Verborgenes Wissen um die Zahl 72 in einem „Bibel-Code“?

WEIMAR. (fgw) Dan Browns Thriller „The Da Vinci Code“ aus dem Jahre 2003 (2006 verfilmt) sorgte und sorgt noch heute für viel Furore und bedient diverse Verschwörungstheorien über die Kirchengeschichte. Eng verbunden damit ist die viel ältere Legende, es gäbe einen geheimen Bibel-Code, bestehend aus kryptischen Texten und sogenannten heiligen Zahlen, der uraltes verborgenes Wissen mit diversen Offenbarungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft enthalten würde. Eine besondere Rolle dabei spiele die Zahl 72.


Alles Unsinn, meint der Naturwissenschaftler Harald Specht, der sich angeregt von solchen Theorien eingehend mit diversen „heiligen Schriften" und Mythen aus verschiedenen Kulturkreisen beschäftigt hat. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er in dem 2011 erschienenen Buch „Der Jahwe-Code. Auf den Spuren der heiligen Zahl 72" hzusammengefaßt.

 

Specht stimmt mit Verschwörungstheoretikern, Okkultisten und Kabbalisten in soweit überein, daß in zahlreichen Mythen, zu denen auch die biblischen Texte gehören, tatsächlich chriffrierte Hinweise auf geheimnisvolle Botschaften enthalten sind. Solche Texte, insbesondere die aus vorchristlichem Schrifttum, hätten das Wissen antiker Astronomen, Priesterschulen und Mysterienbünde zusammengefaßt. Deren wahre Bedeutung sei aber im Laufe der Zeit verloren gegangen. Vor Jahrtausenden habe es eben noch keine Lehrbücher, Lexika im heutigen Sinne gegeben; gewonnenes Wissen aber sollte erhalten und weitergegeben werden. Deshalb habe man sich seinerzeit dafür der üblichen Überlieferungsmethoden bedient. Sei es in Keilschrift oder den Buchstaben der ersten Alphabete rings um das Mittelmeer. Daß daraus im Mittelalter und selbst in unserer Zeit Okkultismus etc. entstehen konnte, hänge damit zusammen, daß es zur Entstehungszeit der uralten Texte noch keine extra-Zahlensysteme gegeben habe. Auch im Hebräischen habe man jedem der Buchstaben einen speziellen Zahlenwert zugeordnet.

 

Bei seinen Recherchen stieß Specht vor allem immer wieder auf die angeblich „heilige" Zahl 72: 72 geheime Namen Gottes, 72 Völker, 72 Jünger, 72 Jungfrauen, 72 Mitverschworene und -zig weitere 72... Mitunter ist auch nur von 70 die Rede. Die Zahl 72 komme sowohl in den Kulturen zwischen Euphrat und Tigris oder am Nil als auch in der Bibel der Juden, in den christlichen Evangelien und im Koran vor. Selbst im alten Indien und im alten China kenne man diese Zahl.

 

Was hat es mit dieser Zahl 72 nun wirklich auf sich? Warum lautet der altbiblische Gottesname, der eigentlich geheim ist, ausgerechnet Jahwe? Was hat es mit der magischen Formel „Schemhamporasch" auf sich? Und warum ist in den Evangelien ausgerechnet von 153 Fischen die Rede? Was hatte und hat es mit der Zahlenmagie (z.B. auch im Drudenfuß oder im Tarot) auf sich?

 

Diesen und weiteren Fragen geht Specht mit Akribie nach. Ist die 72 nur eine schlichte Zahl? Hat sie tiefere Bedeutung? Oder ist sie nur schnöder Zufall, obwohl man sie überall findet? Und was hat es mit dem Vielfachen des Vielfachen der 72 auf sich?

 

Ein spezielles Kapitel beschäftigt sich daher mit dem „heillosen Durcheinander beim christlichen Diskurs" insbesondere im Mittelalter. Ein Durcheinander, das auch durch die vielen unterschiedlichen Bibel-Übersetzungen (bis heute) entstanden ist. Siehe dazu u.a. die Seite 175 über das Elend der Theologie.

