fowid über Konfessionen in den deutschen Volkszählungen

WEIMAR. (fowid/fgw). Volkszählungen sind wie genaue Momentaufnahmen der formalen Religionszugehörigkeiten. Alles andere sind Fortschreibungen und Schätzungen. Aber in dem Vergleich dieser Momentaufnahmen zeigen sich auch (dynamische) Veränderungen, zum Beispiel im Vergleich der Altersgruppen und Geburtenjahrgänge. Und es lässt sich recht genau feststellen, seit wann und inwiefern es Veränderungen im Religionsgefüge in Deutschland gibt.


Die Konfessionen

Seit 1871 werden in Deutschland nationale Volkszählungen durchgeführt, in denen auch die Religionszugehörigkeiten der Bevölkerung erfasst sind. Während die Mitgliederzahlen der beiden großen Körperschaften (Evangelisch - heute - EKD bzw. Römisch-Katholisch) durchgehend vorhanden sind, geht es bei den kleineren Religionsgesellschaften und aktuelleren Entwicklungen ziemlich durcheinander, wer wie gezählt und zugeordnet wird. Beispiele:

 

1900 werden in der Volkszählung detailliert 222 verschiedene Religionsmerkmale erfasst, die dann zu fünf Hauptkategorien zusammengefasst werden: I. Christen (98,7 Prozent) mit 1. Evangelisch (49 Denominationen), 2. Katholisch (mit 29 Untergruppen), und 3. Andere Christen (mit 89 Denominationen) II. Israeliten (ohne weitere Untergliederungen, 0,1 Prozent), III. Bekenner sonstiger nicht christlicher Religionen (mit 14 Konfessionen, 0,0 Prozent), IV. Personen anderen Bekenntnisses (0,02 Prozent mit 21 Gruppen, darunter Freidenker, Cogitanten, Atheisten, ohne Religion, Konfessionslose, Humanisten, Naturalisten) sowie V. Ohne Angabe des Religionsbekenntnis (0,01 Prozent).

 

(...)

 

In der Volkszählung 1950 gab es: Angehörige... der Evangelischen Kirche in Deutschland (49,6 Prozent), der freikirchlichen evangelischen Gemeinden (1,0), der abendländischen romfreien katholischen Kirchen (0,05), der morgenländischen-katholischen Kirche (0,1), zusammen: 50,7 Prozent. Angehörige der römisch-katholischen Kirche (45,8 Prozent), der jüdischen Religionsgemeinschaft (0,03), anderer Volks- und Weltreligionen (0,007), sowie Freireligiöse und Freidenker (3,2).

 

(...)

 

1970 werden die Ergebnisse der Volkszählung in der Veröffentlichung nur in den üblichen fünf Kategorien dargestellt (Evangelische Kirche, Römisch-Katholische Kirche, Jüdische Religionsgemeinschaft, Sonstige Religionsgemeinschaften, Gemeinschaftslos). Aus dem dazu gehörenden Schlüsselverzeichnis wird jedoch deutlich, dass die Anzahl der erfassten Bekenntnisse erheblich größer ist: „Evangelische Kirche (ohne Freikirche), evangelische Freikirche, römisch-katholische Kirche, sonstige christliche Gemeinschaften, jüdische Religionsgemeinschaft, gemeinschaftslos, sonstige religiöse Gemeinschaften, ohne Angaben." Die „sonstigen religiösen Gemeinschaften" erfassen dann in einer eigenen Frage: Orthodoxe Kirchen und Sondergruppen („Sekten"), Orientalische Nationalkirchen und Sondergruppen, Katholisches Bistum der Altkatholiken in Deutschland, Adventisten, Bibelforscher und verwandte Gruppen, Christengemeinschaft, Christliche Wissenschaft (Christian Science), Katholisch-apostolische, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mennoniten), Neuapostolische Kirche, Pfingst- und Heiligungsbewegung, sonstige christlich orientierte Sondergemeinschaften [altkatholische Kirche und verwandte Gruppen / altkatholische ausländische Kirchen], andere Volks- und Weltreligionen, Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands, Religionsgemeinschaft deutscher Unitarier, Monisten und Freidenker, sonstige Weltanschauungsgemeinschaften [freireligiöse Weltanschauungsgemeinschaften / Theosophen und Anthroposophen / Lebensreformer], keine Angabe."

 

Abgesehen von falschen Zuordnungen (z. B. anstatt der Mormonen werden die Mennoniten genannt) und der Fragwürdigkeit das noch 1970 nach „Lebensreformern" gefragt wird, stellt sich die Frage, wer festlegt, dass diese Religionsgemeinschaften erfasst werden?

 

1987 werden bei der Volkszählung hinsichtlich der Religionszugehörigkeit ausschließlich erfasst: „Römisch-katholische Kirche, Evangelische Kirche, Evangelische Freikirche, Jüdische Religionsgesellschaft, Islamische Religionsgemeinschaft, andere Religionsgesellschaft, keiner Religionsgesellschaft rechtlich zugehörig". Das Besondere war die Frage nach der Zugehörigkeit zum Islam. Es war das erste und einzige Mal, dass diese Frage in einer Volkszählung in Deutschland gestellt wurde. Die bestehende religionspolitische Frage: Wie viele Konfessionsfreie und wie viele Muslime gibt es und welche Merkmale haben sie?, wurde angenommen und beantwortet.

 

Eine Genauigkeit und ein Interesse, die im registergestützten Zensus 2011 wieder verloren gehen. Es werden nur die Mitglieder der religiösen Körperschaften des öffentlichen Rechts dargestellt, untergliedert nach Evangelisch, Römisch-Katholisch, evangelische Freikirchen, Orthodoxe, sonstige Christen, Jüdische Gemeinden. Die große Unbekannte, weil alles ‚in einen Topf geschmissen wird‘ - und das sind mehr als ein Drittel der Wohnbevölkerung -, sind alle Personen, die rechtlich keiner dieser Religionsgemeinschaften zugehören, also die Konfessionsfreien, die Muslime, Hindus, Buddhisten, u.v.a.m. ...

 

Mehr dazu auf der Webseite der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.

 

 

Carsten Frerk

 



 
15.01.2018

Von: Dr. Carsten Frerk
 
 
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