Humanismus in Geschichte und Gegenwart. Eine Ausstellung.

WEIMAR. (fgw) Die Humanisten Baden-Württemberg (DHUBW), so heißt der südwestdeutsche Landesverband des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD), präsentiert jetzt eine Ausstellung „Humanismus in Geschichte und Gegenwart“. Hierbei handelt es sich um die überarbeitete Neuauflage und regionale Ergänzung einer im Jahre 2007 vom HVD-Landesverband Berlin initiierten Exposition. Die Stuttgarter haben zu ihrer Ausstellung auch ein eigenes und exzellent gestaltetes Begleitheft herausgegeben.


Hierin gibt der DHUBW-Geschäftsführer Andreas Henschel zunächst Anmerkungen zu Anliegen und Inhalt dieser Präsentation. Er schreibt u.a.: „Mit dieser Ausstellung wird die Entfaltung einer geistesgeschichtlichen Idee vorgestellt, deren erste Spuren sich - auf unseren abendländischen Kulturkreis bezogen - bis zu den Anfängen der Philosophie, der Wissenschaft und der philosophischen Religionskritik in der europäischen Antike zurückverfolgen lassen. (...) Als humanistische Weltanschauungsgemeinschaft, die sich in ihrem Selbstverständnis, dem wissenschaftlichen Diskurs verpflichtet fühlt, wollen wir nicht verbergen, daß wir selbstverständlich auch mit dieser Ausstellung eigene Interessen und Sichtweisen darstellen. Das sind vor allem: den Humanismus als eine dogmen- und religionsfreie Weltanschauung und insbesondere lebendige Kulturbewegung in heutiger Zeit dem Publikum in der Fläche unseres Bundeslandes bekannter zu machen." (S. 3)

 

Diese knappen Anmerkungen werden vertieft durch ein faktenreiches Vorwort aus der Feder von Manfred Isemeyer „Vernunft, Selbstbestimmung und Menschenrechte: Humanismus ist die Zukunft". (S. 4 - 6) Isemeyer war über drei Jahrzehnte Geschäftsführer bzw. Vorstandsvorsitzender des Berlin(-Brandenburger) HVD-Landesverbands.

 

Die aus insgesamt 26 Tafeln bestehende Ausstellung ist zweigeteilt: Der erste Komplex mit 15 Tafeln vermittelt einen allgemeinen Überblick über die europäische Humanismus-Geschichte: „Der lange Weg zu Toleranz und Gleichberechtigung".

 

Dessen einzelne Tafeln sind wie folgt überschrieben:

- Humanismus in der Geschichte

- Philosophische Religionskritik in der Antike

- Glauben statt Denken. Die Unterdrückung der Philosophie im frühen Christentum

- Die Wiederentdeckung der humanistischen Tradition in der Renaissance

- Wissenschaftlicher Fortschritt und freies Denken gegen dogmatische Enge

- Aufklärung und Freidenkertum

- Französische Revolution. Menschenrechte und die Trennung von Kirche und Staat

- Aufklärung und Religionskritik in Deutschland

- Staat und Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

- Der Humanismus beginnt sich zu organisieren

- Der Kampf um die Trennung von Staat und Kirche

- Schulwesen: Religion bleibt, Lebenskunde kommt

- Der Freidenkerverband als sozialistische Kulturorganisation

- Verfolgung und Widerstand im „Nationalsozialismus"

- Humanismus in beiden Teilen Deutschlands

 

Der zweite Komplex „Wofür stehen Humanisten heute" umfaßt elf Tafeln, von denen sich die letzten fünf konkret dem Humanismus in Baden-Württemberg widmen.

