In Inspektor Azémars Suff spiegelt sich Haitis ganzes Elend

WEIMAR. (fgw) Ist es möglich, Qualität, Spannung und auch Authentizität in einer Krimi-Reihe nicht nur zu halten, sondern sogar noch zu steigern? Ja, einigen Autoren gelingt das tatsächlich. Besonders eindrucksvoll, ausdrucksstark und den Leser emotional aufwühlend gelingt das dem 1958 geborenen Haitianer Gary Victor. Dafür steht exemplarisch der nun auch auf Deutsch vorliegende dritte Band um den Kriminalinspektor Dieuswalwe Azémar. Und in Azémars Vita, insbesondere in seinem Alkoholismus, spiegelt sich individualisiert Haitis ganzes Elend.


Azémars neuem Fall hat Victor ein reales Geschehen aus dem Jahre 2006 zugrunde gelegt, es aber aber frei in die Geschehnisse der letzten Jahre eingeordnet. Dieser Fall steht für eine dritte Plage, die Haiti heimgesucht hat und noch immer heimsucht: Nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 mit mehr als einer viertel Million Toten und der kurz danach ausgebrochenen und ebenso verheerenden Cholera-Epidemie nun schließlich als Folge dieser Ereignisse das unheilvolle Agieren ausländischer, insbesondere US-amerikanischer und evangelikaler, „Nichtregierungsorganisationen" und von UN-Missionen. Die sich oftmals, ja zu oft, (meist) mehr oder weniger mit der Oligarchie und dem organisierten Verbrechen Haitis verbandelten. Und unter solchen Verhältnissen in einem chaotischen Umfeld will Azémar seinen Beruf als Kriminalinspektor ohne Ansehen der Person(en) ausüben. Was verständlicherweise schier unmöglich ist, wenn man mitteleuropäische Standards von Rechtsstaatlichkeit als universelles Maß aller Dinge ansetzt.

 

Um letzteres, also eine UN-Mission und Verbrechen in deren Umfeld, geht es in diesem Roman. Azémars neuer Chef, Kommissar Dulourd, hat dem von ihm ungeliebten Inspektor eine Entziehungskur verordnet, andernfalls hätte dieser aus der Polizei ausscheiden müssen. Übrigens, ist das bereits eine zweite Zwangskur, wie man später erfährt. Der Roman beginnt also mit der (wortmächtigen und überaus bildhaften) Beschreibung von Azémars Entzugserscheinungen. Was dieser im Fieberwahn an Alpträumen und Halluzinationen erleidet, das schont die Nerven des Lesers nicht. Und diese Bilder sollen den Inspektor während des gesamten Falles begleiten. Diese Bilder stehen auch dafür, daß Elend immer noch steigerbar sein kann.

 

Also, Azémar liegt in höchst elendiger körperlicher und seelischer Verfassung in seiner verwahrlosten, vollgekotzten Wohnung. Da begehrt eine schöne Frau Einlaß und ihn zu sprechen. Sie stellt sich als die Tochter des brasilianischen Generals und Chef der bewußten UN-Mission vor, der angeblich vor einigen Jahren Selbstmord begangen habe. Es sei aber Mord gewesen und der Inspektor der Täter. Und sie belegt das mit Fotos vom Tatort, die eindeutig Azémar beim Erschießen des Generals zeigen. Gerade als sie selbst eine Waffe auf den Inspektor richtet, dringen brasilianische Soldaten in dessen Haus ein. Der Inspektor kann fliehen, doch der kommandierende Offizier „erledigt" nun seine Landsmännin per Kopfschuß. Dieser Mord wird von den Behörden aber Azémar angelastet und er wird nun gleichzeitig von den Brasilianern und seiner eigenen Truppe gejagt.

 

Azémar versucht, nüchtern zu werden, denn er will Aufklärung. Er kann sich in keinster Weise an Ereignisse, wie auf den Fotos dargestellt, erinnern. Allmählich muß er erkennen, daß er Teil eines Komplottes geworden ist - aber wie? -, das sich gegen den General gerichtet hatte. Allerdings griff sein inzwischen verstorbener Chef Solon rechtzeitig ein, so daß des Generals Tod nur noch als Selbstmord hingestellt werden konnte. Wie man aber später erfahren wird, war selbst Solon Teil des Komplotts.

