Frauen sind nicht die besseren Menschen, sind nicht nur Opfer

WEIMAR. (fgw) Im Jahre 2018 - zwei Jahre nach dem Erscheinen ihres BDSM-Thrillers „Eine Nachtmär“ - hat die Autorin mit dem Pseudonym Ananke eine Fortsetzung dieser Geschichte vorgelegt. Deren Titel „Clair de Lune“ ist doppeldeutig. Nimmt sie doch zum einen Bezug auf die neue Protagonistin Claire und zum anderen ist sie ein Wortspiel mit Bezug auf ein wesentliches Moment im weiteren Geschehen: Denn der französische Begriff „clair de lune“ bedeutet Mondschein.


Bevor der Inhalt dieses Bandes im Kern gestreift werden soll, ist aus Sicht des Rezensenten eine Vorbemerkung angebracht:

 

Gendernde Emanzen wollen Frauen nur als Opfer grundsätzlich böser Männer sehen und dazu haben sie für sie auch noch eine besondere Kategorie erfunden: das soziale Geschlecht. Dabei übersehen sie - gewollt oder ungewollt, daß Frauen einfach nur Menschen sind, also biologische Wesen wie Männer auch. Beider Persönlichkeiten werden durch genetische Anlagen, soziales Umfeld, gesellschaftliche Verhältnisse und individuelle Erziehung geprägt. Niemand ist also per se gut oder böse. Und - wenn Frauen Macht erhalten, dann gebrauchen bzw. mißbrauchen sie diese nicht anders als Männer. Mitunter sogar noch perfider... Beispiele dafür aus Politik und Wirtschaftsleben gibt es ja zuhauf.

 

Man erinnere sich: Der namenlose „Herr" aus Band 1 ist zu Tode gekommen. Seine junge Witwe Claire hatte ohne Verzug das Zepter im Haus des Grauens übernommen. Sie ist nunmehr Herrin und Protagonistin. Die bisherige Protagonistin, die eingangs noch Linda hieß, ist nach wie vor nur ein lebendes Spielzeug (die Mohnblume) - jetzt aber allein Claires. Mohnblumes Transformation ist weiter forciert worden; durch exzessiven Körperschmuck. Bei solcher Zurichtung fühlt man sich fast an die Ansinnen heutiger Transhumanisten erinnert.

 

Mittlerweile sind fünf Jahre ins Land gegangen, in denen Claire sich weitere lebende Spielzeuge zugelegt hat: „die Lerche" - eine junge Afrikanerin - sowie Jessica („die Magd"). Und dann hat sie auch noch Lorenz, den einstigen Handlanger des „Herrn", als „Wächter" in ihre Dienste genommen. Allerdings wurde dieser auf ihr Geheiß hin auf radikalste Weise kastriert. Claire muß sich in diesen Jahren aber auch noch anderweitig mit Männern verlustiert haben, was aber zu keinen dauerhaften Zugängen geführt hat. Sie langweilt sich und sucht daher nach einem neuen lebenden Spielzeug, nach einer wirklichen Herausforderung.

 

Bei einem Opernbesuch wird sie fündig. Sie entdeckt Robert, einen attraktiven und kultivierten Schwarzen. Wie aber kann sie ihn sich gefügig machen? Überzeugungskraft allein dürfte nicht genügen. List, Hinterlist wohl auch nicht. Also muß Heimtücke her.

 

Robert ist zunächst schockiert, aber auch fasziniert beim Anblick von Claire und ihren „Spielzeugen". Er will wissen, warum Claire so ist. Er selbst ist zartfühlender Natur und voller Hoffnung, ein Wesen wie Claire doch noch zum Guten bekehren zu können. Also zu (Herzens-)Nähe und Menschlichkeit.

 

Und so schlägt er ihr eine Wette vor und mit „Die Wette" ist dann auch der erste Teil überschrieben:

 

„Ich werde versuchen, dich zu berühren - dich wirklich zu berühren - und du kannst austesten, ob du mir Leid zufügen kannst." (S. 11) Denn Robert ist dieser festen humanen Überzeugung: „Ich kann mir nicht vorstellen, das Leid das Einzige sein, was dich glücklich macht." (S. 17)

 

Der Leser ahnt es, Robert sollte sich in dieser Hinsicht schmerzlichst irren.

