Gleich zwei hochgiftige Verbrechen auf der schönen Insel Sylt

WEIMAR. (fgw) Sibylle Narberhaus' zweiter Krimi führt den Leser wieder auf die elitäre Ferien-Insel Sylt. Warum sie ihn Syltstille nennt, erschließt sich nicht richtig. Vielleicht deshalb, weil die hierin verübten Verbrechen, Mordanschläge in aller Stille verübt werden... Es gibt also keine lauten Pistolenschüsse oder krachende Autoverfolgungsjagden. Dafür poetische und feinnuancierte plastische Landschaftsbetrachtungen um so mehr. Und... Ohne diese Bilder im Hinterkopf zu haben, wäre der Krimi nicht halb so gut wie er ist.


Alles beginnt mit einem kurzen ersten Kapitel, in welchem zwei namentlich nicht genannte Männer telefonieren. Sie müssen einander spinnefeinde Konkurrenten sein, die sich wegen eines Auftrages streiten. Der dabei leer ausgegangene fürchtet um sein Lebenswerk, doch seine Frau weiß Rat. Rat, wie man einen Ausweg aus der Misere finden könnte.

 

Dann wird als Ich-Erzählerin die Landschaftsarchitektin Anna eingeführt. Diese fährt mit ihrer ebenfalls jetzt auf Sylt lebenden Schulfreundin Britta in die gemeinsame Heimatstadt Hannover, um dort an einem Klassenfest teilzunehmen. Dieser Abschnitt ist überaus lang, aber sehr einfühlsam geschrieben und beleuchtet den persönlichen, familiären Hintergrund Annas, der Protagonistin dieses Krimis, auf sehr gelungene Weise. Beim Klassentreffen ist auch Stella dabei. Stella kommt aus reichem Hause und ist heute mehr als gut situiert. Wegen ihres Charakters fand sie als Schülerin aber keine Freunde und auch heuer benimmt sie sich beim Treffen alles andere als liebenswert.

 

Von nun an verweben sich zwei Handlungsebenen und Erzählstränge miteinander. Und das sehr gekonnt und einander ergänzend. Wobei der Kriminalfall lange Zeit weitgehend im Hintergrund bleibt, obwohl er auch Anna berühren wird. Denn Annas Mann Nick ist Beamter bei der Westerländer Kriminalpolizei. Daß es sich irgendwann sogar um zwei Fälle handeln wird, das wird erst sehr spät offenbar.

 

Anna ist also wieder zurück auf Sylt bei Mann und Kind, dem zehn Monate alten Christopher, und Hund Pepper. Alles geht seinen normalen Gang, der für Anna sogar erfolgreich ist. Hat sie doch einen Auftrag für die gärtnerische Gestaltung des Grundstücks einer Schmuckdesignerin erhalten. Als sie dort beim Aufmessen ist, benimmt sich Pepper jedoch mehr als seltsam. Voller Hektik buddelt er herum. Zutage fördert er dabei die Leiche eines Mannes. Anna muß sich übergeben, ruft danach sofort ihren Mann an. Die Ermittlungen nehmen ihren Anfang. Man weiß recht bald, daß der Fundort nicht der Tatort ist und um wen es sich handelt. Aber warum ist die Leiche ausgerechnet auf diesem fremden Grundstück vergraben worden? Und welches ist die Todesursache? Äußerlich ist an der Leiche trotz eingehender Obduktion nichts festzustellen. Wer hätte ein Motiv und würde vom Tod des Mannes profitieren?

 

In Verdacht geraten u.a. die Ehefrau des Mannes, der übrigens seit Jahren ein außereheliches Verhältnis pflegte, sowie sein schärfster Konkurrent als Bauunternehmer. Doch warum haben beide Männer kurz vor dem Todesfall noch gemeinsam ausgiebig miteinander „gebechert". Erst spät stellt sich heraus, daß der Mann vergiftet worden ist und zwar mit einem Kontaktgift. Doch wer hat Zugang zu diesem, der sogenannten Flußsäure.

 

Und just in diese Begebenheiten platzt Stella herein, die sich uneingeladen förmlich in Annas Haus drängt und die auch Nick im wahrsten Sinne des Wortes an die Wäsche geht. Stella unternimmt alles, um Zwietracht zwischen den Eheleuten zu säen. Was sie teilweise sogar schafft. Und so spitzt sich die Lage zu, zumal Anna plötzlich deutliches körperliches Unwohlsein verspürt: Eigenwillige Schmerzen, dazu Schwindel- und Schwächeanfälle. Sie und Nick schieben das auf den Stress, den Anna durch die Entdeckung der Leiche erlitten hat. Dieses wird durch den Hausarzt bestätigt. Doch niemand hat damit gerechnet, daß Stella von Neid und Mißgunst zerfressen ist. Sie wird unversehens zu einer Bedrohung für Annas Familie, was Anna schließlich am eigenen Leibe verspüren muß. Was Stella so alles an krimineller Energie entwickelt, das soll hier nicht verraten werden. Nur, daß Nick eines Tages Anna bewußtlos zu Hause auffindet und sie schleunigst ins Inselkrankenhaus bringt. Nun kommt zutage, daß Anna vergiftet worden ist. Mit einem langsam wirkenden Schlangengift. Doch diese seltene Schlangenart ist in Südostasien beheimatet. Gibt es dafür in Norddeutschland überhaupt ein Gegengift?

 

Und während man um Annas Leben kämpft, kann der Mordfall des Bauunternehmers aufgeklärt und die Täter nebst Helfershelfer beweiskräftig überführt werden. Die Motivation ist eindeutig, denn auch der übergangene Unternehmer war eben nicht der Erfolgsmensch, sondern genau wie der Tote eigentlich insolvent. Doch Stella bleibt verschwunden und nun konzentriert sich die Sylter Polizei auf die Suche nach ihr. Denn inzwischen hat sich Stellas Mann bei der Kripo gemeldet. Und zuguterletzt ist es Hund Pepper, der alles zu einem glücklichen Ende bringt.

 

Gut geschrieben, spannend erzählt - und das absolut nicht oberflächlich, sondern in die Tiefe gehend, so möchte der Rezensent diesen Krimi bewerten. Der Mensch, so unterschiedlich er ist, steht hier im Mittelpunkt, aber an keiner Stelle menschelt es in diesem Roman. Trotz der extremen Tatwaffen bleibt das Geschehen glaubhaft, ebenso die einzelnen Charaktere. Bei nicht wenigen - primär den Nebenfiguren - muß man nicht selten schmunzeln. Sind doch ihre Macken nicht selten auch auf uns zutreffend. Und nicht zuletzt legt man das Buch immer mal wieder zur Seite, gerät ins schwärmerische Sinnieren. Gerade wenn man diese - trotz der wilden Nordsee - mit Naturschönheiten gesegnete nordfriesische Insel und die dortigen Schauplätze bereits als Urlauber kennengelernt hat.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Sibylle Narberhaus: Syltstille. Kriminalroman. 346 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2343-7

 



 
21.09.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