»Fürstliches Alibi« - Band 1 um Jupp Schulte neuaufgelegt

WEIMAR. (fgw) Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat jetzt eine unveränderte Neuausgabe der bereits im Jahre 2000 erschienenen Erstausgabe des Kriminalromans „Fürstliches Alibis“ von Jürgen Reitemeier und Wolfram Tewes aufgelegt. Wer in den letzten Jahren bereits den nach „Lippisch Sibirien“ abgeschobenen Polizeirat Josef »Jupp« Schulte lieb gewonnen hat, der wird jetzt an die Anfänge zurückgeführt.


Im vorliegenden Band -von nunmehr bereits 19- ist Jupp Schulte allerdings erst Hauptkommissar in der Abteilung Diebstahl und dazu immer noch relativ neu bei der Detmolder Kreispolizeibehörde. Gerade hat er es mit einer Serie von Autodiebstählen zu tun, vornehmlich Fahrzeugen der gehobenen Preisklasse. Wobei die Diebe richtig dreist vorgehen. Da wird doch sogar der Audi seines Paderborner Kollegen quasi vor beider Augen geklaut... Und Schulte hat nicht die geringsten Spuren oder Verdachtsmomente für die mittlerweile rund ein Dutzend gestohlenen Fahrzeuge. Feststeht eigentlich nur, daß diese mit größter Wahrscheinlichkeit nach Osteuropa, vorwiegend wohl nach Polen, gehen würden. Eine erste greifbare Spur tut sich aber auf, als die Autobahnpolizei unter grotesken Umständen ein solches Fahrzeug und dessen Fahrer Leopold Gockel dingfest macht.

 

Zur Detmolder Kreispolizei gehören auch die jungen Kommissare Maren Köster und Axel Braunert, beide beim „Mord". Ihnen kommt zu dieser Zeit ein merkwürdiger Todesfall auf den Tisch. Auf einem Landgut wurde ein bestens gekleider Mann vom einem Rasentraktor überfahren. Bald jedoch stellt sich heraus, daß dieser Mann zu dem Zeitpunkt bereits tot war - erschossen mit einem Weltkriegsgewehr. Es dauert nicht lange, da weiß man, wer der Tote war. Ein gewisser Zylinski, der Schloßherr. Ein prollig-protziger Neureicher.

 

Und nun berühren sich die Ermittlungen von Schulte und Köster/Braunert. Denn besagter Gockel war ein leitender Angestellter dieses Zylinski. Da stellen sich Fragen ein wie diese: Haben der Mord und die Autodiebstähle miteinander zu tun? Zumal ja auf Zylinkis Anwesen gerade ein Gruppe polnischer Arbeiter einquartiert ist. Oder sind beide Straftaten nicht doch gänzlich anders gelagert? Könnte Zylinski nicht das Opfer eines von ihm übers Ohr gehauenen „Geschäftspartners" sein? Lange tappen die Kommissare im Dunkeln.

 

Bis ihnen der Zufall auf die Sprünge hilft. Es ereignet sich ein Jagdunfall, bei dem ein Mann aus den besten Kreisen ums Leben kommt. Aber wie kann es sich um einen Unfall handeln, wenn die Tatwaffe eben jene ist, mit der bereits Zylinski erschossen wurde? Langsam fügt sich nun Puzzleteil zu Puzzleteil. Ja, haben nun Morde und Diebstähle miteinander zu tun? Mal scheint es so, mal wieder nicht...

 

Diese Kriminalgeschichte wird glaubhaft, sachlich und nachvollziehbar erzählt. Auch was die Motive angeht. Wäre es nur das, läge mit diesem Buch „nur" ein solider Krimi wie viele andere vor.

 

Wenn da nicht das einmalig gute, unnachahmliche Erzähltalent des Duos Reitemeier/Tewes wäre. Würzen sie doch die Kriminalhandlung mit einem wahren Feuerwerk aus Wortwitz, Humor, Esprit und Situationskomik sowie Lokalkolorit. So liegt hier eigentlich eine Krimikomödie vor, aber eine, die niemals in eine billige Klamotte abrutscht, sondern stets auf hohem Niveau dahingleitet. Und es ist das löbliche Verdienst der Autoren, daß sie das hier erstmals Vorgelegte über nunmehr fast 20 Bände hinweg halten können. Bei aller karikierenden Zeichnung bleiben da selbst die einzelnen Figuren/Charaktere stets Menschen aus Fleisch und Blut.

 

Für den Wortwitz stehen beispielsweise Namensgebungen wie die für den Lokaljournalisten Hermann Rodehutskors oder die für den Landadligen Baron von Gausekötten; von Leopold Gockel [da ist nomen est omen] war bereits oben die Rede. Fürs lippische Lokalkolorit sorgt stets aufs neue Schultes greiser Vermieter, der Altbauer Anton Fritzmeier. Von Esprit kündet zum Beispiel eine Episode mit Schultes Tochter. Da sinniert er über seinen eigenen gymnasialen Geschichtslehrer, „der in seinen politischen Ansichten so schwarz war, daß er 'im Keller Schatten warf'. Aber er war überzeugter Christ und auf seine Weise Antifaschist." (S. 161) Wobei Schulte selbst immer wieder zu verstehen gibt, daß er überzeugter Atheist ist. Gegenüber Kollegen bekennt er, der die Tochter zu einer Antifa-Demo begleitet: „...ich gehöre eben zu den Polizisten, die es für ihre demokratische Pflicht halten, gegen Nazis auf die Straße zu gehen." (S. 167)

 

Humorvolle Situationskomik gibt es am laufenden Band, da fällt die Zitatauswahl mehr als schwer. Aber vielleicht genügt dieses. Als Schulte mit Braunert auf Dienstfahrt nach auswärts geht, lädt er den jungen Kollegen „auf 'ne Schale Fritten in Hameln" ein. Braunert ist entsetzt ob solchen prolligen Geschmacks. Doch dann. Doch dann aber das:

 

„Axel Braunert guckte blöd! War er hier in einem Gournet-Restaurant oder in einer zum Imbiß umgebauten Garage? (...) 'Sag mal, was war das denn, ein Vier-Sterne-Restaurant in einer Garafe mit angeschlossenem Feinstkostladen?' - 'Nee, das war eine Würstchenbude, der ich allerdings in meinem Frittenbudenführer in der Tat vier Sterne verpassen würde.' Axel Braunert hatte es die Sprache verschlagen." (S. 74-75)

 

Doch das ist es nicht allein. Dazu menschelt es gar nicht wenig bei und zwischen Jupp, Maren und Axel. Da tun sich scheinbare Abgründe und tiefgründige Leidenschaften auf.

 

Alles in allem und in jeder Hinsicht liegt hier ein wirklich geistreiches und kurzweiliges Lesevergnügen vor. Und das nicht bloß für Menschen aus Ostwestfalen - das möchte der aus Mecklenburg stammende, in Thüringen lebende Rezensent besonders hervorheben.

 

Großer Dank an Jürgen Reitemeier und Wolfram Tewes für diese empfehlenswerte Krimi-Serie, großer Dank auch an Günther Butkus für sein verlegerisches Engagement.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Reitemeier & Wolfram Tewes: Fürstliches Alibi. Kriminalroman. 220 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 13,90 Euro. ISBN 978-3-86532-706-2

 



 
24.05.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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