Buch „Gott und die Götter“ - für die Aufklärung unverzichtbar

WEIMAR. (fgw) Es war im Jahre 1975, als der Rezensent in der Buchhandlung seiner mecklenburgischen Kleinstadt ein Buch sah, das seine Neugier weckte: „Gott und die Götter“ von Walter Beltz. Seine Neugier deshalb, weil er als religionsfreier Mensch sich gerade auch für die verschiedensten Religionen aller Kontinente interessierte. Beltz' Buch blieb ihm seither immer ein Nachschlagewerk, das nun aber – mehr als 40 Jahre nach der Erst-Lektüre – wieder komplett gelesen wurde.


Und... der Rezensent kann die Aussage auf dem Klappentext auch noch 40 Jahre nach dem Erscheinungsdatum ohne Wenn und Aber bestätigen:

 

„...erzählt die Mythen in ihrer originären, nicht theologisch redigierten Gestalt, erläutert den historischen Hintergrund und mythologischen Sinn, setzt sie in Beziehung zu den Literaturen des Vorderen Orients und zeichnet die Entwicklung von den mythischen Bildern der Nomaden bis zu den Erlösungs- und Endzeitvorstellungen in den hellenistischen Sklavenhalterstaaten."

 

Wer nun jedoch meint, der Autor dieser Aufklärungsschrift sei Atheist, Marxist oder ähnliches, der geht fehl. Walter Beltz (1935 - 2006) ist zeitlebens evangelischer Christ gewesen! Er zeigt damit, daß man auch als Angehöriger einer religiösen Gemeinschaft durchaus objektiv über Religionen/Kirchen schreiben kann, sogar über die eigene.

 

Walter Beltz studierte Theologie, Orientalistik und Religionswissenschaft in Rostock, Greifswald und an der Humboldt-Universität Berlin. Es folgte zunächst eine Tätigkeit an der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg. Anschließend war er bis zur Emeritierung Mitarbeiter an der Sektion Orient- und Altertumswissenschaften bzw. und Außerordentlicher Professor für allgemeine Religionsgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

 

Besonders lesenswert ist seine mehr 40 Seiten lange Einleitung, in der er Grundsätzliches zum Thema, zum Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus und der Entstehung der biblischen Texte sagt - eben immer mit Blick auf die sozio-ökonomischen Verhältnisse, die stammes- und kulturgeschichtlichen sowie staatlichen Entwicklungen des Großraumes Vorderer Orient/Östliches Mittelmeer.

 

Wie und wann ist die sogenannte Bibel entstanden? Aus welchen Quellen schöpft sie? Welche biblischen Namen sind historisch verbürgt (die allerwenigsten!) und welche könnten einen realen Hintergrund haben? Wer hat vorgefundene Texte wie und warum redigiert? Wie sind diese oft widersprüchlichen Texte zu verstehen, zu interpretieren? Immer wieder geht er auch auf die Rolle von Priesterkasten ein, auf deren Herrschaftsansprüche und deren Besitzgier.

 

Seinen einführenden Text beginnt Walter Beltz so:

 

„Der Versuch, eine biblische Mythologie zu schreiben, ist gerechtfertigt, denn eine biblische Mythologie ist schon längst überfällig. Nur fromme Scheu wehrt sich vielleicht noch, die biblischen Mythen so zu sehen wie die Mythen der griechisch-römischen Geschichte.

(...)

Wie Homers Epen bleibt auch die Bibel heute ohne Erklärung unverständlich. Und selbst dem Gläubigen, für den die Bibel immer die Offenbarung eines Gottes ist, bleibt der Umweg über den Kommentar nicht erspart. Kein unbefangener Leser der Bibel kann heute noch die biblische Verflechtung von Mythos, Geschichte und deren Deutung auflösen und zwischen dem ursprünglichen Mythos und seiner biblischen Interpretation unterscheiden, wobei die Erklärung dieser Interpretation - nämlich der Funktion, die in der Bibel dem Mythos zugeschrieben wird - die Aufgabe einer biblischen Theologie ist." (S. 5-6)

 

