Josef Schiller: Deutschböhmischer Arbeiter und Freidenker

Weimar. (fgw) Der humanistische Freidenker und Verleger Heiner Jestrabek hat erneut eine leider zu Unrecht vergessene Persönlichkeit wiederentdeckt und stellt diese - es handelt sich um den deutschböhmischen proletarischen Freigeist, Dichter und Aktiven der jungen Sozialdemokratie Österreichs Josef Schiller - in einer bemerkenswerten Publikation vor.


Josef Schiller, genannt Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 in Reichenberg/Liberec als Sohn armer Weber geboren und starb in der Emigration am 17. August 1897 in den USA - im Städtchen Germany (!), Pennsylvania.

 

Bereits als Kind mußte er nach dem frühen Tod des Vaters seinen Lebensunterhalt selbst als Fabrikarbeiter verdienen. Schiller, der erst im Alter von zwölf Jahren Lesen und Schreiben lernte, begann aber bereits mit 18 zu dichten. Und - früh politisch engagiert - wurde er bald zum beliebtesten Redner von Arbeiterversammlungen in Reichenberg und Umgebung. 1868/69 wurde Schiller Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen und trug hier eigene Gedichte vor. Fortan engagierte er sich neben seinem Broterwerb bzw. in Zeiten der Arbeitslosigkeit als politischer Agitator, Organisator und Journalist.

 

Diese künstlerische und politische Entwicklung beschreibt Jestrabek in der Einleitung der Schiller würdigenden Publikation sehr anschaulich. Man staunt noch heute, welche Talente in diesem Arbeiterjungen gesteckt haben müssen. Jestrabek hebt zusammenfassend u.a. dies hervor:

 

„Er wurde [ab 1879/80; SRK] zum populärsten Arbeiterdichter seiner Zeit, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie und ständige Querelen mit der Parteiführung blieben nicht aus. In dieser Zeit gab er auch seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus." (S. 8)

 

„Im Jahr 1890 erfolgte die Gründung des „Freigeist", dem Organ der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Dieses Blatt wurde u.a. von Schiller herausgegeben. (...) 1896, nach einem offenen Konflikt mit der Parteiführung, blieb dem mittellosen Schiller nur noch die Möglichkeit der Auswanderung in die USA und der Versuch, dort eine neue Existenz aufzubauen. (...)

 

Josef Schiller gestaltete seine Dichtung ohne sich auf fundierte Bildung stützen zu können und nach langer kräftezehrender harter körperlicher Arbeit und langen Arbeitstagen. Sein Publikum, das einfache Volk dieser Zeit, war ebenfalls schlecht ernährt und gebildet, früh gewohnt an harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage, ohne hohe Lebenserwartung und Reizüberflutung.

 

Seine äußerst populären Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern.

 

Schwermütige Gedichte voll Todessehnsucht wechselten ab mit kräftig derbem Humor. Schiller trug seine Dichtungen selbst vor und bereiste damit die deutschsprachigen Gebiete Böhmens. (...)

 

Als Sozialist war Schiller wahrhaft libertär und blieb immer der radikale ehrliche Proletarier. Kein Funktionärsposten oder Parlamentssitz konnte ihn korrumpieren. Diese Parteibürokraten, die nicht mehr „für die Bewegung", sondern „von der Bewegung" lebten, waren für ihn ein rotes Tuch.

 

Er geißelte sie schonungslos schon in seinen politischen Polemiken in „Der Radikale", aber noch wirkungsvoller in seinen Satiren." (S. 8-11)

 

 

Für Jestrabek ist aber auch diese Seite Schillers von besonderer Bedeutung:

 

Die frühe sozialistische Arbeiterbewegung war noch selbstverständlich verbunden mit der Freidenkerbewegung und der Religions- und Kirchenkritik: „Als Freidenker kämpfte er mit seinen philosophischen Gedichten und seinen Satiren gegen den volksverdummenden Klerus." (S. 11)

 

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten „Der Konfessionslose" (1870), „Die Buße" (1872), „Die Christnacht", „Der Geist der Geschichte" und „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand" (alle 1880) sowie „Weihnachtsabend" (1873) wie auch im Festspiel „Selbstbefreiung" (ebenfalls 1883).

 

Jestrabek stellt diese Gedichte, dazu etliche Gedichte über das harte Arbeiterleben, aber auch autobiographische Texte und politische Zeitungsartikel im Wortlaut vor. Und damit erleben Schillers Werke nach genau 80 Jahren eine Neuauflage.

