Jupp Schulte will in Pension gehen. Und was ist dann???

WEIMAR. (fgw) Auf den letzten beiden Seiten von Band 19 der kongenialen Krimireihe um den ebenso eigenbrötlerischen wie erfolgreichen Polizeirat „Jupp“ Schulte überrascht dieser seine Freunde und Kollegen mit der überraschenden Nachricht, er werde im übernächsten Monat 63 Jahre alt und habe damit die Pensionsgrenze erreicht. Und diese Chance wolle er auch wahrnehmen.


»Die Detmolder Polizei ohne Jupp Schulte - sich das vorzustellen, verschlug offenbar allen Anwesenden die Sprache.« (S.401-402) Nur sein Vermieter und Freund, der steinalte Bauer Anton Fritzmeier, freut sich auf den baldigen Mitrentner...

 

Aber was wird nun werden? Endet diese amüsant zu lesende überaus spannende Krimireihe nunmehr abrupt? Nein, das darf nicht sein! Bitte, liebes Autoren-Duo Jürgen Reitemeier und Wolfram Tewes, laßt „Jupp" nicht den Rentner-Tod sterben!

 

Ein Satz auf der letzten Seite läßt aber durchaus hoffen. Obwohl dessen Aussage nicht eindeutig ist. Die Autoren lassen ihren Protagonisten in die sprachlose Situation hinein sagen: » „Ich bin sicher, das Leben hält noch genug Aufgaben für mich bereit." «

 

Tja, hoffen wir also. Und vielleicht dürfen wir uns ja bald auf den zwanzigsten Band freuen. Wenngleich dann Jupp Schulte nur noch Polizeirat a.D. sein wird. Aber wie könnte das neue Leben für Jupp aussehen? Auf jeden Fall will er wohl bald wieder einen Fall lösen wollen! Denn er haßt ja Langeweile... Doch wie könnte es weitergehen? Als Privatdetektiv? Nö, bitte nicht, denn das würde dem Niveau des Autoren-Duos nur schaden. Aber wie wäre es damit: Als externer und unterstützender Berater seiner alten Dienststelle, der bei eventuellen „assistierenden" Ermittlungen ja nicht mehr an den vielen zu starren Dienstvorschriften gebunden ist. Und der also eigentlich in seiner gewohnten Art und Weise gegen das Verbrechen antreten kann. Nur eben anders...

 

Aber genug mit diesem Sinnieren, Bangen und Hoffen. Hier und jetzt soll ja doch in erster Linie der realisierte Band 19, „Mies gezockt" besprochen, gewürdigt werden. Und darin geht es wiederum um einen äußerst komplexen Fall. Bei dem dann wieder einmal die Ermittlungen von „Lippisch Sibirien" und der Kreispolizeibehörde erst einander tangieren, dann jedoch eine Einheit bilden.

 

Zunächst fängt alles ganz harmlos an. Jupp und sein privater Anhang besuchen ein Fußballspiel zwischen Amateuren und Profis. Aber wie da der Schiedsrichter pfeift, das ist irgendwie irrsinnig. Etwa zeitgleich führen die Autoren eine neue Figur in ihr Universum ein, Zoé Stahl. Zoé ist eine junge und ehrgeizige Staatsanwältin. Die aber mehr als enttäuscht ist über ihre Versetzung nach Detmold. Das empfindet sie als Verbannung. Wobei sie sich da mit Jupp und seinen Kollegen die Hände reichen könnte. Denn Jupp & Co. - das sind ja sehr individualistische Polizeibeamte, die aber gerade deshalb bei ihren Obrigkeiten in Ungnade gefallen waren. Die aber aus Langeweile anfingen, eher privat zu ermitteln. Und das sogar sehr erfolgreich. Also platzt mit der neuen Staatsanwältin nicht nur eine neue Vorgesetzte in ihre Einöde. Denn im Ministerium war man nun doch auf die Detmolder aufmerksam geworden. Nun sollen die endlich wieder offiziell ermitteln; und sich mit der Kriminalität im Sportwettengeschäft befassen.

