Im junge-Welt-Gespräch: »Kirche wirkt systemstabilisierend«

WEIMAR. (fgw) jW-Mitarbeiter Kristian Stemmler führte für die diesjährige Oster-Ausgabe seiner Zeitung mit dem 73jährigen pensionierten Pastor Christian Arndt ein Gespräch über die evangelische Militärseelsorge, die Heimlichtuerei um deren Entstehung nach 1945 und die Absegnung von Kriegseinsätzen durch die Kirchenleitungen.


In diesem Artikel, der hier nicht weiter kommentiert werden braucht - er spricht für sich - heißt es u.a.:

(...)

Es gab also schon damals Pastoren auf beiden Seiten, für und gegen die Obrigkeit. Wenn Sie sagen, die Disziplinierungsgespräche seien erfolglos gewesen: Sie engagierten sich weiter?

(...) 1984 veröffentlichten wir - etwa 25 Pastoren - einen Aufruf zur Verweigerung aller Kriegsdienste. Das war der kirchlichen Obrigkeit dann doch zu viel. Man leitete ein Amtszuchtverfahren - so hieß das - gegen uns ein, in dem festgestellt wurde, dass der Aufruf »auf Agitation hinausläuft, die Einheit der Kirche belastet, mit Ihrem pastoralen Auftrag nicht vereinbar ist«. (...)

 

(...) Gibt es überhaupt noch linke Pastoren?

Es gibt schon Menschen und Einrichtungen in der Kirche, die sich engagiert um Opfer des neoliberalen Systems sorgen und sich für sie einsetzen, aber eben nur um diese in ihrem Opfersein. Dabei bleibt es meist. Die strukturellen Ursachen von Armut, Hunger, Flucht, Umweltzerstörung und Kriegen und die dahinter stehenden Interessen werden nicht benannt und mit den Betroffenen zusammen bekämpft - das wäre für mich »links«. In diesem Sinne ist die Kirche eigentlich nicht unpolitisch, sondern eminent politisch: weil sie systemstabilisierend wirkt. (...)

 

Sie haben sich eingehend mit der Rolle der evangelischen Militärseelsorge befasst, die durch die Unterstützung für deutsche Auslandseinsätze ein krasses Beispiel für die Staatsnähe der Kirche darstellt. Ich frag' mal ganz direkt: Warum muss es überhaupt Militärgeistliche geben?

Im Staatsinteresse - und dem fühlen sich das kirchenleitende Personal und die weit überwiegende Mehrheit der Pastoren in den lutherischen Kirchen verpflichtet. Nicht erst der IS missbraucht den Glauben. Adolf Hitler beschrieb die Funktion der Geistlichkeit im Krieg mit Blick auf seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg so: »Ob protestantischer Pastor oder katholischer Pfarrer, sie tragen beide gemeinsam im Kriege unendlich bei zum so langen Erhalten unserer Widerstandskraft.«

 

Der Segen der Kirchen stärkt also die Moral der Truppe, was wenig überrascht. Eher unbekannt ist aber, unter welch klandestinen Bedingungen die Militärseelsorge nach 1945 auf dem BRD-Gebiet neu gegründet wurde.

Es war ein damals verschwiegener und ist heute ein beschwiegener Vorgang. (...)

 

Von welchen Leuten sprechen Sie?

Aus der großen Menge nenne ich mal Hanns Lilje, Otto Dibelius und Hermann Kunst.

 

Die Namen sagen nicht jedem etwas.

Was man über alle drei sagen kann: Sie waren Antidemokraten, geprägt vom Staatskirchentum, vom Antisemitismus, vom Kampf gegen die Arbeiterbewegung. In der NSDAP fanden sie einen Bündnispartner. Dennoch gelten sie bis heute als »bedeutende Persönlichkeiten des Protestantismus im 20. Jahrhundert«, was einer Verhöhnung aller Opfer des Faschismus gleichkommt.

 

Lilje ist für viele in der Kirche bis heute einer, der den Nazis die Stirn geboten hat.

Ja, aber das ist kompletter Unsinn! Er hat die Machtübergabe von 1933 begrüßt. (...)

 

Und wie kam der Mythos auf, er hätte Widerstand geleistet?

Gegen Ende des Krieges saß er kurz in Gestapo-Haft, weil er Kontakt zu dem Kreis um die Attentäter des 20. Juli gehabt hatte. Dabei hatte er nach späteren Recherchen sowohl jede Mitwirkung als auch jede Hilfe für sie abgelehnt. (...)

 

Und Otto Dibelius war vom selben Kaliber?

Der war eher noch fanatischer. (...)

 

Dibelius zog sich aber doch zurück und engagierte sich in der Bekennenden Kirche.

(...) Bis heute glauben viele, die Bekennende Kirche sei ein Hort des Widerstands gewesen, das ist aber falsch. Sie waren gegen die »Deutschen Christen«, aber mehrheitlich nicht gegen Hitler. Nur eine winzige Minderheit versuchte, dem Faschismus zu widerstehen. Nach dem Krieg war Dibelius - wie andere Kirchenführer auch - kämpferischer Lobbyist der Nazikriegsverbrecher und bezeichnete die Nürnberger Prozesse als »haarsträubende Vergeltung der Sieger«.

 

Und Hermann Kunst?

