Für das „bad girl“ Crissa ist Freundschaft höchster Wert

WEIMAR. (fgw) Crissa Stone hat viele Gesichter. Sie ist eine harte und professionelle Berufsverbrecherin und gleichzeitig eine bedingungslos liebende und loyale Freundin. Ihr Geld macht sie allein mit Raubzügen bei Leuten, die ihrerseits dieses Geld auf kriminelle Weise erworben hatten. Vier spannungsgeladene, aber auch sehr sozialkritische, Crissa-Stone-Kriminalromane hat der US-Autor Wallace Stroby bislang geschrieben. Nach „Kalter Schuß ins Herz“ (2015) und „Geld ist nicht genug“ (2017) ist jetzt der dritte Band um das durchaus nicht unsympathische „bad girl“ der Kriminalliteratur erschienen.


Es ist einige Zeit ins Land gegangen seit den letzten Raubzügen, Crissa hat sich inzwischen ein Haus gekauft. Dazu heißt es auf S. 118: „In den drei Jahren, seit sie alles verloren hatte, ihre Identität aufgeflogen und alles an Besitz eingebüßt, hatte sie sich in neues Leben aufgebaut."

 

Doch Crissa braucht für ihre Pläne, insbesondere die Befreiung ihres Liebsten Wayne aus dem Gefängnis, immer wieder neues Geld. Über einen früheren Kumpan erhält sie die Kunde von einem todsicheren Coup im fernen Detroit. Ein weiterer ehemaliger Kumpan will sich auch daran beteiligen. Der Tip-Geber und vierte im Bunde ist ein örtlicher Kleinkrimineller (und in Sachen Geldraub nur Amateur). Bei der Sache geht es um eine Aktion bei, der die vier sich in die Geldübergabe zwischen Drogenhändler und Drogenlieferant „einklinken" könnten. Die Beute würde sich auf eine halbe Million Dollar belaufen. Trotz aller Bauchschmerzen willigt Crissa ein und sie entwickelt einen Plan, der eigentlich alle Eventualitäten beinhaltet. Eigentlich! Deshalb trägt das Buch wohl den deutschen Titel „Fast ein guter Plan".

 

Der Plan gelingt auch, die vier schnappen sich das Geld, eilen zu ihrem zeitweiligen Unterschlupf und teilen die Beute auf. Allerdings fällt die geringer aus und auf jeden der vier entfallen nur rund 80.000 Dollar.

 

Doch da geschieht es. Als die drei Profis mit ihren Anteilen das Gebäude verlassen wollen, fallen Schüsse. Ein Kumpan des Tipgebers und dieser selbst beginnen, herumzuballern. Einer von Crissas Gefährten wird tödlich getroffen. Sie selbst kann mit dem anderen, Larry, entkommen. Larry ist aber schwer verletzt worden und stirbt noch in der Nähe des Tatortes. Crissa weiß, daß Larry irgendwo im Süden eine Frau und mit der eine sechsjährige Tochter hat. Für sie ist es nun eine Ehrensache, Larrys Anteil seiner Familie zukommen zu lassen. Es gelingt ihr auch, deren Adresse ausfindig zu machen. Doch da vor Ort sind die Verhältnisse mehr als kompliziert, denn Larrys Frau hat sich inzwischen mit einem Drogensüchtigen eingelassen, der in großen Schwierigkeiten steckt. Doch Crissa ist eben Crissa. Sie könnte jetzt einfach gehen, aber sie will helfen. Insbesondere helfen, daß die Sechsjährige eine Chance für ein Leben erhält. Doch wie kommt Crissa aus dieser Malaise heraus? Ihr jetzt wirklich guter (weil uneigennütziger) Plan gelingt zu mißraten, denn sie bringt nun nicht nur sich selbst, sondern auch das kleine Mädchen in Lebensgefahr.

 

Denn an dieser Stelle kreuzen sich ihrer aller Wege mit denen von Burke.

 

Dieser Burke war mal Polizist, Cop, in Detroit und zwar einer, der ohne Gewissensbisse bis aufs Mark korrupt - und dazu überaus brutal und heimtückisch - ist. Inzwischen schlägt er sich als Privatdetektiv und „Inkasso-Eintreiber" herum, wobei seine Klienten fast ausschließlich zur Unterwelt gehören.

 

Nach dem Coup von Crissas Team beauftragt der „geschädigte" Drogenboß Burke mit der Wiederbeschaffung des Geldes. Es geht ihm dabei aber weniger um die für ihn eher kleine Summe, sondern vor allem darum, daß seine Autorität in der Unterwelt keinen Kratzer bekommt. Burke willigt ein. Er nutzt alte Kontakte zur Polizei, kauft sich Informationen und kommt so schnell auf die Spur des Tipgebers. Dabei und in allen folgenden Geschehnissen pflastern Leichen Burkes Weg. Auch die Leute des Drogenbosses schaltet er aus, verfolgt er doch eigene Pläne... Und die heißen nicht Wiederbeschaffung, sondern alleinige Aneignung. Zwar kann Burke beim Tipgeber die Hälfte der Beute sicherstellen, doch er hat Blut geleckt. Warum nur die Hälfte nehmen, wenn er das Ganze kriegen kann. Bei seinen Ermittlungen hat er erfahren, daß im Vierer-Team auch eine Frau war. Über die Polizeiakte von Larry kommt er auf die Spur von dessen Familie. Und so korrupt wie er ist, so folgerichtig schlußfolgert er aber auch, daß diese Crissa im Gegensatz zu ihm Ehre im Leibe hat.

