Heike Fink erfährt: „So, wie wir leben, sterben wir auch.“

WEIMAR. (fgw) Die Schwäbin Heike Fink (geb. 1968) ist erschüttert, als ein Freund zu Grabe getragen wird. Und sie bekennt danach, daß sie Angst vor dem Tode habe. Aber „wer oder was ist der Tod?“ (S. 6) Diese und andere damit zusammenhängende Fragen treiben sie um. Aus diesen Fragen ergibt sich ein literarisches Projekt, „Mein Jahr mit dem Tod“.


In zwölf Kapiteln, jedes einem Monat gewidmet, sucht sie Antworten oder zumindest Annäherungen an die Themen Sterben und Tod und zugleich an ihre eigene Angst vor dem Tod. Sie sucht vor allem die Nähe von Menschen, die auf verschiedene Weise „Umgang mit dem Tod pflegen". So erzählt gleich eingangs ein Physiker und Philosoph über seine Nahtod-Erfahrung. Andere Gesprächspartner sind als Hospiz-Mitarbeiterin, Förster, Bestatter, Tatortreiniger, Märchen-Forscher, Choreograph oder Musik-Lehrerin tätig. Kleriker gehören nicht dazu, bekennende Christen sind sind in deutlicher Minderzahl). Heike Fink schaut sich auch in Hospizen und auf Friedhöfen um. Im Hospiz hört sie diesen bedenkenswerten Satz: „So, wie wir leben, sterben wir auch." (S. 50) Ja, zum humanen Leben gehört auch ein humanes Sterben dazu!

 

Sie hört aber auch diese Aussage: „Den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen, ist die einzige Freiheit, die der Mensch besitzt." (S. 90) Was ja ganz dem Credo der DGHS (Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V.) entspricht, obwohl diese nie erwähnt wird.

 

Allen Gesprächspartnern geht es um einen „guten Tod", also einen in Würde und ohne Leiden. Darunter werden in diesem Buch insbesondere Hospize und die Palliativmedizin verstanden. Sterbebegleitung ist jedoch immer erwünscht. Auf S. 105 taucht erstmals der Begriff „Sterbehilfe" auf, ohne daß darauf im Sinne eines ärztlich begleiteten Suizids eingegangen wird. Der (christliche) Chroreograph äußert jedoch bemerkenswerterweise dies: „Ich finde den Suizid auch nicht tragisch. Er ist das Recht eines jeden Menschen, so er keinen Ausweg findet." (S. 178)

 

Die Autorin bekennt mehrfach, „an keinen [!] Gott zu glauben", obwohl sie christlich erzogen worden ist. Dezidiert religiöse (christliche) Ansichten zum Thema Tod vertritt allein die Musiklehrerin in Kapitel 12. Das ist aber vielleicht das notwendige Zugeständnis, das die atheistisch gewordene Autorin dem Verlag mit christlich-pietistischem Hintergrund (Eigenwerbung: „Erfahren, was uns im Leben trägt und erfreut: Wir glauben an die Vision des Christentums", S. 317) gemacht hat.

 

Wohl auch dieses Zugeständnisses wegen geht Heike Fink eigentlich in fast allen Kapiteln mehr oder weniger beiläufig auf Religion und Religiosität ein. Ihre Ansichten dürften sich weitgehend mit denen der meisten Deutschen decken.

 

So bekennt sie im zweiten Kapitel: „Ich brauche keine spirituelle oder irgendwie religiös geartete, vorgefertigte Weltanschauung, die mir sagt, wie ich die überraschenden Wendungen meines Lebens zu bewerten und zu nehmen habe." (S. 38)

 

Im dritten Kapitel wird sie etwas ausführlicher, mit Blick auf das Christentum: „Da ich nicht an einen [diese Frau denkt wirklich universell, und nicht bloß abendländisch-christlich!; SRK] Gott glaube und davon ausgehe, wir Menschen neigen dazu, tiefempfundene, unerklärliche Sinneseindrücke in den Bereich des Göttlichen zu rücken. (...) Und genau aus diesem Grund ist Religion für mich dann doch keine Alternative. Da dräut sich immer etwas Dunkles im Hintergrund, dieses Wenn-Dann-Ding. (...) Die Höllenvariante und das Geschäft mit der Angst sind auch nicht gerade attraktiv. Lieber bin ich realistisch und halte mich an die Natur. Alles ist ein Kreislauf..." (S. 66-67) - Sie ist sich aber auch darüber im klaren: „Das christliche Heilsversprechen scheint unerschütterlich."

 

Einen Film reflektierend, schreibt sie im Kapitel über das Kinderhospiz: „Dr. Bass' Wunsch, von Nutzen zu sein, erscheint mir frommer als jede Vorstellung vom Himmel und jedes Heilsversprechen, das religiöse Gemeinschaften ihren Göttern [!] in den Mund legen." (S. 80-81)

 

Eine sie verblüffende Erfahrung muß die Autorin in Kairo machen - Kapitel 8. Ihr arabisch-ägyptischer Reiseführer entspricht absolut nicht dem hierzulande üblichen Klischee. Er ist nämlich kein gläubiger Moslem! Sie beschreibt eine Gesprächsszene mit diesem so: „Jetzt lacht er schallend. 'Ich hab's gewußt', sagt er und deutet mit seiner Shisha auf meine Nase: 'Du glaubst auch an keinen [!] Gott.'" (S. 208)

 

Und welches Fazit zieht Heike Fink nach ihrem 12-Monate-Projekt, in dem sie den „großen Unbekannten besser kennenlernen wollte"?

 

Sie faßt zusammen: „Die Vorstellung vom Nichtmehrsein ist so unerträglich, daß wir Geschichten erfinden, die wir so sehr glauben wollen, daß uns der Glaube in Fleisch und Blut, Mark und Bein übergeht, sich regelrecht in uns einschreibt, so daß wir wahrhaft glauben. Wir sind so überzeugt von der Realität der Fiktion hinter unserer Geschichte.

 

Dort gibt es mitunter einen Gott oder Götter [!], einen Himmel und das ewige Leben, Wiedergeburt. Dort gibt es alles, was nicht endet.

 

Leider bin ich zu sehr Geschichtenerzählerin, als daß ich an einen götterbevölkerten Himmel oder das Paradies oder welch erfundenes Jensseits auch immer glauben könnte." (S. 315)

 

Das ist Religionskritik vom Fensten! Heike Finks Buch ist dazu von hoher erzählerischer Qualität. Das behandelte Thema „erschlägt" nicht, denn es ist trotz alledem voller geistiger Frische. Dazu sehr poetisch, immer ehrlich und wohl jeden Leser berührend. Selbst das Lachen, der Humor kommen nicht zu kurz. Und daher überaus empfehlenswert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heike Fink: Mein Jahr mit dem Tod. 320 S. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2018. 20,00 Euro. ISBN 978-3-579-07310-1

 



 
11.07.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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