Frühe deutsch-albanische kulturpolitische Beziehungen

WEIMAR (fgw) Dazu hat der ostdeutsche Historiker Prof. Dr. Erwin Lewin in alten Akten recherchiert und einen diplomatischen Bericht zu den deutsch-albanischen kulturpolitischen Beziehungen aus dem Jahr 1930 gefunden. Diesen referiert er - nach einer ausführlichen Einführung in das Thema - im folgenden; wobei hier auf die Wiedergabe der Fußnoten verzichtet wird:


Als die Provisorische Regierung nach der Gründung des unabhängigen albanischen Staatesim November 1912 ihre Tätigkeit aufnahm, standen Bildung und Entwicklung des Schulwesens ganz obenan: „Nur durch wirkliche Bildung", erklärte der erste Fachminister, „kann unsere Nation wiederaufleben und wieder auf die Beine kommen und sich das Recht erwerben, in die Reihen der zivilisierten Völker einzutreten."

 

Das war angesichts der von den Verbündeten in den Balkankriegen 1912/13 ausgehenden existentiellen Bedrohung für denjungen Staat eine zukunftsorientierte Entscheidung. Die Regierung knüpfte damit an die Idee der Rilindja -(Wiedergeburt) Vordenker aus dem 19. Jahrhundert von einem System für kostenlose Bildung an, das von der Grundschule über Hochschulen und Universitäten bis zur Schaffung einer Akademie in der künftigen Hauptstadt reichen sollte. Die materiellen Voraussetzungen reichten indessen anfangs nur für den kostenlosen Unterricht an den Grundschulen, aber nicht für höhere Schulformen aus.

 

Einen wesentlichen Berührungs- und Orientierungspunkt stellte neben den in Europa,namentlich in Westeuropa, erreichten Ergebnissen auf dem Gebiet von Wissenschaft und Kultur auch der deutsche Kulturraum dar, von dem Impulse ausgingen. Der deutschsprachige Literatur- und Wissenschaftsbetrieb zeigte im Unterschied zur deutschen Außenpolitik, die erst nach dem I. Weltkrieg eigene wirtschaftliche und politische Ziele verfolgte, frühzeitig Interesse an Sprache und Geschichte der Albaner in den von ihnen besiedelten Gebieten.

 

Die Einordnung des Albanischen als eine indoeuropäische Sprache durch den Nordisten, Albanologen und Romanisten Johann Thunmann oder Georg von Hahn und andere deutschsprachige Forscher hat dazu beigetragen, eine eigene kulturhistorische und nationale Identität im Lande herauszubilden.

 

Der Beitrag deutscher Wissenschaft und Kultur wurde daher in der albanischen Öffentlichkeit und unter Intellektuellen traditionell hoch geschätzt. Die Zahl derjenigen, die die deutsche Sprache beherrschte, war nicht gering. Noch größer war die Zahl derer, die nach einer Schulbildung in Deutschland strebten. Das ging zurück auf die positiven Ergebnisse, die mit dem österreichisch-ungarischen Kultusprotektorat vor dem I. Weltkrieg, vornehmlich in Nordalbanien verbunden waren, sowie darauf, dass in den von Österreich-Ungarn besetzten Gebieten während des Krieges die Schulpflicht eingeführt und an den Schulen auch die deutsche Sprache als Fremdsprache gelehrt wurde. Erfolgreiche Arbeit leistete seinerzeit der von der Militärverwaltung eingesetzte albanische Unterrichtsdirektor Luigj Gurakuqi. Der deutsche Gesandte Erich von Luckwald sprach diesbezüglich später anerkennend von der verdienstvollen „altösterreichischen Vorarbeit."

 

Der vorliegende Bericht vermittelt einen Einblick in die Anfänge deutsch-albanischer kulturpolitischer Beziehungen. Wenngleich die Kulturpolitik kein Schwerpunkt der deutschen Albanienpolitik war - dieser wurde hauptsächlich von Handels- und Wirtschaftsinteressen und während der deutschen Besatzung des Landes in den Jahren 1943-1944 durch militärische Ziele bestimmt - lässt sich das Vorgehen der deutschen Diplomatie seit der völkerrechtlichen Anerkennung Albaniens im Mai 1922 recht gut nachvollziehen.