 

Harald Specht widmet sich aber nicht nur der puren Zahl-Frage, sondern geht auch auf antike Philosophien und die Geschichtsschreibung ein. Hier wiederum verstärkt sich die Erkenntnis, daß all die fommen Legenden des alten wie des neuen Testamentes nichts anderes als Literatur sind, daß viele der behaupteten Ereignisse und Personen nie stattgefunden bzw. nie gelebt haben.

 

Was nun aber sieht Specht als des Zahlen-Rätsels Lösung an? Was zumindest als einen Lösungsvorschlag? Einen Anhaltspunkt bietet die Erkenntnis, daß in archaischen und antiken Zeiten die Priester nicht nur „Theologen" waren, sondern Beobachter der Natur und vor allem der Gestirne am Himmel. Durch Langzeitbeobachtungen erkannten sie Gesetzmäßigkeit für den Ackerbau, für die Geometrie, für Zeitmessung und -einteilung, für das Verhältnis der Gestirne zueinander und daraus die Teilung des Himmelskreises in Tierkreiszeichen. Diese wiederum wurden zu Gottheiten...

 

Die Lösung des Rätsels um die Zahl 72 ist, naturwissenschaftlich-nüchtern betrachtet, wie bei so vielen Rätseln ebenso einfach, einleuchtend und verblüffend, meint Specht. Und so bezeichnet er im letzten Kapitel den Herzschlag des Universums als DES Rätsels Lösung. Ausgehend von der Bedeutung der „72" bei der Erdpräzession (was das ist, entnehme man bitte einem Lexikon) schreibt er:

 

„Es ist daher KEIN Zufall, daß diese Tatsache in allen Kulturen für Erstaunen sorgte und man nach einer Erklärung suchte. Wo diese staunende Verwunderung nicht durch eine nüchterne Rationalität ersetzt wurde und in kosmologisch-astrologische Weltsicht Eingang fand, blieben als Erklärung nur Religion und Mythos vom Wunder der '72'. In Gleichnisse gehüllt und in heiligen Schriften versteckt, diente diese Zahl nun über Jahrtausende dazu, geheimes Wissen um die 'göttliche' Natur unseres Kosmos in ein theologisches Gewand zu kleiden (...) Den Chaldäern und Ägyptern, den Pythagoreern wie den Verfassern der Bibel gelang es somit tatsächlich, einen speziellen Teil ihres astronomischen Wissens als Wissen vom Göttlichen und damit als 'Jahwe-Code' zu verschlüsseln. Aus der im wirklichen Wortsinne 'himmlischen 72' wurde so auch die 'heilige 72'. Und die heiligen Schriften erzählen noch heute davon." (S. 379 - 382)

 

Zahlreiche Abbildungen und mehrere Anhänge sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis runden Harald Spechts bei aller Wissenschaftlichkeit kurzweilig zu lesende Betrachtungen ab.

 

Eine kleine und verblüffende (für jeden Sparer nützliche) Zusatzinformation soll zum Schluß noch angeführt werden, denn selbst im Bankwesen gibt es eine 72er-Regel: „Diese Regel gibt an, wie viele Anlagejahre erforderlich sind, bis sich der Nennwert eines Anlagebetrages bei konstantem Zinnssatz verdoppelt. Man dividiert hierfür einfach 72 durch die Prozentzahl des jährlichen Zinssatzes." (S. 209)

 

Allerdings dürften heuer dabei nahezu astronomisch hohe Jahreszahlen bei aktuellen Zinssätzen von 0,1 oder gar nur 0,01 Prozent herauskommen...

 

Siegfried R. Krebs

 

Harald Specht: Der Jahwe-Code. Auf den Spuren der heiligen Zahl 72. 774 S. m. Abb. Hardcover. Engelsdorfer Verlag. Leipzig 2011. 28,00 Euro. ISBN 978-3-86268-375-8

 



 
28.08.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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