 

Trotz allem hat Azémar immer noch Freunde. Freunde, denen die Umstände ebenfalls nicht schmecken. Dabei stellt sich heraus, daß die Fotos vom Mord keinesfalls manipuliert, sondern echt sind. Und daß der Mord genau in der Zeit der ersten Entziehungskur stattgefunden hatte.

 

Aktuell ist außerdem der Sohn einer Oligarchen-Familie entführt worden. Hinter dieser soll der ominöse Bandenführer Raskolnikow stecken. Und Azémar hat immer auch noch vor Augen, daß er seinerzeit seinen Freund, den Literaten und Journalisten Pierre Quartier, nicht aus der Hand von Entführern hat retten können. Weil brasilianische UN-Soldaten dies durch Tatenlosigkeit verhindert hatten.

 

Langsam nähert sich der Inspektor den tatsächlichen damaligen Vorgängen und den Hintergründen für die Ermordung des Generals. Dieser war zwar rechts-konservativ, widersetzte sich aber den kriminellen Geschäften seiner Offiziere mit zwielichtigen Figuren aus Haitis Oberklasse und dem organisierten Verbrechen. Immer mehr kristallisiert sich dabei heraus, daß die aktuellen Banden-Aktionen nur Mittel zum Zweck im Machtkampf zwischen zwei Oligarchen-Clans sind.

 

Azémar wird daher insbesondere den Brasilianern immer gefährlicher. Und so wird auch noch seine Tochter Mireya entführt. Doch er gibt nicht auf. Dabei kann er sich auf die Hilfe seiner Freunde verlassen, geht aber auch ungewohnte (und nur zeitweilige) Allianzen ein. Sogar sein neuer Chef stellt sich auf seine Seite, sieht sich dieser doch allem Karrierismus immer auch als Patriot.

 

Auf dem Weg zur Aufklärung der Morde am General und dessen Tochter und zur Rettung seiner Tochter geht der Inspektor auf seine ganz eigene Weise vor. Für seine Tochter, die endlich ein menschenwürdiges Leben führen soll, würde er alles tun. Und er tut dafür auch alles. Ja, er fühlt sich nun sogar den beiden Mordopfern verpflichtet. So ist er schließlich nicht nur Ermittler, sondern in einer Person noch Ankläger, Richter und Vollstrecker bzw. brutaler Rächer. Ja, er tötet ohne Gnade (und Humanitätsduselei) die Verbrecher - und nur diese. Selbst wenn er selbst keinen Hoffnungsschimmer für sein Land und die einfachen Menschen sieht, so soll doch wenigstens ein besonders schlimmer Personenkreis aus dem organisierten Verbrechen, egal ob „ehrbare" Unternehmer, korrupte Politiker/Beamte, Banditen und UN-„Missionare", für immer ausgeschaltet werden.

 

Wie es dem Inspektor gelingt, seine Tochter (und nebenbei auch den entführten Oligarchen-Sohn) zu retten und wie er erkennt, wer sich hinter dem Pseudonym Raskolnikow verbirgt, das mag sich jeder selbst erlesen.

 

Man kann darüber streiten, ob diese keinesfalls rechtsstaatlichen letalen Lösungen moralisch vertretbar sind. Aber angesichts der Verhältnisse in seinem Lande kann der objektive Leser Azémars Tun durchaus verstehen.

 

Den Titel dieses Buches hat Gary Victor bewußt gewählt, wie auch den Namen Raskolnikow des einen Bandenchefs. Er nimmt damit deutlich Bezug auf Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne". Und so philosophiert Azémar in seinen lichten Momenten anhand des russischen Romans auch immer wieder über Moral, über Gut und Böse, so z.B. hier: „Wenn er tötete, tat er es für andere, für diejenigen, die sich von all den Folterknechten, den Betrügern, Flibustiern und Schurken befreien wollten, von denen dieses Land verseucht war." (S. 44) Oder hier: „Er hatte getötet mit dieser Hand, für eine bestimmte Vorstellung für Gerechtigkeit, damit Mörder nicht mehr weiter Unschuldigen das Leben nahmen. Unschuldigen, für die es keinen Schutz gab in diesem Land, das dem Lumpenpack mit gebundenen Händen und Füßen ausgeliefert war. Aber niemals hatte er einen anständigen Menschen mit Herz getötet." (S. 78) Später noch hier: „Er hatte getötet, damit jene Moral, die die Totengräber dieser Welt für überholt hielten, überlebte." (S. 122)

 