 

Es gelingt ihm schließlich, Crissa und Larrys Familie in seine Gewalt zu bekommen und ihnen sogar das Geld abzunehmen. Denn vor die Wahl gestellt, Geld oder Leben (das der Sechsjährigen), entscheidet sich Crissa ohne zu zögern für das Leben.

 

Doch damit endet die Geschichte nicht. Es kommt noch schlimmer. Wird Crissa nun in kürzester Zeit einen Notplan parat haben, der wirklich zu einem guten Ausgang führt? Das soll nicht verraten werden. Daß Crissa die Oberhand behalten wird, darf aber mitgeteilt werden, schließlich ist ja bereits der Folgeroman („THE DEVIL'S SHARE") angekündigt worden...

 

Soweit zum Inhalt. Mehr noch als in den ersten beiden Bänden kommt in dem nun vorliegenden Charakterliches, Sozialkritisches und Psychologisches zur Geltung, so daß der eigentliche Kriminalfall eigentlich nur noch eine Nebenrolle spielt. Wichtiger sind die Personen, die Charaktere, die Motivationen für ihr Handeln, egal ob in gutem oder schlechtem Sinne.

 

In der Verlagswerbung zur Crissa-Stone-Reihe heißt es zu recht u.a.: „Mit sicherem Gefühl für authentische Milieustudien und perfektes Timing schafft Wallace Stroby vielschichtige Figuren, die sich jeglichen Konventionen entziehen."

 

Das kann der Rezensent ohne Abstriche bestätigen und hier nur wiederholen - und ergänzen, was er diesbezüglich schon in der Besprechung des ersten Crissa-Stone-Romans geschrieben hatte:

 

„Crissa Stone wird vom Leser eigentlich so gar nicht als Berufskriminelle wahrgenommen. Viel mehr als Frau, die sich in der US-Gesellschaft eben nicht anders behaupten kann. Wenn das gutbürgerliche Leben eben nicht auf 'anständige' Art und Weise gesichert werden kann, dann wenigstens 'anständig' anders: Durch Raubzüge bei denen, die in Geld schwimmen und dieses meistens auch nicht auf ehrliche Weise erworben und gemehrt haben."

 

Es ist deshalb nie die „action", die in Strobys Romanen für Spannung sorgt. Nein, für Spannung sorgen ganz besonders eben diese vielschichtigen Charakterzeichnungen, was sich wohltuend vom leider zu oft üblichen Schwarz-Weiß-Schema abhebt. Denn selbst Kriminelle muß man differenziert darstellen, sind doch auch sie Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Empfindungen und individuellen Schicksalen. Das betrifft sogar den absoluten Negativ-Helden dieses Bandes, Burke.

 

Dieser Burke, als gewesener Staatsdiener und nunmehr staatlich lizensierter Privatdetektiv, ist der absolute Gegenentwurf zur Kriminellen Crissa. Für Crissa zählen in erster Linie solche Werte wie Freundschaft und Loyalität. Ein gegebenes Wort ist zu halten, Gewalt gegen Schwache ist ein absolutes Tabu für sie. Lediglich wenn das Leben, nicht nur das eigene, in Gefahr ist, setzt sie eine Waffe ein. Und ihr Verhalten ist mehr nur als Ganoven-Ehre, das ist menschlich-ehrlich zu nennen. Kleine Beispiele dafür findet man in der Stelle, als Larry stirbt (da sorgt sie sich um seine Würde und dafür, daß er aufgefunden werden kann) oder dann später in der Unterkunft von Larrys Witwe, als sie selbst gegenüber hinterhältigen Drogenhändlern ein gegebene Geldzusage einhält.

 

Burke dagegen verkörpert mit jeder Faser seines Ichs den US-Machtapparat, wie ihn Menschen millionenfach im Inland und mehr noch weltweit im Ausland wahrnehmen und erleiden müssen: Alles nur zum eigenen Vorteil. Skrupel oder ethische Hemmungen bestehen nicht. Absprachen und Verträge sind daher nicht das Papier wert, auf denen sie stehen. Gewalt wird bedenkenlos eingesetzt, die Tötung von Menschen nicht nur billigend in Kauf genommen. Nein, kaltblütiges Töten ist immanenter Bestandteil des eigenes Handelns. Und damit das besser gelingt, werden andere bewußt getäuscht. Sogar die eigenen Kumpane.

 

Und gerade dieser Gegensatz macht Crissa sympathisch, wünscht der Leser ihr Erfolg. Es ist gut, daß Stroby seine Heldin - über mehrere Romane - immer weiter menschlich reifen läßt. Und man hofft, daß sie recht bald ein normales Leben „danach" führen kann. Aber ob das möglich ist? Man darf gespannt bleiben.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Wallace Stroby: Fast ein guter Plan. Aus d.Amerikan.v. Alf Mayer. 320 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2018. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86532-607-2

 

 

 



 
05.02.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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