Franziska-„Franz“, die Herzogin und der „Arme Konrad“

WEIMAR. (fgw) Mit „Tribut der Schande“ hat Silvia Stolzenburg nun den zweiten Band ihrer Trilogie um die 17jährige Franziska Hochperger, eingebettet in den Aufstand des „Arme(n) Konrad“, vorgelegt. Erzählt werden hier Geschehnisse im Herzogtum Württemberg zwischen Anfang Mai und Anfang August des Jahres 1514.


Der Roman beginnt mit einer Hinrichtungszene... Doch das ist nur ein Alptraum, aus dem Franziska schweißgebadet erwacht. Nein, sie ist nicht zum Tode verurteilt worden und sitzt auch nicht in der Todeszelle. Vielmehr widerspiegelt sich darin das Mitansehen-müssen der Hinrichtung ihres Vaters und ihres Verlobten Martin. Real ist, daß sie und ihr Freund Jakob wieder halbwegs genesen sind, nachdem beide das Opfer von Schergen wurden. Franziska lebt nunmehr als vorgeblicher Vetter Franz im Hause des Winzers Jakob. Dank ihres knabenhaften Aussehens fällt das auch keinem aus dem Gesinde auf.

 

Jakob und Franziska sind aktive Mitglieder einer Stuttgarter Gruppe der Aufstandsbewegung „Der arme Konrad"; wie anderswo in Württemberg „Kanzlei" genannt. Die Rebellion greift angesichts der neuen Abgabenforderungen des verschwenderischen Herzogs Ulrich immer mehr um sich. Also wollen die Stuttgarter Verbindung zu umliegenden „Kanzleien" aufnehmen. Obwohl noch nicht vollständig genesen, übernimmt „Franz" diese Aufgabe - trotz aller Warnungen Jakobs. Der begleitet sie dann doch, um sie zu schützen. Nach wie vor ist Franziska von Rachegefühlen beseelt. Sie will wissen, wer für den Tod von Vater und Verlobtem verantwortlich ist und für den Überfall auf sie und Jakob. Bei einem eigenmächtigen Erkundungsgang gerät sie in die Hände eines Schergen der Herzogin Sabina und wird von diesem in deren Residenz Urach gebracht. Doch - welch Überraschung: Sie wird nicht getötet! Stattdessen will sich die Herzogin ihrer bedienen, um ihrem Gemahl Ulrich zu schaden. Die Herzogin händigt ihr sogar Geld für Waffen des „Armen Konrad" aus.

 

Es brodelt immer weiter. Bei Ausflügen in Stuttgarts Umgebung wird Franziska Zeuge, wie sich Bauern zusammenrotten, Forderungen an den Herzog formulieren und gemeinsame Aktionen verabreden. Allerdings sind die Auständischen voller Illusionen. Sie fühlen sich angesichts ihrer Zahl siegessicher, glauben Gott an ihrer Seite... Genährt werden diese Illusionen auch dadurch, daß sich die Landsknechte ihnen gegenüber zurückhalten und herzogliche Beamte in den Dörfern beschwichtigend auf die Bauern einwirken. Im Gegensatz dazu ist Franziska realistischer und voller Zweifel, ob denn wirklich ein Aufstand siegen würde. Insbesondere der naive Gottesglaube nährt ihre Zweifel, hatte doch „Gott" ihrem Vater und ihrem Verlobten nicht beigestanden. Es kommen auch noch Zweifel anderer Art auf: War ihr Martin wirklich unschuldig? Jakob weiß mehr über Martin, traut sich jedoch nicht, dies Franziska mitzuteilen.

 

Der Aufstand kulminiert, der Herzog nimmt einige seiner Maßnahmen zurück. Und wendet sich an den Kaiser und andere Fürsten, ihm mit Truppen zu Hilfe zu kommen. Das städtische Patriziat, die sogenannte Ehrbarkeit, ist damit besänftigt und läßt Stadtarmut und Bauernschaft in Stich. Ulrich würde am liebsten alle Aufständischen hinmetzeln lassen. Doch seine Ratgeber warnen ihn, denn wer würde sonst die Felder bestellen und Abgaben leisten? Franziska hat ihrer „Kanzlei" letztlich doch mitgeteilt, daß sogar die Herzogin an iher Seite sei. Doch - warum meldet diese sich nicht mehr? Fragen über Fragen, auf die Franziska keine Antwort findet. Nun, seinerzeit gab es ja keine modernen Kommunikationsmittel, und so weiß das einfache Volk nicht, daß die Herzogin eine Todgeburt hatte und selbst mit dem Tode ringt.

 

Währenddessen kommen sich Franziska und Jakob immer näher. Beide werden sich ihrer Liebe bewußt, doch Franziska wehrt sich dagegen. Sie fühlt sich - bedingt durch pfäffische Indoktrination in der Kirche - als Sünderin. Sie gesteht Jakob in ihrer Not sogar ihre Schändung durch einen Adligen. Sie will Jakob mit ihrer „Sünde" nicht belasten. Ihn nicht auch der Hölle preisgeben. Doch seine Liebe ist stärker und er bewerkstelligt sogar eine heimliche kirchliche Trauung. Damit muß Franziska aber auch gegenüber dem Gesinde als Frau vorgestellt werden.

 

Derweil übt sich der Herzog im Übertölpeln der Aufständischen. Mit dem sprichwörtlichen Zuckerbrot hat sich die Bewegung aber nicht eindämmen lassen. Also wird nun wieder mit gnadenloser Gewalt vorgegangen. Bei einer großen Zusammenkunft der Auständischen, zu der auch Franziska und Jakob geeilt sind, schlägt die Obrigkeit zu. Unzählige werden niedergemetzelt, unzählige auch gefangen genommen. Franziska kann schwer verwundet von Vertrauten gerettet werden, doch Jakob - ebenfalls verwundet - fällt in die Hände der Landsknechte, in den Kerker geworfen und der Folter unterzogen. Ihm drohen Todesurteil und Hinrichtung. Franziska gesundet in einer Freien Reichsstadt allmählich. Sie und andere arbeiten an der Rettung Jakobs. Doch wie kann das geschehen? Franziska hält das Warten nicht mehr aus, sie will zurück nach Stuttgart. Begleitet von Jakobs Freund Simon macht sie sich auf den Weg. Und stößt vor den Toren der Stadt auf eine barbarische Situation: einige der Auständischen werden unter grausamer Folterung hingerichtet, hunderte gebrandmarkt. Ist Jakob unter ihnen?

 

Damit endet der zweite Band, entläßt den Leser im Ungewissen. Wird es ein glückliches Ende für die beiden jungen Menschen geben? Kann es überhaupt ein glückliches Ende nehmen? Denn die Geschichtsschreibung vermeldet ja ganz objektiv, daß dieser Aufstand - wie auch zehn Jahre später der große Bauernkrieg - letztlich scheiterte. Die Herren schlugen gemeinsam gnadenlos zu und nieder, egal ob katholisch oder protestantisch. Und das unter dem Beifall des sogenannten Reformators Martin Luther, ja sogar, noch von diesem angestachelt. Nein „Gott" war auch damals nicht bei den einfachen Leuten! Seine Priester waren und sind - mit einigen wenigen Ausnahmen - dagegen stets an der Seite der Herren...

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Tribut der Schande. Historischer Roman. 380 S. Taschenbuch. Tinte&Feder Amazon Media. Luxemburg 2020. 9,99 Euro. ISBN 978-2-49670-400-6

 



 
03.02.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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