Franziska, Württembergs Herzog Ulrich und der »Arme Konrad«

WEIMAR. (fgw) Silvia Stolzenburg hat jetzt den ersten Band einer weiteren historischen Trilogie vorgelegt. Dieser führt den Leser zurück in den Sommer und Herbst des Jahres 1513. Schauplatz ist Stuttgart, die Hauptstadt des Herzogtums Württemberg.


Zu jener Zeit regierte hier Ulrich (1487-1550) als dritter Herzog der früheren Grafschaft Württemberg. Seine Regentschaft gliederte sich in zwei Perioden; 1498-1515 und 1534-1550. Verheiratet war er mit Sabina aus der bayerischen Herzogsfamilie.

 

Kriegszüge und ganz besonders Ulrichs aufwendiger höfischer Lebensstil verschlangen große Summen. Im Jahr 1514 soll das Defizit etwa 70 Prozent der Staatseinnahmen entsprochen haben. Deshalb sah Ulrich sich veranlaßt, neue außerordentliche Steuern zu erheben. Die geplante Vermögenssteuer wurde aber auf Betreiben der sogenannten Ehrbarkeit (= städtische Patrizier) in eine allgemeine Verbrauchssteuer auf Nahrungsmittel umgewandelt. Die Kostenlast hatte nun fast allein die arme Bevölkerung zu tragen.

 

Die Proteste gegen Ulrichs Herrschaftsstil führten zum Aufstand des »Armen Konrad«. So nannte sich ein Bündnis des »Gemeinen Mannes«, insbesondere gebildet von Bürgern der Landstädte. Durch die Hilfe der Ehrbarkeit gelang es dem Herzog aber, die Aufstände niederzuschlagen.

 

Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte, in deren Mittelpunkt die 16jährige Franziska »Franzi« Hochperger, Tochter eines zur Ehrbarkeit zählenden Weinhändlers steht.

 

Ihr Verlobter Marin erwacht, noch sturzbetrunken, eines Morgens in einem Wirtshaus neben dem im Blute schwimmenden Sohn des Bürgermeisters. Er muß vor den Nachtwächtern fliehen und eilt daher zum Anwesen seines zukünftigen Schwiegervaters. Doch der liefert ihn aus. Gegen Martin wird Anklage wegen Mordes erhoben. Und es vergehen kaum zwei Tage, da wird auch gegen Franziskas Vater Anklage wegen Beihilfe erhoben. Es kommt, wie es damals kommen mußte. Unter Folter gestehen beide Männer. Franziska kann, will es nicht glauben und ist von deren Unschuld überzeugt. Gegen das Urteil wird Einspruch eingelegt. Ihr wird geraten, sich an den herzoglichen Rat Rudolf von Ehingen zu wenden, der dem Obergericht angehört, und über ihn eine Begnadigung zumindest des Vaters zu erreichen. Dieser Ehingen hört Franziska an, aber nur, um sich diese sexuell gefügig zu machen. Natürlich wird das Urteil auch in zweiter Instanz bestätigt. Franziska fühlt sich nicht nur von Ehingen hintergangen, sondern sie muß auch noch der Hinrichtung von Vater und Verlobten beiwohnen.

 

Und zugleich wird das Vermögen ihres Vaters beschlagnahmt und dem Bürgermeister bzw. dessem zweiten Sohn übereignet. Franziska wird damit schnurstracks aus dem Elternhaus geworfen. Mittel- und obdachlos muß sie sich fürs erste als Bettlerin durchschlagen. In ihr nimmt aber der Plan immer mehr Gestalt an, selbst nach dem Mörder zu suchen.

 

Eines Tages läuft sie dem herzoglichen Marschall Thumb von Neuenburg über den Weg. Dieser war einst Kunde ihres Vaters. Der Marschall zeigt sich gnädig und stellt sie als Magd seiner Tochter in Dienst.

 

In der Zwischenzeit war Franziska aber ungewollt Zeugin einer Beichte von Herzogin Sabina geworden. So erfuhr sie, daß deren Tochter die Frucht einer außerehelichen Affäre ist. Die Herzogin wird des Mädchens auch gewahr und vermutet in ihr eine Spitzelin des Herzogs. Pech für Franziska: Denn Ursula, die Tochter des Marschalls, ist die Geliebte des Herzogs... Und auch hier wird sie Zeugin eines Gespräches, in welchem der Herzog seiner Geliebten ein Verbrechen gesteht. Aber erneut wird sie entdeckt, kann jedoch entkommen. Nunmehr aber sind sowohl Herzog als auch Herzogin auf Jagd nach dieser unliebsamen Zeugin.