 

Die konkrete Zusammenarbeit im kulturpolitischen Bereich vollzog sich im Wesentlichen auf zwei Ebenen: Zum Einen dadurch, dass junge Albaner die Möglichkeit erhielten, eine Schul-respektive Hochschulbildung in Deutschland wahrzunehmen. Und zweitens durch die Verbreitung und Pflege der deutschen Sprache in Albanien. Im Mai 1924 übergab die deutsche Vertretung in Tirana eine Verbalnote an das albanische Außenministerium, in der eine Reihe von Erleichterungen für albanische Studierende an deutschen Hochschulen in Aussicht gestellt wurde. So war u. a. bei Entrichtung von Hochschulgeldern vorgesehen, lediglich einen geringen Aufschlag von 30 Goldmark (37,60 Goldfranken) pro Semester zu erheben. Erst 1937 wurde die Bezahlung von Schulgeld für Ausländer einheitlich geregelt.

Danach hatten diese nur den Betrag zu entrichten, den deutsche Studenten zahlten. Anfang 1925 empfahl die Gesandtschaft dem Auswärtigen Amt in Berlin, „Freistellen für albanische Schüler in Deutschland" bereitzustellen. Wie aus dem Dokument ersichtlich, konnten zunächst viele Bewerber die Chance nutzen und an österreichischen und deutschen Bildungseinrichtungen studieren.

 

Aus der beträchtlichen Zahl der etwa 130 Albaner, die in der Zwischenkriegszeit im deutschsprachigen Raum ausgebildet worden sind, seien hier nur einige genannt:

 

Der Historiker Aleks Buda (1910-1993); er studierte in Salzburg und Wien von 1929-1935 und war nach dem II. Weltkrieg ein international anerkannter Repräsentant der albanischen Wissenschaft. 1946 gehörte er zu den Mitbegründern des Instituts der Wissenschaften und 1978 der Albanischen Akademie der Wissenschaften, an deren Spitze er als erster Präsident bis zu seinem Tode stand.

 

Der Linguist Eqrem Cabej (1908-1980), herausragender Vertreter der albanischen Sprache und Kultur, der sich nach seinen Studien in Klagenfurt, Graz und Wien als Spezialist der historischen Sprachwissenschaft profilierte.

 

Der Agrarwissenschaftler Dalip Zavalani (1901-1948) studierte von 1923-1929 in Bonn und Berlin und promovierte 1937 an der Berliner Universität.

 

Dass sich der Kultur- und Wissenschaftsaustausch keineswegs einseitig gestaltete, belegen solche Namen wie der des weltbekannten albanischen Bühnenkünstlers Aleksandër Moisiu (1879-1935), der viele Jahre unter Max Reinhardt in Berlin wirkte. Albert Bassermann hat dem großen Künstler 1935 während der Trauerfeierlichkeiten den Ifflandring überlassen.

 

Der deutsche Geologe Herbert Louis (1900-1985), einer der führenden Geomorphologen, begleitete 1923 Ernst Nowak auf einer Studienreise in Albanien. Er promovierte 1925 mit einer landeskundlichen Arbeit „Beiträge zur Landeskunde des albanischen Epirus", die 1927 in Stuttgart erschien.

 

Dennoch finden sich in den Quellen immer wieder Gesuche albanischer Landsleute, die aufgrund ungenügender finanzieller Mittel sich außerstande sahen, die Gebühren für ein Studium aufzubringen. Deutsche Stiftungen wie der Deutsche Akademische Austauschdienst e. V. übernahmen teilweise zwar die Kosten für die Ausbildung, stellten aber weitere finanzielle Leistungen, insbesondere für Aufenthalts- und Lebenskosten, nicht in Aussicht. Der Fonds für Kulturpropaganda im Auswärtigen Amt war wie verschiedentlich bemängelt wurde, von anderen Ländern so stark in Anspruch genommen, dass für Albanien kaum noch Mittel übrigblieben.