Walter Beltz hat den Hauptteil seines Buches so aufgebaut, daß in den Kapiteln die einzelnen Mythen (die meist in verschiedenen „biblischen Büchern" etc. vorkommen) zusammenhängend und in verständlicher Sprache erzählt werden. Nur wo die mythologische Deutung es verlangt, nimmt er eine wörtliche Übersetzung vor. Die dazugehörigen Kommentare haben die Aufgabe, die ursprüngliche Form und Bedeutung der Mythen zu bestimmen und zu erläutern. Beltz schränkt das aber selbst so ein: „Soweit es mit den Mitteln der Literaturwissenschaft und Religionsgeschichte möglich ist. Dabei werden naturgemäß die Beziehungen zur altorientalischen Mythologie eine besondere Rolle spielen. Die jeweilige biblische Deutung und Interpretation wird nur angemerkt, um zu zeigen, welchem Bedeutungswechsel biblische Mythen unterliegen." (S. 42)

 

Und genau das unterscheidet eben einen Religionswissenschaftler positiv von einem Theologen!

 

Ganz kann sich aber auch Walter Beltz nicht von seiner christlichen Sozialisation lösen, wenn er im Kommentar zu Kapitel XIII.1. schreibt - und dabei von der tatsächlichen Existenz eines Jesus ausgeht:

 

„Der biblische Christus ist nicht der historische Christus. (...) Die biblischen Christuszeugnisse sind Mythos. Der Mythos stellt das Leben, Sterben und Auferstehen eines Göttersohnes vor, dem die historische Person des Zimmermannssohnes Jesus aus Nazareth einige, wenn auch bedeutungsvolle Züge verliehen hat." (S. 305)

 

Bedeutsamer für Religionskritiker ist jedoch eine Passage aus jenem Kommentar, in dem es - nun wieder ganz wissenschaftlich - heißt:

 

„...mit dieser Entwicklung schließt die mythologische Konzeption von Jesus als dem Sohn Gottes ab. Sie macht Jesus als Gottessohn zum Gotte selbst. Damit trennte sich die christliche Gemeinde endgültig vom Judentum. Aus der jüdischen Sekte wurde die christliche Kirche.

 

Religionsgeschichtlich folgt diese Entwicklung dem auch sonst nachweisbaren Vorgang von Sektenbildung. Eine Gruppe erhebt die Teil-Erkenntnis einer Lehre zur Allein-Wahrheit und spaltet sich ab, wenn sie in eine Interessenkollision gerät. In einem zweiten Schritt schafft sie die verdrängten und zurückgelassenen Ideen und Gedanken neu (...) bis sie um ihre ursprüngliche Teil-Erkenntnis eine neue Lehre geschaffen hat." (S. 310)

 

Und genau so verfuhren die späteren Redaktoren aller biblischen Texte mit den ursprünglichen Text-Abschriften: Man machte sie für die Interessen der Priesterkaste immer wieder passend!

 

Sein Buch hat Walter Beltz in 15 Kapitel mit jeweils mehreren Abschnitten gegliedert:

 

- Berichte über die Erschaffung der Welt

- Über Gott

- Über den Menschen

- Die Entstehung des Gottesvolkes

- Die Eroberung Kanaans

- Die göttliche Gesetzgebung

- Die großen Heiligtümer und die Heroen der Frühzeit

- Wunder und Begebenheiten der Propheten

- Die Königslegenden

- Jerusalem, Stadt und Tempel

- Die wundersamen Erlebnisse und Taten von Hiob, Esther und Daniel

- Der Teufel: Satan, Asasel, Beelzebul und andere

- Der Mythos von der Erlösung

- Die neue Welt

- Zur Weiterentwicklung biblischer Mythologie

In einem Anhang befinden sich u.a. die Erklärung wichtiger Begriffe und Literaturhinweise sowie eine synchronoptische Zeittafel.

 

Dieses für Religions- und Kirchenkritiker eigentlich unverzichtbare Buch erlebte in der DDR mehrere Auflagen und ist problemlos in Antiquariaten zu erwerben. Eine gebundene 322-Seiten-Neuausgabe ist 2007 in der NIKOL-Verlagsgesellschaft zum Preis von 14,80 Euro erschienen; ISBN 978- 3937872469.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

Walter Beltz: Gott und die Götter. Biblische Mythologie. 382 S. brosch. 1. Aufl. 1975. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.

 



 
01.02.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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