 

Es ist März 2020; nicht nur der Ball rollt, sondern auch „Corona", wie die Covid-19-Krankheit in Bundesdeutschland verkürzend und damit verfälschend genannt wird. Die Autoren bringen die damit einhergehenden Hysterien seitens Politik und Medien gekonnt - also ironisierend - in diese Kriminalgeschichte ein.

 

Und just zu dieser Zeit geschieht ungeheuerliches: Direkt vor Schultes Dienststelle wird ein Kleinganove namens Günther Sauer, angeschossen. Was aber ein Fall für die offizielle Polizei, also für Maren Köster ist. Es wird sich herausstellen, daß dieser Ganove gar nicht getötet werden sollte. Zumal der Schütze ein Auftragskiller ist. Diese Figur im großen Spiel ist überaus schillernd angelegt: Eine unscheinbare, kleine graue Maus, die niemand beschreiben kann; die aber stets überaus auffällig gekleidet ist. Der angeschossene Ganove ist ein alter Informant, also schaltet sich Schulte - ganz zum Leidwesen von Maren Köster - doch in die Ermittlungen ein. Die Leitung der vom Ministerium angeordneten Ermittlungen in Sachen Wett-Kriminalität überläßt er sogar einer Kollegin.

 

Im Spiel sind ferner der Krankenpfleger und Schiedsrichter Frank Holzer, der „schöne Heinrich - Henry Fischer, der ein kleines Wettbüro betreibt, sowie Herbert Wagner, der ebenfalls in diesem Metier sein Unwesen treibt. Und worum geht es? Man ahnt es. Aber hier ganz konkret um einen betrogenen Betrüger, der von seinem Strohmann ums Geld, sehr viel Geld, geprellt worden ist. Also läuft nun ein Katz-und-Maus-Spiel. Der Sauer benimmt sich immer wieder nicht nur eigenartig, immer wieder sucht er auch Hilfe bei Schulte. So daß es sogar in dessem privaten Bereich zu Attacken kommt. Der Fischer hingegen treibt eines Tages tot - erschossen - im Fluß. Nebenbei, ausgerechnet diesen Fischer lernte Zoé Stahl bei ihrem ersten Detmolder Kneipenbesuch kennen, naja, besser gesagt: „kennen".

 

Ins Spiel kommt recht bald auch der Vater eines neuen Mitspielers von Schultes Enkel. Bodo Bruschetta heißt der Mann, der merkwürdigerweise von Berlin ins Lipper Land umgezogen ist. Da bleibt es nicht aus, daß Schulte sich bald diese Frage stellt: Ist er...? Oder ist er nicht...?

 

Allmählich fügen sich die einzelnen Mosaiksteinchen zu einem aussagekräftigen Bild zusammen. Und es kommt, wie kann es anders sein, zu einem großen „shot down". Denn inzwischen hat der Auftragskiller auch noch Bruschettas Sohn entführt; dabei einen Leibwächter getötet. Und das alles im Beisein von Schultes Enkel. Also tun sich nun Schulte und Bruschetta zusammen, um gemeinsam dem bösen Spiel ein Ende zu bereiten. Aber, das geht nicht ganz glatt. Doch zum Glück sind Maren Köster und die anderen Polizeibeamten ja auch noch mit im Spiel.

 

Fall gelöst, man kann und darf anstoßen - wenngleich unter Wahrung der Abstandsregeln usw. Auch Zoé Stahl kommt hinzu, aber nicht alleine. Und nun fällt es Schulte wie Schuppen von den Augen, warum ihm diese junge Frau irgendwie bekannt vorkam. Obwohl er ihr tatsächlich nie zuvor begegnet war.

 

Was darf, soll, muß diesem Band unbedingt auch noch bescheinigt werden? Der geniale Sprach- und Wortwitz! Sind doch nicht wenige Dialoge - und Monologe - kabarettreif. Und dies im besten Sinne!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Reitemeier & Wolfram Tewes: Mies gezockt. Kriminalroman. 402 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 13,90 Euro. ISBN 978-3-86532-687-4

 



 
18.12.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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