 

Im Hinblick auf die Verbreitung und Pflege der deutschen Sprache und Kultur im Land waren die Bedingungen durchaus nicht ungünstig. Fürsprecher wie der namhafte Pädagoge und langjährige Leiter der Lehrerbildungsanstalt in Elbasan Aleksandër Xhuvani (1888-1961) setzten sich dafür ein, moderne Lehrmaterialien sowie Studienprogramme aus Deutschland für den Unterricht nicht nur an den Grundschulen, sondern auch an anderen Schulformen und Bildungseinrichtungen im Land zu nutzen. Wie der Gesandte Radolf von Kardorff in einem Schreiben an die Deutsche Akademie München belegte, wurde deutscher Sprachunterricht fakultativ am Lyzeum in Korça in 6 Klassen zusammen 18 Unterrichtsstunden pro Woche, am Gymnasium in Shkodra in 3 Klassen 9 Unterrichtsstunden sowie am Gymnasium des Franziskanerordens in Shkodra 9 bis 12 Unterrichtsstunden pro Woche erteilt. So nahmen allein in der nordalbanischen Stadt bis 1936 159 Schüler freiwillig am Deutschunterricht des staatlichen Gymnasiums teil.

 

Allerdings waren die Möglichkeiten durch die „Unzulänglichkeit der für das Unterrichts-ministerium zur Verfügung stehenden Mittel" eingeschränkt. Das in der Tat ziemlich stiefmütterlich ausgerüstete Ressort Unterricht und Bildung hatte damit zu tun, dass die Lehrerschaft und auch die Beamten des Ministeriums während der Junirevolution 1924 gegen die Regierung unter Ahmet Zogu aufgetreten waren. Jedenfalls war es nach dessen Rückkehr an die Macht im Januar 1925 aufgelöst worden. Bis 1927 bestand lediglich eine Generaldirektion im Ministerium für Öffentliche Arbeiten, erst im Sommer des Jahres wurde das Ministerium wieder eingerichtet, weil es große Klagen über die Vernachlässigung des Unterrichtswesens gab.

 

Andererseits ist nicht zu übersehen, dass der Hinweis der diplomatischen Vertretung, Pflege und Ausbau deutscher Kultur in Albanien würden auch „finanzielle Opfer von deutscher Seite rechtfertigen", wohl nicht genügend beachtet worden ist. Das wurde offensichtlich, als in den dreißiger Jahren die Zahl der Schüler, die in Albanien die deutsche Sprache erlernten, zurückging. Symptomatisch dafür ist ein Bericht des Gesandten Eberhard von Pannwitz vom Januar 1938. Darin vertrat er die Auffassung, man könne in Albanien, das „kulturell wohl zurückgebliebenste Land Europas", überhaupt noch nicht von Kulturpolitik sprechen, vielmehr gehe es um „Politik, darauf gerichtet, Zivilisation zu verbreiten." Entsprechend empfahl er, „gelegentlich" Stipendien an Schüler oder Studenten zum Studium in Deutschland zu vermitteln und die Franziskaner in Shkodra bei der Erteilung deutschen Unterrichts zu unterstützen.

 

Dagegen verwandte man mehr Aufmerksamkeit darauf, Material über NS-Jugendführerkurse bereitzustellen oder albanische Jugendliche für Internate der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten zu gewinnen. Der albanische Bildungsminister Nush Bushati verhielt sich allerdings zur Teilnahme junger Albaner an HJ-Führerkursen und zur Entsendung von HJ-Führern aus dem Reich reserviert.