(...) 1960 übergab Kunst im Auftrag des Rates der EKD der Bundesregierung den Brief eines Linzer Superintendenten, in dem dieser Eichmann, den Organisator des Holocaust, als »grundanständig«, mit »gütigem Herz« und »großer Hilfsbereitschaft« beschrieb. Kunst bemerkte: Das sei »mindestens interessant«! All das kein Hindernis für ihn, Mitte der 50er Jahre das Amt des Militärbischofs zu übernehmen.

 

Wie Sie recherchiert haben, waren diese drei, Lilje, Dibelius und Kunst, in den 50ern an der Reorganisation der Militärseelsorge maßgeblich beteiligt.

Ja, ab 1951 wurde alles in geheimen Gesprächen mit Politikern und Militärs ausgemauschelt - ein Vertrag ohne Kündigungsmöglichkeiten. (...)

 

Über diese Vorgänge wird heute in der evangelischen Kirche vermutlich ungern geredet.

Sie werden totgeschwiegen! (...)

 

Man darf doch annehmen, dass über Lilje, Dibelius und Kunst, auch nichts Negatives veröffentlicht wird.

Allerdings. Da war und ist heute noch Weißwaschen angesagt, was einer Verhöhnung aller Opfer des Faschismus gleichkommt. (...)

 

Nach der sogenannten Wiedervereinigung ist den Kirchen der DDR das bundesdeutsche Seelsorgesystem aufgezwungen worden.

Richtig. Kohl hat gesagt, der Militärseelsorgevertrag wird nicht geändert, basta! Das war den Westdeutschen sicherlich ganz lieb. Und so kam es.

 

Ich fasse zusammen: In der evangelischen Kirche gab es nach 1945 eine unselige Kontinuität, die bis heute nicht thematisiert wird - und die Militärseelsorge wurde von Bischöfen neu gegründet, die glühende Anhänger der Nazis gewesen waren. Es erscheint mir jetzt plausibler, dass die evangelische Kirche die Auslandseinsätze der Bundeswehr heute anstandslos mitträgt.

Ich kann mich an keinen Krieg in der deutschen Geschichte erinnern, bei dem die Kirchen nicht mit dabei waren. Aber die EKD und der schon erwähnte Rink würden Ihnen da vorhalten: Heute ist es etwas ganz anderes. Die Bundesrepublik sei ja ein Rechtsstaat, und jetzt verteidige die Bundeswehr »westliche Werte«, also Freiheit und Demokratie, die Menschenrechte und so weiter.

 

Und mit diesem Argument trägt die EKD sämtliche deutschen Kriegseinsätze mit, von Mali bis zum Hindukusch?

Ja, es wird alles abgesegnet. Zum Beispiel die Beteiligung deutscher Soldaten am völkerrechtswidrigen US- und NATO-Krieg »Enduring Freedom« in Afghanistan 2001. Der UN-Flüchtlingskommissar forderte damals den Stopp der Bombardierungen, um vor Wintereinbruch die geflüchteten Menschen zu versorgen. Die VELKD - das ist die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands, ein Zusammenschluss von sieben Landeskirchen - erklärte, sie könne einem Ende der Bombadierungen nicht das Wort reden. Den Beschluss hat übrigens Bischöfin Margot Käßmann mitgetragen, die später lamentierte, es wäre nicht alles gut in Afghanistan. Die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA meldete im Mai 2010, wenige Monate nach dem von einem deutschen Offizier zu verantwortenden Massaker bei Kundus: »Der Einsatz militärischer Gewalt in Afghanistan nach Ansicht des nordelbischen Bischofs Gerhard Ulrich (Schleswig) weiterhin ethisch legitim.« Heute ist Ulrich Landesbischof der Nordkirche. Die Liste ist lang.

 

Den Dammbruch gab es aber doch schon im Kosovo-Krieg 1999. Ich erinnere mich daran, wie enthusiastisch protestantische Amtsträger die Teilnahme der Bundeswehr am Überfall auf Serbien begrüßten.

Die Kirchen standen voll hinter der deutschen Beteiligung. Im »Wort zum Sonntag« wurden die Propagandalügen der Bundesregierung wiedergekäut. Dass der Angriff völkerrechtswidrig war, war kein Thema. (...)

 

Aber die Bischöfe wissen doch sehr genau, dass die Auslandseinsätze der Bundeswehr ganz anderen, geostrategischen Zielen dienen. Da gibt es ja nun genug Äußerungen von Politikern, von Horst Köhler, Joachim Gauck, Ursula von der Leyen, Frank-Walter Steinmeier und anderen.

Natürlich wissen sie das, aber sie kritisieren es dennoch nicht - sie sind staats- und systemtragend. Im Grunde steht eine Raubtheologie dahinter. Wir dürfen andere Länder überfallen, um unseren Lebensstandard zu halten. Armut und Hunger auf der Welt werden in Kauf genommen. Die Kirchen sind Teil des militärisch-ideologischen Komplexes, agieren oft wie eine PR-Abteilung der Bundesregierung. (...)

 

Die Kirchen unterstützen die Agenda der Mächtigen also. Auf der anderen Seite hilft man gern dabei, die Menschen zu zerstreuen. Unsere Kirchen sind doch nur noch nette Locations für die »Kasualien«, also etwa Taufen und Hochzeiten, und geistliche Fitnessstudios für gestresste Mittelschichtler.

Geistliche Wellnesstempel gewissermaßen. Es wird weitgehend ein schlichtes Weltbild und eine entsprechend schlichte Theologie vermittelt...

 

(SRK)

 

 



 
15.04.2017

Von: Kristian Stemmler / SRK
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