 

Und dann ist da noch Jakob, ein Weinbauer, Freund aus Kindertagen. Der war wie Martin in das Mädchen verliebt. Die jedoch hatte Martin auserwählt. Jakob allerdings weiß um dessen Schwächen, wie Spielsucht und Hurenhäuser. Doch Franziska will solches nicht wahr haben und weist Jakobs Hilfeangebot zurück. Doch jetzt, als die allgemeine Hatz auf sie eröffnet ist, sucht sie endlich Unterschlupf bei Jakob.

 

Nach wie vor will sie Gerechtigkeit, nun aber auch Rache. Jakob ist willens, der geliebten Franziska zu helfen. Sie nimmt endlich die ausgestreckte Hand an. Beide forschen nun gemeinsam, aber auch getrennt. Welches kann das Mordmotiv gewesen sein? Eigentlich kann es nur um Geld bzw. Schulden gegangen sein. Und bezüglich des Vaters könnte Konkurrenzneid vorgelegen haben. Doch vor allem: Wer war bzw. waren der/die Täter? Nach einigen vagen Hinweisen verdichtet sich der Verdacht, daß zu diesem Komplott auch Ehingens Sohn gehört.

 

Voller Naivität, fast immer unbedacht und leichtsinnig, begibt sich Franziska auf Spurensuche. Ebenso Jakob. Doch ihnen lauern immer öfter vermummte Männer auf, die schließlich Jakob fast zu Tode prügeln.

 

Während ihrer Nachforschungen hatte Jakob das Mädchen auch in einen geheimen Zirkel eingeführt. Diesem gehören zahlreiche Angehörige des mittleren Bürgertums an, die sich gegen die verschwenderische Willkürherrschaft des Herzogs zur Wehr setzen. Bevor sich diese aber offen manifestieren kann - eben im »Armen Konrad« - endet der vorliegende erste Band.

 

Silvia Stolzenburg weiß um die Gefahren, die das Schreiben eines historischen Romans mit sich bringt. Gerade wenn es da um einen Mordfall und dessen Aufklärung geht. Echte Belege für damaliges Handeln, Denken, Reden und Sptechen sowie ggf. »Recherchieren« gibt es ja keine... Also muß notgedrungen Heutiges in die damalige Zeit transportiert werden. Daß das im vorliegenden Projekt nicht in Fantasy abgleitet, liegt u.a. daran, daß Ulrich, Sabina, Ursula und Vater oder Ehingen historisch verbürgte Personen sind. Fiktive Figuren wie Franziska oder Jakob dienen dazu, vergangene Zeiten zu illustrieren und nachvollziehbar zu machen.

 

Wie mag es weitergehen? Der erste Band endet ja im Frühjahr 1514 und nicht nur mit der Tatsache, daß Jakob den Anschlag und eine riskante Rettungsoperation wohlbehalten überstehen kann. Denn Franziska bilanziert:

 

„Sie war kein kleines Mädchen mehr. Sie war eine Rächerin, ein Mitglied des »Armen Konrad«, und sie würde den Herzog und seine Handlanger bezwingen, koste es, was es wolle!" (S. 360)

 

Nebenbei, der Rezensent kam ins Schmunzeln bei einer Passage auf Seite 16, wo es mit Blick auf die Pest-Epidemie elf Jahre zuvor heißt:

 

„»Das ist der Sold der Sünde!«, hatte der Priester in der Stiftkirche gewettert., als immer mehr Stuttgarter der Pest zum Opfer gefallen waren. »Tut Buße und fleht um Vergebung!«

 

Eine Woche später war er in einem Sarg zum Gottesacker getragen worden, genau wie Franziskas Mutter und ihre Geschwister."

 

Silva Stolzenburg hat das im ersten Quartal des Jahres 2019 zu Papier gebracht. Wie prophetisch! Denn ab März 2020 salbadern Pfaffen aller Konfessionen angesichts der Corona-Pandemie mit fast den selben Worten... Und hoffen auf Missionierungserfolge...

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Tribut der Sünde. Historischer Roman. 368 S. Taschenbuch. Edition Tinte & Feder. Luxemburg 2020. 9,99 Euro. ISBN 978-2-49670-397-9

 



 
06.04.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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