Mehr noch als die beiden ersten Bände ist dieser kapitalismuskritisch angelegt. Dabei räumt es nicht nur mit dem UN-Nimbus als neutraler Helfer auf. Das was für Haiti aufgezeigt wird, das zeigte sich in anderer Form bereits in Korea oder im Kongo: „Er war empört darüber, daß die UNO Hunderte Millionen Dollar ausgibt und behauptet, damit das Land zu stabilisieren, während wir in ständiger Instabilität gehalten werden, um die Anwesenheit der Ausländer zu rechtfertigen." (S. 110)

 

Victor hegt auch keine Sympathien für sich links und volksnah gegebende Politiker, die nach „Wahlen" unter UN-Aufsicht nur noch an die eigene Bereicherung denken. Immer wieder gibt er hier deutliche Hinweise auf den in Europa idealisierten Armen-Priester Jean-Bertrand Aristide. Da ist ihm ein unbestechlicher Konservativer wie der brasilianische General doch näher: „Der General, einer des besten Leute der brasilianischen Armee, will rasch gegen gewisse Elemente seiner eigenen Einheiten durchgreifen, die ihre Anwesenheit im Land als Gelegenheit betrachten, sich zu bereichern. Waffenschmuggel, Drogen. An den Entführungen beteiligt man sich nicht direkt, aber man nimmt Schutzgeld von den Kidnappern und verschließt dafür vor ihrem Treiben die Augen. Die, gegen die der General vorgehen will, sind jedoch schneller." (S. 86)

 

Was die elendigen Lebensbedingungen seiner Landsleute betrifft, so erkennt Azémar ganz realistisch mögliche Folgen: „In den Lagern [der Erdbeben- und Cholera-Opfer; SRK] staute sich ein Groll an, der jeden Moment explodieren konnte. Die Lager waren bereits die Hölle der nächsten Vergessenen, der neuen Zurückgelassenen. Hier würde man das Feuer und den Haß suchen, die für die Scheinumwälzungen notwendig waren, für die Inthronisation der neuen Monster, die sich auf dem Altar des Vaterlandes vollfressen wollten." (S. 76) Und aus den Reihen solcher Verzweifelten rekrutieren kriminelle wie terroristische Banden immer wieder willige Kumpane!

 

Zum real existierenden Kapitalismus auf Haiti heißt es in aller Deutlichkeit: „Vor den Fabriken der Zuliefererfirmen begannen die Busse die Fluten von Menschen auszuspeien, die ihre einzige Ressource, ihren Schweiß und ihr Blut, an die neuen Herren aus dem Norden [gemeint sind die USA; SRK] verkauften, jene Herren, die sich im Gegensatz zu den früheren Kolonialherren nicht darum scherten, ob die Sklaven sich von der Zwangsarbveit erholten, das heißt, ob sie zu essen hatten, sich nach der Arbeit ausruhten, bei guter Gesundheit waren. Angesichts des allgemeinen Elends konnten sie unbesorgt einen Schwarm von Arbeitern entlassen und sofort eine Masse neuer Anheuern." (S. 113)

 

Und „Die Mächtigen wie Ennberg hatten die Menschen immer mithilfe des Geldes kontrolliert, alles von ihnen erreicht. Daß jemand den Verlockungen des Dollars widerstehen könnte, ging über ihr Vorstellungsvermögen. Für sie war alles nur eine Frage des Betrages, der Zahlen." (...) Diese Mächtigen aber wissen auch dies: „Die Besitzlosen belagern uns. Sie dürfen unsere Schwächen nicht erraten, denn wenn sie einmal beschließen, uns fertigzumachen, sind wir unfähig zum Widerstand." (S. 126-127)

 

Ja, so funktioniert der Kapitalismus mit seinem Wesen, dem Streben nach Maximalprofit und so äußert sich der ständige Klassenkampf von oben!

 

Gary Victors empfehlenswerte Kriminalromane sind nicht nur von höchster inhaltlicher und schreiberischer Qualität, sie nicht minder äußerst gelungene Gesellschaftsromane. Sie vermögen den Leser, weil spannend erzählt, zu fesseln und regen zugleich zum Nachdenken über die Verhältnisse an. Über jene Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist." (Karl Marx)

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gary Victor: Suff und Sühne. Roman. A.d.Franz.v. Peter Trier. 160 S. kart. Litradukt-Verlag. Trier 2017. 11,90 Euro. ISBN 978-3-940435-200

 



 
08.08.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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