In München wartet nicht das Paradies, sondern nur der Tod

WEIMAR. (fgw) In ihrem neuesten Krimi läßt das Autoren-Duo Stefanie Gregg und Paul Schenke seine beiden Protagonisten, die Staatsanwältin Elena Karinoglous und Hauptkommissar Fricke, nicht wie gewohnt an der Kieler Förde ermitteln. Beide sind nun per Amtshilfeersuchen an der Isar, konkret in München und Umgebung, im Einsatz.


Ein neuer Tatort, nein sogar mehrere Tatorte, aber gewohntes Agieren der beiden. Dienstlich ergänzen sie sich, trotz mancher Fricke'scher Eigenwilligkeiten, aufs beste. Privat sind sie zwar inzwischen ein Liebespaar, doch immer noch schwanken die Befindlichkeiten zwischen Anziehung, Zurückziehung, Abstoßung. Auch jetzt wieder beim Ermitteln in München...

 

Was erwartet den Leser? Die Polizei steht vor einem Rätsel. Es werden immer wieder die Leichen junger Menschen gefunden, denen jeweils nur ein Organ fachmännisch entnommen worden war. Warum wurden sie aber nicht vollständig „ausgewaidet"? Diese Frage stellen sich die Münchener, aber auch das hinzugezogene Ermittler-Duo. Klar ist eigentlich nur, daß es sich hier um Fälle von gezielten illegalen Organtransplantationen handelt, und daß die Opfer junge Ausländer sind. Augenscheinlich aus Südosteuropa stammend. Wer aber sind die involvierten Ärzte? Wer die Auftraggeber bzw. Empfänger? Auf welchen Wegen kommen die „Spender" nach Deutschland und wo werden sie „untergebracht"? Und - wer sind die „Schlepper"?

 

Antworten gibt es lange Zeit nicht, obwohl das Geschehen im Roman nicht viel länger als eine Woche dauert.

 

Der Leser erfährt aber fast gleich am Anfang, daß Majlinda aus der Umgebung der albanischen Hauptstadt Tirana auf dem Heimweg von der Schule verschwunden ist. Daß die Spuren irgendwie nach Deutschland führen. Diesem Mädchen wurde wie anderen eine glänzende Zukunft als Fotomodell versprochen. Und daß sie mit dem so reichlich verdienten Geld ihre armen Familien würden unterstützen können. Doch warum werden die Mädchen, aber auch einige Jungen, in einem LKW-Container eingeschlossen illegal nach Deutschland gebracht? Warum erwartet sie in Deutschland kein Hotel, sondern nur ein bewachtes Burgverlies? Bald schon erkennt nicht nur Majlinda, daß das alles nicht mit rechten Dingen zugehen muß...

 

Derweil beauftragt Majlindas Onkel ihren Bruder Adnan mit der Suche nach dem Mädchen. Und macht ihm Hoffnungen, dereinst sein Nachfolger als Clan-Chef zu werden. Adnan spricht nicht nur sehr gut Deutsch, er hat auch eine militärische Ausbildung als Einzelkämpfer absolviert. Adnans Frau will aber ihren Mann unbedingt begleiten und dabei auch das gemeinsame Kind mitnehmen. Adnan willigt ein, macht sich aber keine Gedanken darüber, warum sie auf illegalem Weg über die Adria reisen sollen.

 

Unterdessen wird auch Majlindas Leiche gefunden, aber ohne Organentnahme. Das wirft neue Fragen auf. Ihre Recherchen führen die Ermittler in eine Asylbewerber-Unterkunft. Dort treffen sie auch auf Adnan und Familie. Durch Zufall bekommt dieser mit, daß seine Schwester tot ist. Ermordet. Und ihm fällt zugleich eine Liste mit den Namen jener Ärzte in die Hände, die von der Polizei verdächtigt werden.

 

Es gelingt Adnan, sich abzusetzen und Karinoglous und Fricke vorerst abzuhängen. Adnan will jetzt nicht mehr nur seine Schwester finden, sondern vor allem Rache nehmen an den Ärzten und den Menschenhändlern. Damit beginnt ein Wettlauf zwischen dem Albaner und den beiden Deutschen. Ein Wettlauf mit unterschiedlichen Motiven bzw. Zielen: Adnan will Rache, Fricke Gerechtigkeit, Karinoglous Rechtsprechung. Dabei sind sich Adnan und Fricke eigentlich gar nicht so weit auseinander.

 

Natürlich werden beide Seiten schnell fündig, was das „menschliche Ersatzteillager" und die Schlepper angeht. Doch nach wie vor ist Adnan nun immer einen Schritt voraus. Obwohl jetzt auch nach ihm gefahndet wird, kann er wieder und wieder entkommen. Und arbeitet nun die Ärzteliste ab.

 

Es bleibt bis fast zur letzten Seite spannend, auch weil sich das Geschehen immer rasanter entwickelt und zuspitzt. Die Antworten, die sowohl Fricke und Karinoglous als auch Adnan schließlich finden, sind für sie überaus schockierend und für den Leser dazu noch verblüffend. Aber stets logisch und nachvollziehbar.

 

Zur Spannung und zur Lesefreude tragen neben der unerhörten Begebenheit - dem doch außergewöhnlichen Verbrechen - unbedingt auch die Dialoge Fricke - Karinoglous bei. Wie die sich verbal kabbeln, das hat was! Wie das seitens des Autoren-Duos erfolgt, daran läßt Stefanie Gregg die Leserschaft wiederum in einem Zitaten-Anhang teilhaben.

 

Erfreulich ist ferner, daß neben diesem kriminellen Geschehen auch Einblicke in die Gepflogenheiten und Zustände in Asylbewerber-Heimen gegeben werden. Und welchen Kulturschock die Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen tatsächlich sehr real erleben dürften. Real sind auch die insbesondere Model-Versprechungen, mit denen gerade junge Frauen nach Deutschland gelockt werden. Zwar weniger um als Organspenderin zu dienen, dafür um so mehr als Nachschub für Bordelle.

 

Wenn der Rezensent diesen dritten Gregg-Schenke-Krimi erneut in höchsten Tönen loben will und kann, so muß er gerade deshalb auf einige Schnitzer aufmerksam machen. Schnitzer, die zwar bedauerlich sind, die aber den Gesamteindruck beim normalen Leser nicht schmälern dürften. Wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden:

 

So hantieren im Roman sowohl die Menschenhändler als auch das polizeiliche Sondereinsatzkommando mit Maschinengewehren. Obwohl es sich bei diesen Waffen um Maschinenpistolen oder Sturmgewehre handeln dürfte. Peinlicher ist da schon, daß die albanischen Frauen im Asylbewerber-Heim den Hidschab oder gar andere Verschleierung tragen. Das dürfte auf Personen wie Adnans Frau - aus dem Umfeld der Hauptstadt - nicht zutreffen. Zumal ja im Albanien der Gegenwart Frauen sogar Posten wie Verteidigungsministerin und Stellvertretende Generalstabschefin bekleiden. Da sind die Autoren doch etwas übers Ziel hinausgeschossen. Naja, zu groß sind ja die deutschen Klischees über Länder und Menschen außerhalb unseres Kulturkreises...

 

Wie kehren nun aber, zurück zum Roman, Fricke und Karinoglous zurück an die Förde? Wie - das meint ihre persönliche Beziehung. Man darf so auf den nächsten Roman von Gregg & Schenke mehr als gespannt sein.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stefanie Gregg & Paul Schenke: In München wartet der Tod. Kriminalroman. Klappenbroschur. 252 S. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2575-2

 



 
17.02.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