Für Moral bleibt besonders in „populistischer“ Politik kein Platz

WEIMAR. (fgw) Michael Böhm, der scharfsinnige Beobachter der spät- bzw. gutbürgerlichen Gesellschaft hierzulande und der Meister des subtilen Kriminalromans, hat jetzt im Bookspot-Verlag mit „Mein Freund Sisyphos“ ein überaus bemerkenswertes und zum Philosophieren anregendes Buch vorgelegt: Ein Krimi, bei dem man unwillkürlich an Bert Brechts Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ denken muß.


Böhm hat das erste, sehr kurze, Kapitel überschrieben mit „Der Traum"; eigentlich ist das darin geschilderte ein Alptraum... Der Ich-Erzähler teilt mit, daß Fabian von Fernau gerade die Wahlen gewonnen habe und damit der nächste Ministerpräsident des Landes sei. Aber daß just in diesem Moment des Erfolgs auf diesen ein tödliches Attentat verübt wurde. Doch dies war nur ein Traum, in der Realität liege Fabian auf der Intensivstation einer Klinik...

 

Bei aller Fiktion wird Böhm aber bereits auf der zweiten Seite sehr konkret, indem er Fabians Partei als „Bewegung Helles Morgen" benannt hat. Der wache Leser merkt schon da auf, denn dieser Name ruft deutliche Assoziationen hervor: Gibt es doch in Griechenland eine real existierende Partei namens „Chrysi Avgi" (dt. Goldene Morgendämmerung). Diese griechische Partei wird politologisch als rechtspopulistisch und neofaschistisch bewertet. Und wenn schon von Assoziationen die Rede ist, so soll an dieser Stelle vorgegriffen werden. Denn die Charakteristik des Fabian von Fernau läßt immer wieder an einen französischen Präsidenten mit Sonnenkönigsattitüde bzw. auch an einen gewesenen bundesdeutschen freiherrlichen Minister denken.

 

Bereits ab dem dritten Kapitel taucht der Ich-Erzähler Martin - nun wieder hellwach - in Erinnerungen ein und spricht auf S. 12 einen wichtigen Punkt an, der nicht nur für diesen Roman gilt: Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Sei es im persönlichen Leben, sei es in der Politik. Apropos Erinnerungen: Böhm hat etlichen Kapiteln einen „Blick in den Rückspiegel der Zeit" vorangestellt. In stets nur wenigen Zeilen wird - aber nicht chronologisch geordnet - auf reale Ereignisse im Weltgeschehen verwiesen.

 

Doch worum geht es im Kern? Es geht um eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen dem adligen Anwaltssohn Fabian von Fernau und dem aus einfachsten Verhältnissen stammenden Martin. Martin ist der erste aus seiner Wohnsiedlung, der das Abitur ablegen und ein Studium absolvieren konnte. Martin ist hochintelligent und auch ihm stehen in seiner Branche alle Wege offen. Doch eines Tages bittet Fabian ihn, sein Wahlkampfmanager zu werden. Zusammen mit Fabians Ehefrau Sibil (älter als Fabian und dessen geistig-politische Mentorin) bilden die drei ein erfolgreiches „Team". Das aber erst, als Fabian seine angestammte bürgerliche Partei, in der er nur langsam vorankommt, verlassen hat. Fabian wird so zunächst erfolgreicher Bürgermeister und sieht diese Position als Ausgang für höhere Weihen an. Martin tritt nun in seine Dienste als hauptamtlicher Marketing-Chef: Marketing statt Politik... Leider ist das real genau so geworden in den „westlichen Demokratien"; neoliberales Denken hat mittlerweile das Sagen bis hinein in die Kommunen.

 

Martin ist in dieser Zeit auch immer auf der Suche nach sich selbst [„Die Suche nach mir" u.a. Kapitel]; nimmt daher längere Auszeiten z.B. in Indien. Dort erlebt er einen für ihn angenehmen, menschlicheren Gegenpol zur Lebensweise in Deutschland. Und er beginnt sich zu fragen, was denn Fabian bewegt, was dieser bezweckt. Immer wieder begibt er sich deshalb auf Spurensuche. Und befragt zeitweilige Weggefährten, aber auch Opponenten und sogar Verwandte über Fabian. Diese Spurensuche ist nicht selten mit merkwürdigen Todesfällen verbunden.

 

Was steht u.a. für Fabian? Bei Böhm heißt es dazu u.a.: »Amerika war einer seiner mit Glut geliebten Fetische.« (S. 28) Das läßt gleich wieder an einen gewissen freiherrlichen Minister a.D. denken. Wobei mit Amerika aber lediglich die USA gemeint sind...

 

Böhm läßt in diesem Zusammenhang einen der wichtigsten Charaktere im Hintergrund, den Buchautor „Eustachius", sinnieren. Da heißt es u.a. - und das ist eine wahrlich treffende Zustandsbeschreibung der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft:

 

»Die Demokratie ist längst sanft beerdigt, führt allein durch schöne Worte der Politiker ein vordergründiges Scheindasein. Die Politiker dienen dem eigenen Wohl, agieren Marionetten gleich an den unsichtbaren Fäden finsterer, gesichtsloser Mächte aus der Wirtschaft und dubioser Stiftungen. Die Begleitmusik des Geschwätzes spielen die bunten Bilder und leeren Wortkaskaden der Medien.« (S. 38)

 

Im weiteren klärt Böhm auch auf, warum er sein Buch so eigenwillig betitelt hat: Fabian sieht sich nach der Lektüre eines Romans von Albert Camus als ein Sisyphos.

 

Die Erlebnisse im anderen Kulturkreis, die Gespräche und Beobachtungen hierzulande führen bei Martin zu der Erkenntnis: »Nur nicht weiter darüber nachdenken, sage ich mir, nicht meinem Weg als Manipulator und meinen schmutzigen Händen nachgehen. Nur nicht in diese Richtung sehen.« (S.82) In letzter Konsequenz beschließt Martin, das dem zu erwartenden Unheil vorgebeugt werden müsse und engagiert einen Auftragskiller.

 

Damit greift Böhm ein wichtiges Thema der antiken griechischen Tragödie auf, den Tyrannenmord. Nur daß hier und jetzt der Mord schon vorab stattfinden soll, noch ehe sich ein Mann zum Tyrannen entwickeln kann. Und damit sind wir wieder bei der Moral. So wie die Moral in der großen Politik, nicht nur in der populistischen, keinen Platz hat, so stellt sich nun die Frage, wie es im Widerstand mit der Moral beschaffen sein könnte bzw. muß. Nur, darauf darf eben nicht moralisierend und auch nicht verabsolutierend geantwortet werden.

 

Und noch eine Überlegung stellt sich ein: Was sind die Mächtigen und Herrschenden ohne ihre willigen Lakaien, ihre Kopf- und Handlanger? Also viel Stoff zum Nachdenken. Wenn man dieses Buch aufmerksam liest, dann scheint es fast wie eine Fortsetzung von Böhms Roman „Die zornigen Augen der Wahrheit".

 

Michael Böhm ist immer wieder auch für eine unerwartete Überraschung gut. Heuer mit dem doch sehr rätselhaften Epilog. Ja, was ist in unserem Leben Fiktion, was Realität? Und nicht zuletzt das macht gute Literatur aus.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Michael Böhm: Mein Freund Sisyphos. Roman. 166 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. Planegg 2020. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-154-6

 



 
22.12.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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