 

Der Wetteinsatz ist klar: Sollte Robert gewinnen, wird Claire die Frau an seiner Seite. Sollte er aber verlieren... Dazu soll an dieser Stelle Claire zitiert werden:

 

„Claire lächelt. 'Siehst du, du bist so stark. Und du hast Vertrauen in mich - Vertrauen, daß ich dich - irgendjemanden - lieben könnte.' Gedankenverloren blickt sie in die Ferne. Ich muß es dir einfach beweisen... muß dir beweisen, daß du dich irrst. Danach lasse ich dich vielleicht sogar gehen.'" (S. 26)

 

Und Claire beginnt nicht nur damit, selbst oder durch die Hand ihres Wächters Robert unmenschlichen Torturen auszusetzen. Sie läßt ihn auch zuschauen, wie sie ihre Spielzeuge zu malträtieren weiß und wie sich an deren Leiden ergötzt.

 

Doch Robert ist stark: „In seiner Miene erkennt sie Angst, Todesangst sogar, und den mittlerweile allgegenwärtigen Schmerz, doch die gebrochene Resignation, die sie erwartet hat, bleibt aus. (...) immer noch fehlt in seinem Blick jene haßerfüllte Kapitulation, nach der es sie verlangt, das ach so kostbare Eingeständnis seiner Niederlage. (...) Doch was sie auch tut, sie kann in seinen braunen Augen nichts erkennen als Schmerz und reines Leid. Der Funken des Zorns, der nur allzu verständliche Haß, nach dem sie Ausschau hält, bleibt aus." (S. 41 - 43)

 

Claire steigert die Torturen, doch „Robert ist so weit wie nur je davon entfernt, sich von ihr brechen zu lassen. Unmerklich schüttelt Claire den Kopf. Woher schöpft Robert nur die Kraft, sich ihrer Grausamkeit entgegenzustellen?" (S. 55)

 

Und an solchen Passagen wird deutlich, wodurch sich die beiden Ananke-Bände unterscheiden. In der „Nachtmär" blieb die Gefühlswelt des „Herrn" voll und ganz im Dunkeln. Was trieb ihn an? Warum war er Sadist? Hatte er überhaupt Regungen außer seinem Sadismus? Zweifelte er nicht wenigstens ab und an mal an seinem Tun? Diese Fragen blieben unbeantwortet, zumal ja der Leser das dortige Geschehen mit den Augen Lindas wahrnimmt. Claire ist in der Konfrontation nicht mehr bloß unergründliche „Oberfläche", sondern dem Leser öffnen sich erste Einblicke in die Abgründe ihres Seelenlebens. Die ja nun sogar winzigste Zweifel offenbar werden lassen. Aber, diese Zweifel kommen letztlich doch nicht zum Tragen.

 

Beide gelangen so zu Einsichten, wenngleich ohne Folgen:

 

„'Gib auf, flüsterte sie ihm zu. 'Gib zu, daß du verloren hast - daß du mich niemals berühren kannst. Dann werde ich dich gehen lassen und der Albtraum ist vorbei.' (...) Robert atmet schwer. (...) Er weiß, daß er Claire verabscheuen sollte, hassen für das, was sie ihm Verlauf der letzten Tage angetan hat. (...) Nun ist der Moment gekommen, sich einzugestehen, daß er Claire falsch eingeschätzt hat - daß sich hinter dem blonden Engelsgesicht ein kalter unnatürlicher Dämon verbirgt." (S. 61)

 

Aber Robert hat noch nicht alle Hoffnung verloren, vielleicht doch noch an Claires Herz zu rühren. Und so schlägt er eine Fortsetzung der Wette vor, allerdings mit einem anderen Arrangement:

 

„'Das ist mein Angebot: ich bleibe bei dir und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang kannst du mit mir tun und lassen, was du willst. Doch während der Stunden der Nacht gehörst du mir und du wirst mir erlauben, dich zu berühren.' (...) 'Ich werde nicht von hier verschwinden und dich deiner Selbstgefälligkeit überlassen.' (...) 'Du weißt nur, was du anderen antun kannst. Aber ob du wirklich die bist, die du zu sein glaubst, kannst du erst wissen, wenn du Zärtlichkeit erfahren hast. Erst dann weißt du, ob du wirklich so unberührbar bist, wie du dich gibst.'" (S. 63)

 

