Immer wieder diese Alleingänge, die alles nur gefährden

WEIMAR. (fgw) Gut ein Jahr nach dem ersten Thriller über ein etwas ungewöhnliches Ermittler-Duo, den Feldjäger-Oberleutnant der Bundeswehr Mark Becker und die Stuttgarter Kriminaloberkommissarin Lisa Schäfer („Blutfährte“) hat Silvia Stolzenburg nun mit „Das dunkle Netz“ die Fortsetzung vorgelegt.


Der Titel deutet zwar auf das berüchtigte „Darknet" in den Weiten des „world wide web" hin, aber dieses spielt hier dennoch eine eher untergeordnete Rolle. Denn das was sich hinter bzw. in einer legalen privaten Sicherheitsfirma verbirgt, das stellt ebenfalls ein dunkles Netzwerk dar - ein Netzwerk von Personen...

 

Kai Jäger, ein ehemaliger Feldjäger, hatte nach seiner Dienstzeit bei einer großen privaten Sicherheitsfirma angeheuert. Während seiner Tätigkeit als Personenschützer stößt er auf ihm unheimliche Daten, die er heimlich kopiert. Man kommt ihm aber auf die Spur, er kann jedoch noch rechtzeitig eine Kopie ziehen und per Post an seinen früheren Bundeswehr-Kameraden Mark Becker senden. Verbunden mit der Bitte auf der Handy-Mailbox, weil Becker nicht ans Gerät geht, ihn dringend zurückzurufen. Als Becker dies erst spät bemerkt, reagiert Jäger auf Rückrufe nicht und Becker trifft Jäger auch nicht in dessen Wohnung an.

 

Die Leute der Sicherheitsfirma können Jäger dingfest machen und töten, lassen das ganze aber wie einen Unfall aussehen, bei dem das Opfer verbrannt ist.

 

Mit den Ermittlungen in diesem Tötungsdelikt wird Lisa Schäfer beauftragt. Schon bald kann man die Identität des Toten feststellen und stößt dabei - bei den Überprüfungen der Telefonverbindungen - auf Becker. Der wird zunächst als Zeuge vernommen, dann aber wieder wegen - der Bundeswehr-Vergangenheit des Opfers - der Kriminalpolizei als Verbindungsoffizier zugeteilt.

 

Unterdessen hat Becker das ihm zugeschickte Kuvert mit Jägers Datenstick erhalten. Er reicht dieses Beweismittel aber nicht weiter, sondern versucht mit Hilfe eines Freundes, die verschlüsselten Daten lesbar zu machen.

 

Lisa Schäfer ist mit der erneuten Zusammenarbeit mit dem ihr unsympathischen Offizier nicht gerade begeistet und so verhalten sich beide wie schon im ersten Fall wie Katz und Hund. Im Laufe der aktuellen Ermittlungen entwickelt sich jedoch zwischen dem ungleichen Paar ein kollegial-freundliches Verhältnis.

 

Gemeinsam stößt man auf die private Sicherheitsfirma, dort aber auch auf eine eherne Mauer des Schweigens. Die beiden verfolgen verschiedene Spuren, werden dabei von den Sicherheitsleuten zusätzlich auf falsche Spuren gelotst.

 

Beiden Ermittlern tut sich dabei ein weites Feld auf. War Jäger als Personenschützer einem Unterweltboss auf die Schliche gekommen? Mußte er deshalb sterben? Verbirgt sich, was weit schlimmer ist, hinter dieser Firma nicht doch eher ein privates Söldner-Unternehmen für Einsätze in diversen Kriegsgebieten?

 

Und Becker begibt sich wieder auf seine Alleingänge. Gerade als der Verdacht Söldner-Unternehmen greifbarer wird. Da er dort bereits bekannt ist, wendet er sich an Tim Baumannn, den er im ersten Fall retten konnte, um Hilfe. Dieser willigt eben deshalb ein und bewirbt sich im Darknet um einen ausgeschriebenen Job. Als er eine Rückantwort erhält, informiert er jedoch Becker nicht und tritt ebenfalls einen Alleingang an.