 

Zum besseren Verständnis Schillers wie auch der seinerzeitigen Verhältnisse in der Monarchie Österreich-Ungarn, insbesondere im tschechischen Landesteil (Böhmen), hat Jestrabek noch ein ausführliches Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis" verfaßt. Böhmen und die 1918 gegründete Tschechoslowakische Republik (CSR) waren Vielvölkerstaaten. Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten dort auch etwa drei Millionen Deutsche.

 

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Aspekte des nicht immer friedlichen Zusammenlebens: tschechischer Nationalismus, deutsch-nationaler („sudetendeutscher") Chauvinismus, klerikale Destabilisierungspolitik (insbesondere in der Slowakei), Münchner Diktat, deutsche Okkupation, antifaschistischer Widerstandskampf, die von den Alliierten beschlossene Aussiedlung der Deutschen nach 1945, die aber zu oft in wilde, inhumane Vertreibungen ausartete, bis heute lebender sudetendeutscher Vetriebenen-Revanchismus, aber auch die deutsch-tschechische Aussöhnung.

 

Für die sogenannte Zwischenkriegszeit führt Jestrabek hierzulande wenig Bekanntes an, das aber für heutige religionsfreie Menschen durchaus von großem Interesse sein dürfte:

 

Er beginnt diesen Abschnitt mit der Wiedergabe der „Unabhängigkeitserklärung des tschechoslowakischen Volkes" vom 18. Oktober 1918, in der es bereits ganz weit vorne heißt: „Die Kirche wird vom Staate getrennt werden." Im weiteren führt er dazu in der vorliegenden Publikation im Abschnitt „Freidenkerbewegung" aus:

 

„...erlebte die Freidenkerbewegung in der Tschechoslowakischen Republik einen ungeheuren Aufschwung. In den Jahren der ersten Republik 1918-1938 traten fast 1,5 Millionen Katholiken aus der Kirche aus, darunter jeder zweite tschechische Lehrer.

 

Schon in Zeiten der Donaumonarchie hatte seit 1887 ein Verein der Konfessionslosen bestanden, der seit 1899 das Blatt „Der Freidenker" herausgab. In Nordböhmen unterstützten Sozialdemokraten wie Ferdinand Schwarz und Josef Schiller eifrig das Freidenkertum. 1893 gründete sich in Reichenberg ein Verein der Freidenker mit dem Obmann Josef Beranek, der die Monatsschrift „Zeitschwingen" herausgab.

 

1906 gründete sich in Gablonz/Jablonec ein Freidenkerbund für Böhmen. Julius Reckziegel und Emil Schöler, bekannte Männer der Arbeiterbewegung, waren die Initiatoren. Im Jahr 1914 waren es die Freidenker in Böhmen, die kompromisslos gegen den imperialistischen Krieg auftraten und deshalb von den k.u.k.-Behörden verboten wurden.

 

In der neu entstandenen CSR wurde wiederum 1919 in Gablonz/Jablonec die Gründung des Freidenkerbundes für die Tschechoslowakische Republik und die Herausgabe des Organs „Freier Gedanke" beschlossen. Prag wurde zum Sitz des Bundes und Prof. Ludwig Wahrmund (1860-1932) zum ersten Obmann gewählt.

 

Durch starken Einfluss der sozialistischen Arbeiterbewegung entstand 1923 der Bund proletarischer Freidenker und der Anstoß zur Gründung der Internationale proletarischer Freidenker in Teplitz/Teplice zu Pfingsten 1925, deren erster Vorsitzender Prof. Theodor Hartwig (1872-1954) aus Brno wurde. Im tschechischsprachigen Teil der CSR bestand der mitgliederstarke Verband der Konfessionslosen/Svaz proletarskych bezvercu." (S. 160-61)

 

 

Heiner Jestrabeks Fazit lautet:

 

„Die Turbulenzen im Verhältnis unserer Nachbarvölker und die Katastrophen, verursacht aus blindem Nationalismus, lassen nur die Lehre zu: Es darf nie wieder Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Krieg geben. Gewaltverzicht, Absage an Revanchismus, dafür Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben muss das Ziel aller sein. Gerade die böhmischen Literaten gaben hierfür ein gutes Beispiel der gegenseitigen Befruchtung. Die Politik hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen: Soziale Gerechtigkeit und Laizismus sind unabdingbar." (S. 167-168)

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller, nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Mit einem Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis". 174 S. mit Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-70-9

 

Bestellungen können direkt beim Verlag per eMail ed.spinoza(at)-online.de erfolgen.

 

 



 
25.12.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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