Eine Jugend und Pubertät im Frankreich zur Zeit de Gaulles

WEIMAR. (fgw) Nach „Ungeteerte Straßen“ (2017) hat Gérard Scappini nun mit „Am anderen Ende der Stadt“ im Pendragon-Verlag einen zweiten Band seiner „lyrischen Prosa“ über seinen fiktiven Helden Pascal Napolitana vorgelegt.


Ging es im ersten Band um die Kindheit, so reflektieren die 57 Texte im zweiten nun die frühe Jugend und Pubertät Pascals. Wobei man Pascal durchaus als das „alter ego" des Autors ansehen darf.

 

Der Untertitel „Eine Jugend in Frankreich" gibt Aufschluß auf die Verhältnisse und Entwicklungen dieser Jahre. Sie decken sich im wesentlichen mit der Präsidentschaft Charles de Gaulles, mit dem Befreiungskampf der Algerier von französicher Kolonialherrschaft sowie den Veränderungen in der Sozialstruktur Frankreichs.

 

Gleich im ersten Text heißt es dazu:

 

„In diesem neuen Viertel,

am anderen Ende der Stadt,

wohnen wir jetzt in einer Sozialwohnung.

Unter Proleten, sagt Mama anzüglich,

fühlt sich dein Vater am wohlsten.

Im vierzehnten Stockwerk

befindet sich unser neues Zuhause

mit Badezimmer und eigenem, separatem Klo.

Vom Balkon aus

eine unverbrauchte Sicht auf den Hafen,

frohlockt Vater,

und mit einem Aufzug."

(S. 7)

 

Pascals Familie hat damit zumindest wohnungsmäßig den „Aufstieg" geschafft. Insbesondere die Mutter genießt das und hat Großes mit Pascal und seiner Schwester vor. Beide sollen einmal etwas „Besseres" werden, nicht mehr Proleten bleiben. Und so wird der Vater gedrängt, eine Fortbildung anzunehmen. Die dieser auch erfolgreich absolvieren kann, so daß er sich künftig in einem Bürojob über die einfachen Arbeiter erheben kann - im Herzen aber immer dennoch Prolet bleibt. Zum Aufstieg gehört ferner, daß der Vater sich recht bald sogar ein kleines Auto leisten kann.

 

Während Pascals Schwester die höhere Schule - und eine musische Ausbildung - mit Leichtigkeit bewältigen kann, hat Pascal kein Interesse an Schule. Nicht nur schlechte Leistungen, sondern mehr noch ungebührliches benehmen führen zu mehreren Schulverweisen. Schließlich schlägt er sich als Hilfsarbeiter in einem Großmarkt durch. Sehr zum Mißfallen der Mutter, die ihn nun zum „zweiten Bildungsweg" nötigt.

 

Scappini zeichnet ein Sittenbild der damaligen Zeit. Ohne große Worte. In seinen Texten widerspiegeln sich Normalität, Banales, Aufregendes. Widersprüchliche Moralauffassungen werden keinesfalls ausgeklammert; sie nehmen sogar breiten Raum ein.

 

Wie sich der moderne Kapitalismus zu entwickeln beginnt, wie ursprünglich Bürgerliches nun auch in den „Unterschichten" zur Normalität wird, das zeigt sich u.a. in Text 6:

 

„Margot, sagt Vater,

ich muß ein Bankkonto eröffnen.

Unbedingt.

Mutter blickt Vater überrascht an.

Erleichtert.

Ich.

Fast.

Im Büro, heute Morgen,

hat es unser Chef unmißverständlich mitgeteilt,

weil ab dem nächsten Monat unsere Gehälter nur

noch überwiesen werden, erklärt Vater mit einer

verstimmten Miene.

(...)

Und jetzt auch noch ein Bankkonto,

ich bin nur Arbeiter, kein Millionär!, schimpft er."

(S. 24-25)

 

Eine solch gravierende Lebensveränderung können sich Heutige wohl kaum vorstellen. Für Jahrzehnte war es ja üblich, daß Arbeiter und kleine Angestellte ihren Lohn bzw. ihr Gehalt am „Zahltag" - wochentlich oder monatlich - bar „auf die Hand" ausgezahlt bekamen.