 

Beckers Feund hat inzwischen den Datensatz lesbar gemacht, Becker gibt den aber immer noch nicht an die Polizei weiter und dringt nun illegal selbst in die Sicherheitsfirma ein.

 

Baumann wird bei seiner Bewerbung sofort durchschaut und soll nach Folterung und erzwungener Aussage sterben. Deshalb wird nun auch Becker zum Abschuß freigegeben. Bei den Ermittlungen wird schließlich noch Lisa Schäfer angeschossen und der Oberleutnant ihr als Personenschützer beigegeben.

 

Nun erst teilt der Oberleutnant der Oberkommissarin mit, was er weiß. Es geht nicht nur um den Schutz von Gangsterbossen, auch nicht um Söldner-Einsätze. Das „Geschäft" ist noch viel ungeheuerlicher. Nun sind beide endlich auf der richtigen Spur, auch wenn sie mit dem „Zielobjekt" zunächst falsch liegen. Als endlich die Erkenntnis kommt, unternimmt Becker wieder einen Alleingang, diesmal aber gemeinsam mit Lisa Schäfer... Wobei beide selbst in höchste Lebensgefahr geraten...

 

Auch wenn in letzter Minute das schlimmste verhindert werden kann, kommt Becker nicht mehr mit einem Grummeln seines Chefs davon. Weil er insbesondere Tim Baumann eigenmächtig in Lebensgefahr gebracht hat, ist nun ein Ermittlungsverfahren, womöglich mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Dienst, unausweichlich geworden.

 

Das aber bleibt offen. Wie auch andere Fragen offen bleiben. Zum Beispiel die, wer der Drahtzieher des „dunklen Netzes" unter der Tarnung der Sicherheitsfirma ist und was aus diesem wird. Das alles schreit förmlich nach einer weiteren Fortsetzung.

 

Was aber zu bemängeln ist: Silvia Stolzenburg bedient hier leider erstmals den bundesdeutschen Mainstream, was die Ober-Bösewichter angeht. So ist der in Verdacht geratene Unterweltboss auf typisch bundesdeutsche Art ein Serbe. Noch mehr wird diesem Mainstream nachgegeben, wenn es um den Auftraggeber des „dunklen Netzwerkes" geht. Schade.

 

Fazit aber dennoch: Erneut eine Geschichte - ein Thriller im besten Wortsinne - mit noch mehr Thrill als im ersten Fall, die bis zur letzten Zeile spannend, un- und außergewöhnlich ist. Eine Geschichte, die dazu noch sprachlich und erzählerisch von bester Qualität ist - unterstützt durch glaubhafte und „messerscharfe" Dialoge. Eine Geschichte, die trotz aller Fiktion dennoch überaus authentisch wirkt. Eine Geschichte, die nicht nur spannend ist, sondern zugleich unterhaltend und sogar bildend geschrieben. Man denke nur an die dargestellten Strukturen und Gepflogenheiten in der kriminalpolizeilichen Arbeit.

 

Daß auch dieses Buch von Silvia Stolzenburg so meisterlich geworden ist, das liegt ganz besonders an ihren akribischen bis ins Detail gehenden Recherchen „vor Ort" in Verbindung mit ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe. Und das liegt zu guter Letzt an ihrer „wortstellerischen" Begabung, die sich immer wieder in der Plastizität der Beschreibungen von Charakteren, Situationen und Milieus zeigt.

 

Es bleibt schließlich nur noch diese Frage: Wird es Silvia Stolzenburg gelingen, in einem hoffentlich weiteren Band dem Thrill nochmals zu steigern? Naja, der Rezensent ist davon schon jetzt überzeugt!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Das dunkle Netz. Thriller. 278 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2280-5

 

 



 
18.02.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