 

Wenngleich Gelder aus Berlin eher zögerlich flossen, wurden dank der Hartnäckigkeit der Gesandtschaft Büchersendungen für die Stadtbibliotheken in Tirana, Elbasan und Shkodra bewilligt sowie direkte finanzielle Zuwendungen für eine Schülerbibliothek des Gymnasiums der Franziskaner in Shkodra erreicht. Zu einer festen Tradition entwickelte sich in den Jahren der Weimarer Republik spätestens seit 1929 die von der Zentralstelle für deutsche Auslandsbüchereien im Auswärtigen Amt (die spätere Mittelstelle für deutsches Auslandsbüchereiwesen) organisierte Versendung von Buchprämien für gute Leistungen in der deutschen Sprache und zum Zweck der Förderung deutscher Sprachstudien. Auf diese Weise gelangten jährlich bis zu 20 Bücher an albanische Schulen, an Klubs wie den Klub der Intellektuellen in Elbasan und andere Einrichtungen.

 

Zu den Titeln gehörten Nachschlagewerke wie Brockhaus und Duden, Bildbände über Deutschland, die Märchen der Brüder Grimm und Werke Goethes, Schillers, Thomas Manns oder Eichendorffs. Die in Gjirokastra erscheinende Zeitung „Demokratia" schrieb im September 1932 anlässlich des 100. Todestag von J. W. Goethe, dass seine Werke ein gemeinsames Gut der ganzen Kulturwelt sind: „Auch für Albanien ist Goethe längst kein Fremder mehr."

 

Versucht man ein Fazit der deutsch-albanischen kulturpolitischen Beziehungen im genannten Zeitraum zu ziehen, ergibt sich ein differenziertes Bild. Positiv war, dass sich deutsche Kulturpolitik, anknüpfend an historische Traditionen, auf Bedürfnisse und Wünsche der albanischen Regierung einstellte. Doch erscheinen das in dem Bericht entworfene Konzept und die Vorschläge widersprüchlich. Einerseits wird davon gesprochen, sich unter Aufwendung bescheidener Mittel auf erreichte Positionen zu beschränken. Tatsächlich konnten wegen „leerer Kassen" nicht alle Initiativen und Vorhaben verwirklicht werden.

 

Beispielsweise scheiterte der Versuch, Bewerber aus Deutschland als Sprachlehrer für die deutsche Sprache zu gewinnen daran, dass die finanziellen Mittel für eine staatliche Anstellung im Land fehlten. Eine Übernahme der Kosten für einen Sprachlehrer durch deutsche Regierungsstellen oder andere Einrichtungen wurden erst gar nicht in Betracht gezogen. Zugleich wird in dem Dokument vor einer Verdrängung deutscher Positionen gewarnt und dringend angemahnt mehr zu tun, um geistig-kulturellen Einfluss nicht zu verlieren.

 

Neben dem wiederholt von beiden Seiten beklagten finanziellen Aspekt ist dafür auch ein politischer Faktor anzuführen. Die deutsche Außenpolitik betrachtete Albanien nach der Niederlage des Kaiserreiches 1918 lange Zeit bis in den II. Weltkrieg hinein als Einflusszone Italiens und suchte dort eine Konfrontation mit italienischen Interessen zu vermeiden.

 

Besorgt verwiesen deutsche Diplomaten - auch im vorliegenden Bericht - darauf, dass von italienischer Seite keine Mittel gescheut wurden, um durch Schulgründungen im Land und die Aufnahme Hunderter junger Albaner an Institute und Hochschulen in Italien den eigenen Einfluss zu stärken. Im Vergleich zu den vielen albanischen Schülern und Studenten nahm sich der deutsche Anteil dagegen bescheiden aus.

 

Bei aller gebotenen Zurückhaltung kann zusammengefasst werden, dass historisch durchaus Bausteine für Brücken gelegt worden sind, die sich auch für die künftigen kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern als tragfähig erweisen sollten.

 

 

Deutsche Kulturpropaganda in Albanien

Die in den an den Reichsfinanzrat Dr. Boethke in München gerichteten Schreiben des Herrn Hellmuth Bertram in Skutari enthaltenen Angaben über das albanische Schulwesen und über die Wertschätzung, die hier der deutschen Kultur und der deutschen Wissenschaft entgegengebracht wird, treffen im Wesentlichen zu.

