Gefährliche Zeiten für die Neugier der mutigen Begine Anna

WEIMAR. (fgw) Silvia Stolzenburg hat nun ihren zweiten Roman über die 17jährige Begine Anna Ehinger und den Mönch und Siechenmeister Lazarus vorgelegt. Die Handlung setzt im September 1412 in Rom bzw. im Oktober 1412 in Ulm ein und endet daselbst im November desselben Jahres.


Wie auch bereits mit dem ersten Beginen-Roman führt Silvia Stolzenburg den heutigen Lesern die spätmittelalterlichen Machtverhältnisse bzw. -kämpfe in der Freien Stadt Ulm vor Augen. Da ringen die neu-reichen Zunftmeister mit den alt-reichen Patriziern um die Macht im städtischen Rat. Und da ringen auch die selbstbewußten Bürger mit dem Klerus um die Vorherrschaft und natürlich auch um die Pfründe in der Stadt selbst - gezeigt wird das am Beispiel des Spitals. Die eigentlich allmächtige katholische Klerus ist hier aber zum Rückzug genötigt. So kündet ja auch der Bau des Ulmer Münsters nicht von der Macht der Kirche, sondern vom Unternehmertum des aufstrebenden Bürgertums... Und zugleich ist den katholischen Klerikern die Existenz eines eher weltlichen Frauenordens, den Beginen, mehr als ein Dorn im Auge. Eingebettet darin hat Silvia Stolzenburg nicht nur die scheue, verbotene Liebe von Anna und Lazarus. Sondern auch einige Kriminalfälle, die eben jene Machtverhältnisse und -kämpfe illustrieren sollen.

 

Lazarus war wegen seines Liebesverhältnisses nach Rom beordert worden. Doch aus unerfindlichen Gründen ist man ihm gnädig, an ihm wird keine wirkliche Strafe vollzogen. Er darf nach Ulm zurückkehren, muß sich aber jedweden privaten Kontaktes zu Anna entsagen. Andernfalls... Anna staunt, als sie eines Tages im Spital wieder ihres Geliebten - und früheren Verbündeten im Kampf gegen ein serielles Mordverbrechen - ansichtig wird. Doch sie versteht nicht, warum Lazarus sich ihr gegenüber mehr als abweisend verhält.

 

Anna kommt aber kaum zum Nachdenken, muß sie sich doch um eine junge Frau namens Gertrud kümmern, die Zuflucht bei den Beginen gesucht hat - angeblich eine Reisende. Doch bald stellt sich heraus, daß Gertrud schwer mißhandelt worden war und ins Spital gebracht werden muß. Was zu vielen Fragen Annas führt. Gertrud aber wiegelt ab; zeigt Anna jedoch ein besonderes Schmuckstück und bittet um Auskünfte über einen gewissen Magnus Ungelter.

 

Zeitgleich findet ein 8jähriger Ziegenhirt auf der Wiese in einem Futtertrog den Kopf eines Kindes, eines Knaben. Das führt zu großer Unruhe in der Stadt. Kurze Zeit später wird die kopflose Leiche eine Jungen aus der Donau geborgen. Aber Kopf und Körper passen nicht zusammen. Zeitgleich entbindet eine Sterbende im Spital ein Kind. Dieses ist wie der gefundene Knabenkopf mißgestaltet durch eine sogenannte Hasenscharte. Was beim damaligen herrschenden Aberglauben zu Ängsten vor dem Teufel führt. Es bleibt aber nicht bei diesen beiden kindlichen Leichenfunden... Was zu Gerüchten über satanische Menschenfresser führt.

 

Annas Todfeind Johannes Schad ist mittlerweile Zweiter Bürgermeister geworden. Eines Tages meldet sich bei ihm ein neuer Ratsherr, Magnus Ungelter, und verlangt um Hilfe in einer gewissen Angelegenheit. Schad empfiehlt diesem dafür den Spielmann Gallus, der im ersten Roman eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Gallus soll eben jene Gertrud ausfindig machen. Und für immer zum Schweigen bringen. Als Gallus nach längerem Suchen - erst bei den Beginen, dann im Spital - fündig wird, gibt Ungelter sich aber trotz der Todesmitteilung noch nicht zufrieden. Gallus wird beauftragt, die Leiche zu stehlen und auf Nimmerwiedersehen zu beseitigen.

 

Wie hängt das alles zusammen? Annas natürliche Neugierde veranlaßt sie, Nachforschungen insbesondere zu Gertrud anzustellen. Da der Name Ungelter gefallen war, begibt sie sich zu ihrem Bruder Jakob, der ebenfalls nun dem Rat angehört. Dieser warnt sie ob der Gefahren, die Anna nach wie vor durch Johannes Schad drohen. Und auch vor diesem Ungelter, der einen überaus üblen Ruf habe. Doch gerade das alles macht Anna nur noch neugieriger. Vor allem aber will sie Gerechtigkeit; will sie, daß das tödliche Schicksal Gertruds nicht ungesühnt bleibt. Das bringt sie wiederum in größte Lebensgefahr. Bei wem wird sie Hilfe finden? Wie wird sich Lazarus verhalten? Was wird aus ihrer Liebe? Wer hat diese Kindes-Morde begangen? Und vor allem: warum? Doch ehe sie Antworten findet, bringt der Urheber all dieser Mordtaten sie in seine Gewalt. Wie Anna gerettet wird und wie dem Auftraggeber seine Schuld nachgewiesen werden kann, das soll aber nicht verraten werden, auch nicht angedeutet. Und natürlich auch nicht, wie es mit Anna und Lazarus weitergeht.

 

Interessant für heutige Leser dürfte neben dem durchaus realistischen Kriminalfall auch die Illustration der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit sein: der durch christliche Indoktrination beförderte Aberglaube in Unwissenheit gehaltener Menschen ebenso wie die haarsträubenden Methoden bei der Krankenpflege. Da ging es ums pfäffische Gesundbeten und nicht um wirkliche ärztliche Heilung; und wenn's Beten nicht half, dann war es eben „Gottes" Wille, daß dieser Mensch starb...

 

Silvia Stolzenburg hat auch diesen Roman in der ihr eigenen Weise spannend und durchaus aufklärerisch geschrieben.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Begine und der Siechenmeister. Historischer Kriminalroman. 314 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2814-2

 



 
10.03.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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