 

Die ersten sechs Tafeln sind wie folgt überschrieben:

- Selbstbestimmt und solidarisch leben. Der Humanistische Verband Deutschlands

- Freiheit und Menschenwürde

- Weltanschauliche Pluralität

- Wissenschaft und Ethik

- Humanisten im Kampf für eine friedliche Welt

- Aufklärung heute

 

Nahezu alle Tafeln beider Komplexe werden mit einem fürs jeweilige Thema typischen Zitat eingeleitet. So Tafel 1 „Humanismus in der Geschichte" mit einem Ausspruch von Protagoras (490-411 v.u.Z.): „Der Mensch ist das Maß aller Dinge." Oder Tafel 7 „Französische Revolution" mit Jean-Jacques Rousseau: „Wer zu sagen wagt, außerhalb der Kirche gibt es kein Heil, muß aus dem Staat verjagt werden." Oder Tafel 11 „Der Kampf um die Trennung von Staat und Kirche" mit August Bebel: „Der Sozialismus (...) betrachtet die Religion als Privatsache, mit der weder der Staat noch die Kommune das geringste zu tun haben."

 

Exemplarisch werden auf allen Tafeln historische Ereignisse sowie Denker, deren Werke und Organisationen vorgestellt, die im Kampf für ein menschenwürdiges Leben eine Rolle gespielt haben. Auf Tafel 9 heißt es daher u.a.: „Die 1848 vom Paulskirchenparlament verabschiedete Verfassung garantiert erstmals Religionsfreiheit und fordert die Trennung von Kirche und Staat. Jedoch tritt diese Verfassung nie in Kraft. Die Machtstellung der Kirchen bleibt unangetastet." - Und das ist 170 Jahre später immer noch so... Und darauf geht z.B. auch die Tafel 18 ein: „...die Liste der kirchlichen Privilegien ist lang. Vor allem in Süddeutschland prägen Kruzifixe Amtsstuben, Gerichte und Schulen."

 

Für Menschen aus anderen Bundesländern sind die dem DHUBW gewidmeten Seiten besonders interessant, bekommt er doch dort einige Eindrücke von regionalen Besonderheiten vermittelt. Angesprochen wird hier u.a. daß sich in Ulm schon sehr frühzeitig ein bedeutsames freigeistiges Zentrum in Württemberg bildete oder daß Freigeister, wie Albert Dulk oder Jakob Stern, in diesem Landesteil von Anfang an auch die soziale Frage mit Nachdruck stellten. Erwähnung findet in diesem Zusammenhang übrigens sogar ein Thüringer, Karl-August Specht. Und nicht zuletzt wird das „Humanistische Zentrum Stuttgart" vorgestellt, Sitz des Landesvorstandes und einer „Humanistischen KiTa".

 

Abrundung erfährt das Begleitheft durch einen längeren Theorie-Beitrag von Horst Groschopp „Humanismus in der Aufklärung" (S. 33-37). In seinem Fazit schreibt dieser: „Humanismus ist eine historisch gewordene Kulturauffassung von 'Barmherzigkeit', Bildung und 'Menschlichkeit', die weltanschauliche Richtungen und kulturelle Ansichten bündelt, die mit einem historischen, rationalen und an allem zweifelnden Herangehen 'Menschenwürde' definieren und damit verbundene Fragen anthropozentrisch beantworten. Diese Definition ist sehr lückenhaft. Doch sie soll ja zur Kritik herausfordern und die Debatte beleben."

 

Damit trifft Groschopp auch das Anliegen von Ausstellung und Begleitheft. Letzteres sollte weite Verbreitung finden, gerade in den kleinen HVD-Landesverbänden. Denn diese in jeder Hinsicht gutgemachte Publikation ist als überaus fundierte Materialsammlung bei der Ansprache von potentiellen Mitgliedern geeignet und sicherlich sogar anschaulich-ansprechender als lange Texte wie das „Humanistische Selbstverständnis". Ein besonderer Dank sei deshalb auch den Mit-Schöpfern Andreas Henschel und Heiner Jestrabek gesagt!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Die Humanisten Baden-Württemberg (Hrsg.): Humanismus - Geschichte und Gegenwart. Eine Ausstellung. 40 S. brosch. Stuttgart 2018. 10,00 Euro. ISBN 978-3-00-057811-3

Diese Broschüre im A4-Format kann über das Humanistische Zentrum, Mörike-Straße 14, 70178 Stuttgart, eMail: kontakt[at]dhubw.de, bezogen werden.

 



 
04.03.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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