 

Durch das lebhafte Interesse, das schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Österreich-Ungarn aus politischen Gründen an den Verhältnissen in Albanien nahm, sind starke deutsche Kultureinflüsse in Albanien zur Wirksamkeit gelangt. Die Doppelmonarchie hatte in den Jahren vor dem Weltkriege nennenswerte Mittel aufgewendet, um jungen Albanern durch die Aufnahme an österreichischen Mittelschulen, an Lehrerbildungsanstalten und Priesterseminaren eine europäische, deutsche Bildung zu vermitteln. Als während des Weltkrieges etwa zwei Drittel Albaniens von Österreich besetzt waren, wurden hier fast 200 Volksschulen, 3 Bürgerschulen, 2 Handelsschulen und 2 Lehrerbildungskurse errichtet. An fast allen diesen Schulen wurde Deutsch als Unterrichtsgegenstand gelehrt. Auch durch die unmittelbare Berührung des Albanertums mit den deutsch-österreichischen Besatzungstruppen ist der deutsche Einfluss gestärkt worden und gewachsen. Der für die Mittelmächte unglückliche Ausgang des Krieges bedeutete zwar das Ende der für Albanien segensreichen österreichische Aufbauarbeit, konnte jedoch die inzwischen in Albanien verbreiteten deutschen Kultureinflüsse nicht dauernd vernichten.

 

Nach der Wiederherstellung der vollen Unabhängigkeit Albaniens hat die Albanische Regierung ihr Augenmerk auf die weitere Pflege der deutsch-albanischen kulturellen Beziehungen gerichtet. Neben der Berufung von Ingenieuren und Fachleuten aus Österreich und dem Reich hat sie eine Anzahl junger Albaner zum Studium an Mittel- und Hochschulen nach Österreich und Deutschland entsandt. Die Zahl der auf Staatskosten im Reich und in Österreich studierenden Albaner betrug in den einzelnen Schuljahren

 

1919/20 = 36

1920/21 = 45

1921/22 = 49

1922/23 = 56

1923/24 = 63

1924/25 = 68

1925/26 = 71

1926/27 = 80

1927/28 = 92.

 

Außerdem eigneten sich auch zahlreiche junge Albaner auf eigene Kosten in Österreich oder im Reich deutsche Bildung an. Genaue Angaben über deren Zahl fehlen allerdings. Die Zahl der an deutschen Mittel- und Hochschulen studierenden Albaner hat sich leider in den letzten Jahren stark vermindert.

 

Nach Angabe des albanischen Unterrichtsministeriums studieren zurzeit

a) in Österreich als Staatsstipendiaten 41 und auf eigene Kosten 14 Studenten,

b) in Deutschland als Staatsstipendiaten 2 und auf eigene Kosten 4 Studenten,

also zusammen nur 61 Studenten.

 

Die Bevorzugung der österreichischen Lehranstalten vor den deutschen ist teilweise auf die engen, vor dem Kriege bestehenden kulturellen Beziehungen Albaniens zu Österreich, hauptsächlich jedoch darauf zurückzuführen, dass die Lebensführung und das Studium in Österreich einen viel geringeren Kostenaufwand erfordert als in Deutschland.

 

Der Rückgang des Studiums von Albanern an Schulen in Österreich und im Reich ist in erster Linie durch die lebhafte Kulturpropaganda verursacht, die Italien seit dem Abschlusse des albanisch-italienischen Freundschaftsvertrages unter Aufwendung erheblicher Mittel hier betreibt. Der italienischen kulturellen Durchdringung Albaniens dient vor allem die Gewährung zahlreicher Freiplätze für Albaner an italienischen Schulen, mittelbar auch die Organisationsarbeit in der albanischen Armee und in den nach italienischem Vorbild aufgestellten Jugendformationen.

 

Gegenwärtig sollen mehrere hundert junge Albaner an italienischen Mittel-, Gewerbe-, Hochschulen und Militärinstituten vollkommen oder wenigstens zum erheblichen Teile auf Kosten der Italienischen Regierung studieren. Im Heere sind rund hundert italienische Offiziere eingestellt, während etwa 70 Italiener als Lehrer und Instrukteure in den Militärschulen und bei den Jugendformationen tätig sind.

