befiehlt: „Kirchenaustritt!" und fünf Millionen Kirchenmitglieder treten aus der Kirche aus. Es ist ein kontinuierlicher Vorgang, auch wenn dies anfangs als „Welle" auftritt. (...)

 

Es muss also, im Zeitverlauf immer stärker werdend, eine Einwirkung geben, die gravierender als die Kirchenaustritte auf die Verringerung der Anzahl der Kirchenmitglieder wirkt.

 

Hinsichtlich des „Kirchlichen Lebens" sind es - statistisch registriert - drei Ereignisse, die auf die Anzahl der Kirchenmitglieder einwirken: die Kirchenaustritte, die Kircheneintritte (Taufen) und die Anzahl der Verstorbenen. Für die DDR kommt dazu noch eine weitere Komponente, die Auswanderungen in den Westen. (...) ...zeigt sich, dass nicht die Kirchenaustritte primär zur Verringerung der Kirchenmitglieder beitragen haben, sondern dass die zurückgehende Taufquote das wesentlichste Element war. (...)

 

Detlef Pollack fasst in seinem Buch „die Ursachen, die das Zustandekommen und den Verlauf des Umbruchs prägten" zusammen: (...) Das heißt, die Kirchen und die oppositionellen Gruppen unter dem Dach der Kirche waren nicht die Träger des Umbruchs in der DDR. Sie hätten einen solchen Umbruch, wie er sich tatsächlich vollzogen hat, niemals aus eigener Kraft herbeiführen können. Dazu standen sie zu weit abseits vom Machtzentrum der Gesellschaft und auch abseits von der Bevölkerung. Der Umbruch in der DDR kam zustande aufgrund des Zusammenwirkens einer Reihe von Faktoren, von denen einer - nicht der wichtigste - auch das Wirken von Kirchen und Gruppen war." (S. 454)

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

Carsten Frerk & Elke Schäfer

 



 
15.02.2017

Von: Dr. Carsten Frerk & Elke Schäfer
 
 
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