Im Namen des Atheismus wurden noch nie Kriege geführt!

WEIMAR. (fgw) Im Frühjahr 2015 wurde von der Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar der „Giordano-Bruno-Stiftung“ über „Freies Radio für Stuttgart“ eine dreiteilige Sendung zur Geschichte des Atheismus ausgestrahlt. Autor dieser Geschichte ist Heinz Boemer. Da dieses Freie Radio aber nur in einem geografisch sehr eng begrenzten Raum zu empfangen ist, entstand die Idee, die damals vorgestellten Inhalte einem breiteren Publikum anzubieten. Realisiert wurde diese Idee nunmehr in Buchform bei der „edition Spinoza“.


Vorab: Es ist schon äußerst bemerkenswert, daß es bei diesem lokalen Rundfunksender eine „Redaktion Humanismus und Aufklärung" gibt. Das dürfte in Deutschland einmalig sein. Und das kontrastiert auf wohltuende Weise die ansonsten übliche bundesdeutsche Praxis von mit Klerikern besetzten Kirchen-Redaktionen bei öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern sowie anderen Medien.

 

Ja, es gibt hierzulande zahllose Veröffentlichungen mit geschichtlichen Themen, für Fachleute ebenso wie für Laien. Dabei stehen allermeist die Mächtigen und die „Helden" im Vordergrund, in Europa dazu noch die christliche Religion und insbesondere die katholische Kirche mit einer eigenen sehr blutigen Geschichte. Sehr versteckt nur spielen religionskritische und atheistische Strömungen in den üblichen Geschichtswerken eine Rolle.

 

Deshalb will Heinz Boemers „Kurze Geschichte des Atheismus" einen rasch erfaßbaren Überblick gewähren über ein Thema, das auch heute noch gar zu gern unterdrückt wird. Entstanden ist Boemers Publikation auf der Basis seiner dreiteiligen Sendereihe im Frühjahr 2015 zur Geschichte des Atheismus bei „Freies Radio für Stuttgart".

 

Dieser Überblick beginnt mit notwendigen Begriffsbestimmungen und kurzen Betrachungen über die Frühgeschichte. Wohltuend hier, daß da eben nicht nur der mediterrane Kulturkreis betrachtet wird, sondern daß Boemer auf nachweisbare atheistische Strömungen in China, Indien und Persien eingeht. Schon ausführlicher gestreift wird die in dieser Frage doch widersprüchliche griechisch-römische Antike.

 

Detaillierter betrachtet Boemer das europäische Mittelalter, die Zeit der Renaissance sowie die „Neuzeit". Hervorhebenswert ist hier besonders die Würdigung von Jean Meslier (1664-1729) und dessen materialistischen Atheismus.

 

Die Zeit seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart bildet den Schwerpunkt des Überblicks. Umfangreicher als in den vorhergehenden Kapiteln werden hier Personen, freidenkerische und humanistische Organisationen und Positionen, nicht nur aus Deutschland. Weil säkulare Tendenzen, insbesondere in Europa und Nordamerika, im Wachsen begriffen sind, werde heuer von klerikaler Seite verstärkt antiaufklärerische Propaganda betrieben.

 

Was ist an Boemers Publikation so bemerkenswert? Daß er nicht nur auf bekannte Namen eingeht, sondern seinen Hörern (und nun auch Lesern) zahlreiche verschwiegene Persönlichkeiten vorstellt. Der Verlag hat Boemers Redetexte um illustrierte biographische Angaben und eine Zeittafel ergänzt. Verwiesen wird auf weiterführende Literatur, so u.a. von Bergmeier, Deschner, Groschopp, Ley, Mauthner oder Minois.

 

Allerdings muß der Rezensent einige kritische Anmerkungen machen. Zum einen behauptet Boemer, daß durch Stalin Mitte der 1930er Jahre in der Roten Armee die orthodox-kirchliche Militärseelsorge eingeführt worden sei, allerdings belegt er das nicht. Selbst gestandenen ostdeutschen Militärhistorikern ist dies völlig unbekannt. Und zum anderen spricht er fast ausschließlich von Gott (so auf S. 65: „daß gegen Ende des 20. Jahrhunderts mehr als ein Fünftel der der Menschheit nicht mehr an Gott glaube."), setzt diesen Begriff nicht Anführungszeichen und bedient sich so nicht nur der christlichen Terminologie, sondern gibt damit unkritisch auch deren Exklusivitätsanspruch wieder. In der säkularen, freigeistigen Bewegung sollte man sich endlich angewöhnen, korrekt und mit globaler Weltsich beispw. so zu schreiben: „nicht mehr an einen Gott oder an Götter glauben".

 

Welches Fazit zieht Boemer? Vor allem dieses: Daß im Namen des Atheismus noch nie Kriege geführt worden seien, aber allzu oft gegen ihn! „Daß Atheisten (...) verfolgt, verfemt und als unmoralisch erniedrigt wurden. Und das gerade von einer Religion, die Nächsten- und gar Feindesliebe propagiert und sich als höchste moralische Instanz der ganzen Menscheit geriert." (S. 72)

 

Es werde daher Zeit, diese unglaubliche Diskriminierung zu beenden und dem Atheismus die ihm zustehende Anerkennung zu zollen. Doch, so muß der Rezensent hinzufügen, ohne eigenes aktives Auftreten der Religionsfreien und der freigeistigen Organisationen in der Öffentlichkeit und gegenüber der herrschenden Politik wird das leider ein Wunsch bleiben.

 

Siegfried R. Krebs

 

Heinz Boemer: Eine kurze Geschichte des Atheismus. Von der Frühgeschichte bis in die Gegenwart. 84 S.m.Abb. Brosch. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2016. 9,90 Euro. ISBN 978-3-922589-65-5. (Bestellungen an: ed.spinoza@t-online.de)

 



 
13.09.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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