 

Weniger glücklich ist Italien allerdings in seinem Bestreben gewesen, auf das Schulwesen in Albanien selbst Einfluss zu nehmen. Aus nationalen wie aus politischen Gründen hat bisher jede albanische Regierung den dahin zielenden italienischen Wünschen zäh und erfolgreich widerstanden.

 

Wenn sich im Allgemeinen auch feststellen lässt, dass die Erfolge der italienischen Kulturpropaganda in Albanien keineswegs im Einklang mit den dafür aufgewandten Mitteln stehen, so muss doch auf Grund der heute bestehenden Lage mit einem stetigen Anwachsen des kulturellen Einflusses Italiens in Albanien gerechnet werden. Gleichzeitig damit würden die kulturellen Beziehungen Albaniens zum übrigen Ausland, wenn sie keine Förderung von außen erfahren, allmählich ausgeschaltet werden. Eine weitere Gefahr erwächst dem deutschen kulturellen Einfluss in Albanien aus dem Bestreben anderer Staaten, wie Frankreichs und der Nordamerikanischen Union, ihre durch bisherige kulturpolitische Arbeit in Albanien gewonnene Stellung weiter auszubauen.

 

Nicht allein ideale, sondern auch praktische Beweggründe lassen es als sehr wünschenswert erscheinen, der drohenden Verdrängung des deutschen kulturellen Einflusses in Albanien und dem Aufhören der bisher lebhaften geistigen Beziehungen Albaniens zu Deutschland nach Möglichkeit vorzubeugen. Es ist zweifellos möglich, dieses Ziel durch eine verstärkte kulturpolitische Tätigkeit des Reiches unter Aufwendung verhältnismäßig bescheidener Mittel zu erreichen.

 

Die Aufgabe einer deutschen Kulturpropaganda in Albanien liegt natürlich nicht in der Bekämpfung und Zurückdrängung des italienischen Einflusses; sie kann und darf sich vielmehr nur darauf beschränken, die bisherige Position des Deutschtums zu erhalten und zu verstärken. Jede weiter gehende Propaganda würde auf den energischsten Widerstand Italiens stoßen und voraussichtlich auf dessen Druck hin von der albanischen Regierung verhindert werden.

 

Als erstes und wichtigstes Mittel zur Durchführung einer deutschen Kulturpolitik in Albanien kommt die Verbreitung der deutschen Sprache in Betracht.

 

Der Albaner ist auf die Erlernung und Benutzung einer abendländischen Kultursprache angewiesen. Da die deutsche Sprache bereits seit vielen Jahren in Albanien, vorzugsweise in Nordalbanien stark verbreitet ist, wird es unschwer möglich sein, auch ohne die Aufwendung größerer Geldsummen die weitere Verbreitung der deutschen Sprache fördern zu können. Neben der Stärkung, die die albanisch-deutschen kulturellen Beziehungen durch die Verbreitung und Vertiefung der Kenntnis der deutschen Sprache erfahren, kommt der Förderung der deutschen Sprache auch mittelbar dem deutschen Außenhandel zugute.

 

Durch die laufende Unterstützung des Franziskaner-Gymnasiums in Skutari ist ein wertvoller Stützpunkt für die Förderung der deutschen Sprachkenntnisse in Albanien geschaffen worden. Eine Fortsetzung dieser Unterstützung, gegebenenfalls deren Erhöhung um etwa 1000 Mark für das Jahr dürfte vorläufig zur Erfüllung der vorbezeichneten Aufgabe genügen.

 

Zu einem späteren geeigneten Zeitpunkt würde es sich allerdings empfehlen, auf die frühere Anregung der Gesandtschaft (Bericht vom 8. Juli 1928 Nr. 630) zurückzukommen und die Einstellung von einigen ganz oder teilweise von deutscher Seite zu besoldenden deutschen Lehrern an zwei bis drei albanischen Mittelschulen zu veranlassen.