Und damit beginnt der zweite Teil „Tag und Nacht" mit einem fortwährenden Wechselspiel zwischen hart und zart. Doch je zärtlicher sich Robert im Mondschein bemüht, um so brutaler werden die Torturen, die er bei Tageslicht erleiden mußt. Claire hofft zu sehr, daß er ihr das alles mit gleicher Münze heimzahlt. Doch da irrt sie sich und das irritiert sie, denn einem solchen grundgütigen Menschen ist sie zuvor nie begegnet. Und sie muß sich zu ihrem Leidwesen eingestehen, daß wider Willen ihr Körper, ihr Geschlecht auf Zärtlichkeiten reagiert: „Sie will aufschreien, aus Zorn darüber, daß ihr Körper sie derart hintergeht, aus Zorn auf Robert, der zärtlich zu ihr ist, wo er grausam sein sollte, der ihr Zuneigung schenkt, wo sie sich Strafe und schmerz ersehnt." (S. 116)

 

Und so geht es hin und her, steht die Wette auf „unentschieden". Bis Claire eines Tages diesem Spiel ein Ende setzt. Sie setzt sich über beider Abmachung hinweg, so daß Robert erkennen muß: „'Du spielst nicht fair.' (...) Langsam, zäh wie Honig wird ihm klar, daß ab diesem Moment keinerlei Regeln zwischen ihnen gelten. Die Erkenntnis schnürt ihm die Kehle zu." (S. 127)

 

Und was nun folgt, das soll weitestgehend unerzählt bleiben, ist doch der dritte Teil mit „Der Sieg" getitelt. Die physischen und mehr noch die psychischen Torturen, denen Robert ausgesetzt wird, überschreiten nun jedes Maß, fast jede menschliche Vorstellungskraft. Das führt sogar zu etwas völlig Neuem in Claires Reich: Denn die weiblichen „lebenden Spielzeuge" bitten ihre Herrin um Gnade! Bei aller Demut ein erstes Zeichen von Auflehnung und von Mit-Menschlichkeit. Robert seinerseits bleibt er selbst, als die Frauen vor seinen Augen gefoltert werden und will ihr Opfer nicht annehmen. Sie sollen nicht für ihn leiden.

 

Robert fragt seine Quälerin, warum sie denn so ist, warum sie so geworden ist - bekommt aber keine Antwort. Aber da kommt ihm die Erkenntnis: „Diese Frau kennt keine Grenzen. (...) Es ist gerade diese Angst, die ihr besser schmeckt als alles andere - die Möglichkeit, Furcht und Panik zu sehen und zu erleben, wie ihre Geschöpfe sich ihr in aller Todesangst unterordnen." (S. 156)

 

So funktioniert, auf den Punkt gebracht, Herrschaft über Menschen, wenngleich diese Frage hier literarisch ins Extrem zugespitzt beleuchtet wird. Das mag nicht wenige schockieren - obwohl ja nur fiktive Handlung, doch das sollte man aushalten können. Denn bestialische Grausamkeiten bis hin zu schlimmsten medizinischen Experimenten kennt die Welt ja leider real.

 

Und daher ist es löblich, daß die Autorin brutal ehrlich erzählt, nicht in ein verlogenes Moralisieren verfällt und dem Leser es überläßt, selbst Antworten auf solche Grundfragen menschlichen Seins zu finden.

 

Ananke konnte, so die Meinung des Rezensenten, diese überaus extreme BDSM-Geschichte nur deshalb schreiben und lesbar machen, weil sie sich hier mehr noch als im ersten Band des Fantasy-Genres bediente. Fantasy eben bedarf keiner Fabelwesen. Fantasy liegt hier vor durch das Nichtbeachten von Raum und Zeit und das Negieren gesellschaftlicher Konventionen. In Band 2 kommt nun auch noch das Negieren von Naturgesetzen hinzu. Treffendstes Beispiel dafür ist „Mohnblumes" Körperschmuck...

 

Zum sprachlichen und erzählerischen Vermögen der Autorin wurde bereits in der Nachtmär-Rezension alles gesagt. Es sei nur hinzugefügt, daß Ananke auch im Folgeband das Niveau halten - und sogar noch steigern - konnte. Eigentlich bedarf diese Geschichte um Linda-Mohnblüte, Claire und Robert eines Folgebandes. Aber welchen Inhalts: Ein Ende mit Schrecken, also die Katastrophe? Oder eine Lösung, die Rettung für alle darstellen könnte?

 

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Ananke: Clair de Lune. Roman. 184 S. Taschenbuch. Elysion-Verlag. Leipzig 2018. 9,90 Euro. ISBN 978-3-96000-073-0

 



 
16.01.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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