Friedrich Nietzsche ermittelt. Wirklich? Nein, nur Fiktion!

WEIMAR. (fgw) Dies ist eines der Bücher, die durch Titel und Klappentext überaus neugierig machen, deren Inhalt aber die Erwartungen des Lesers nicht erfüllen. Gemeint ist Wolfgang Bortliks Roman „Allzumenschliches. Friedrich Nietzsche ermittelt“.


Wolfgang Bortliks Roman hat zweierlei zum realen Hintergrund: Zum einen den (Basler) IV. Kongreß der Internationalen Arbeiter-Assoziation vom 6. bis 11. September 1869. Zum anderen des noch nicht 25jährigen Friedrich Nietzsches Berufung als Außerordentlicher Professor für klassische Philologie an die Universität Basel, die in eben jenem Jahre 1869 erfolgte.

 

Beide Realien werden von Bortlik in einer rein fiktiven Geschichte zusammengeführt, was zwar eine durchaus gute Idee ist, was aber beim historisch gebildeten Leser doch nur zum Ärgernis führt.

 

Was nun spielt sich zwischen dem 6. und 12. September 1869 Bortliks Phantasie zufolge in Basel ab? Just zu dieser Zeit wird ein Polizeispitzel am Flußufer erschlagen aufgefunden. Dieser Mann sollte den Arbeiterkongreß „beobachten". Prominentester Teilnehmer des Kongresses ist übrigens der russische Anarchist Michael Bakunin (1814 - 1876). Ihm hat man einen jungen Basler Industriearbeiter als Begleiter resp. Leibwächter beigegeben.

 

Und gerade jener wird nun des Mordes bezichtigt. Die Anklage erhebt einer der reichsten Basler Fabrikherren persönlich beim Stadtoberhaupt. Eigentlicher Anlaß: Dessen Tochter hatte sich just in diesem kurzen Zeitrahmen in den jungen Arbeiter verliebt. Beide wurden sogar ein Paar... Wie so etwas in nur Stunden möglich sein könnte - die Antwort darauf bleibt Bortlik schuldig.

 

Der mit den Ermittlungen beauftragte Polizeihauptmann ist und bleibt ob des Tatvorwurfes skeptisch, muß aber den Vorgaben des Bürgermeisters Folge leisten. Zugleich bitten die Fabrikantentochter und eine ihrer Freundinnen, bei welcher Nietzsche inzwischen zu Klavierabenden eingeladen wird, den Professor um Mithilfe. Der zögert zunächst, willigt dann aber ein. Sowohl der Polizeibeamte als auch der Professor kommen unabhängig voneinander zum selben Schluß: Der junge Mann ist unschuldig. Wer aber könnte der Täter sein und was dessen Motiv? Man vermutet, zu Recht, den Mörder im privaten Umfeld des Toten und rein private Motive.

 

Dem Leser wird das durchaus plausibel, doch in der fiktiven Geschichte bleibt das offen, kann nicht bewiesen werden... Auch das ist enttäuschend, unbefriedigend. Gerade, weil Bortlik durchaus gut erzählen kann.

 

Was aber dennoch für den Wert dieses Romans spricht, sind zwei Faktenbereiche: Durchaus realistisch beschreibt der Autor die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit im „demokratischen" Basel, wo nur acht Prozent der Einwohner das Wahlrecht hatten. Er stellt in aller Deutlichkeit das abgehobene Leben der patrizischen Oberklasse den prekären Lebensverhältnissen der von ihnen im 12-Stunden-Tag ausgebeuteten Industrie-Proletarier gegenüber. Und zum anderen erfährt man, daß die elitäre Basler Universität seinerzeit gerade mal um die 100 Studenten zählte und daß die Vorlesungen der Professoren daher auch nur von sieben bis neun Studenten besucht wurden. Kein Vergleich zu den heutigen Massen-Universitäten.

 

Die Krimi- und Liebesgeschichte hat der Rezensent schon bald nach Ende der Lektüre vergessen, denn sie berührt einfach nicht. Hängen geblieben sind jedoch o.g. historische Fakten. Immerhin.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Wolfgang Bortlik: Allzumenschliches. Friedrich Nietzsche ermittelt. Roman. 250 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2551-6

 



 
25.06.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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