 

Eine Förderung der deutschen Sprachkenntnisse erfolgt auch durch eine kostenlose Verteilung deutscher Bücher und Zeitschriften. Die Gesandtschaft gibt daher laufend die meisten der ihr zugehenden Zeitschriften an verschiedene interessierten albanische Stellen und Personen ab.

 

Da es wiederholt vorkommt, dass von albanischer Seite um eine bestimmte Zeitung oder ein Buch ausdrücklich gebeten wird, die Beschaffung durch das Amt jedoch Schwierigkeiten verursacht, wäre die Gesandtschaft dankbar, wenn ihr ein kleiner, aus einigen hundert Mark bestehender Dispositionsfonds zur Bestreitung dieser und ähnlicher geringer Ausgaben zur Verfügung gestellt werden könnte. Aus diesem Fonds wären dann auch kleinere Spenden und Beiträge an verschiedene kulturelle albanische Organisationen (Vereinigung der im Ausland studierenden Albaner u. a. m.) zu leisten.

 

Im Hinblick auf den Rückgang der Zahl der an deutschen Schulen studierenden Albaner erscheint es dringend notwendig, auf diesem Gebiet sofort etwas zu tun, um eine völlige Abwanderung der albanischen Studenten von den deutschen Mittel- und Hochschulen zu verhindern. Neben der Verbreitung der deutschen Sprache in Albanien ist das Studium in Deutschland zweifellos das geeignetste Mittel, Albanien kulturell zu durchdringen. Um daher den Besuch der deutschen Schulen durch junge Albaner wieder zu heben, halte ich es für dringend erforderlich, durch die Gewährung von Stipendien einen Anreiz zum Studium im Reich zu geben. Auch hier genügt vorerst eine bescheidene Summe von einigen tausend Mark, zumal da nach dem hiesigen Dafürhalten am Anfang zweckmäßigerweise nur Teilstipendien zu erteilen wären, damit auch die albanische Unterrichtsverwaltung veranlasst würde, ihrerseits wieder in größerem Maßstab als bisher albanische Studenten zur Ausbildung nach Deutschland zu schicken.

 

Um dieser Maßnahme jeden politischen Beigeschmack zu nehmen und dem Misstrauen der Italiener vorzubeugen, würde es sich empfehlen, die Verteilung der Stipendien von einer privaten Organisation vornehmen zu lassen. Zum Zwecke der Errichtung einer für die Durchführung dieser und ähnlicher kulturpolitischer Aufgaben in Albanien geeigneter privater Organisation habe ich mit dem zurzeit hier weilenden albanischen Wahlkonsul in München, Herrn von Wurmb, Fühlung genommen und bei ihm angeregt, die Gründung einer „Vereinigung der Freunde Albaniens" in München in die Hand zunehmen. Die dort lebende Schriftstellerin Baronin von Godin wird unter Beihilfe anderer in München ansässiger an Albanien interessierter Personen voraussichtlich in der Lage sein, die gedachten Aufgaben - unter einer gewissen Aufsicht durch die Gesandtschaft - zu übernehmen.

 

Die Anwendung anderer, zur Förderung des deutschen kulturellen Einflusses in Albanien geeigneter Mittel kommt bis auf weiteres aus politischen wie aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Wenn die oben vorgeschlagenen Maßnahmen durch die Gewährung der notwendigen Mittel in der nächsten Zeit durchgeführt werden können, dürfte vorläufig für die weitere Erhaltung und Verbreitung der deutschen Sprache und deutschen Kultur in Albanien genug getan sein. Die zunehmende Konsolidierung des Staatswesens bildet jetzt auch eine hinreichend feste Grundlage für den vorgeschlagenen weiteren Ausbau der bisherigen kulturellen des Deutschtums mit Albanien.

 

Soweit der Bericht, zu finden im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, Tirana 5/4, Nr. 707, vom 10.10.1930.

Auf die Fußnoten zu diesem und anderen Berichten der deutschen Gesandtschaft mußte hier aus technischen Gründen verzichtet werden.

 

 

Erwin Lewin

 

 

 



 
11.08.2018

Von: Prof.Dr. Erwin Lewin
 
 
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