 

Zu den weiteren nachhaltigen Veränderungen im sozialen (und ebenso im politischen) Leben gehört die massenhafte Ansiedlung der „Algerien-Franzosen" im Süden Frankreichs. Lebten sie bis dato als Kolonialherren in Villen mit Dienstboten, so müssen sie nun überwiegend mit Sozialwohnungen vorlieb nehmen. Der spätere Aufstieg der Kräfte um Le Pen hat hierin eine nicht unwesentliche Ursache.

 

In Text 16 heißt dazu:

 

„Vater erzählt beiläufig, der Krieg in Algerien ist

endgültig vorbei.

Alle Franzosen

dort

wollen zu uns, in den Süden, zurück.

Er flucht über die angeblichen Landsleute.

Ces Pieds Noirs, betont er anzüglich,

die hierher kommen,

uns Wohnungen und Arbeitsplätze wegnehmen,

sich so aufführen, als seien sogar

WIR

die Araber."

(S. 56)

 

All das aber interessiert den heranwachsenden Pascal weniger. Schließlich verlangt die Pubertät immer drängender „ihr Recht". Er bändelt mit diversen Mädels an. Aber ohne, daß daraus Affairen, Freundschaften oder sogar Liebe(n) werden.

 

Um so intensiver widmet er sich dem Sport. Vom Vater wird er an dessen Lieblingssport herangeführt: Rugby. Doch im Verein erlebt er zunächst etwas ganz anderes, neues, befremdliches. Denn der Vereinspräsident mißbraucht den Knaben sofort sexuell; siehe Text 19, S. 61-63. Demgegenüber stellt der Autor Pascals eher scheue Versuche mit den Mädels, der sich in solchen Situationen bang befragt, ob er denn vielleicht schwul sei.

 

Und zwischen all diesen eigenen Erlebnissen Pascals flicht der Autor Familiäres, Nachbarliches, Politisches (Präsidentenwahlkampf zwischen de Gaulle und Mitterand z.B.) ein.

 

Als Pascal dann sein eigenes Geld - als Hilfsarbeiter - verdient, spart er sofort jeden Franc. Bis er die Summe zusammen hat, die für ein ganz spezielles Anliegen nötig ist. So daß er endlich sein eigentliches sexuelles Erwachen herbeiführen kann. Als Kunde einer deutlich älteren Prostituierten. (Text 45, S. 144-146)

 

Seine letzten Sommerferien - es ist zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft - verlebt Pascal dann auf einer FKK-Insel. Als Bedienungskraft. Mit gutem Trinkgeld. Und mit einem lustvollen Sex-Abenteuer der Gespielin eines älteren reichen Mannes. Doch nach dem Finalspiel England-Bundesrepublik Deutschland erreicht ihn dort ein Anruf seiner Mutter.

 

„Ja? Ach, Mutter.

Heute ist dein Einberufungsbefehl gekommen.

Schon! Und wann muß ich?

Am 2. Oktober.

Wohin?

Nach Deutschland, sagt sie."

(S. 187)

 

Und damit beginnt für Pascal nun wirklich der Ernst des Lebens...

 

Gérard Scappini nennt die bisher zwei Bände über Pascal „lyrische Prosa". Ja, es sind primär erzählerische Texte, wenngleich sie mehr oder weniger doch in Versform geschrieben sind. Dieser doch etwas ungewöhnliche Stil ist vielleicht am besten geeignet, Beobachtungen, Gefühle, Denkprozesse, Emotionales aller Art des heranwachsenden Knaben/Jugendlichen wiederzugeben.

 

Dem Klappentext - „durch die unbefangenen, wachen Augen des jungen Pascal. Filterlose Wahrnehmungen, die in verdichteten Anekdoten von Hoffnungen, Erwartungen, Enttäuschungen künden." - kann der Rezensent daher voll und ganz zustimmen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gérard Scappini: Am anderen Ende der Stadt. Eine Jugend in Frankreich. 190 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86532-661-4

 



 
15.10.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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